Michelle Gisin wird Olympiasiegerin in der Kombination und Swiss Ski verliert eine Paradedisziplin

Am liebsten würde Michelle Gisin jeden Tag ein Rennen fahren – egal ob Slalom, Riesenslalom, Abfahrt oder Super-G. «Ich liebe einfach, was ich tue», sagt sie. Die ehemalige Slalomspezialistin fühlt sich längst in allen Disziplinen wohl und ist zur kompletten Skifahrerin gereift.

Martin Probst, Pyeongchang
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Es ist wahr: Bronze-Gewinnerin Wendy Holdener (r.) gratuliert Michelle Gisin zum Sieg in der olympischen Kombination.

Es ist wahr: Bronze-Gewinnerin Wendy Holdener (r.) gratuliert Michelle Gisin zum Sieg in der olympischen Kombination.

Keystone

Die 24-Jährige entspricht damit dem ursprünglichen Gedanken, dass eine echte Könnerin oder ein echter Könner des Skisports alles beherrschen muss. Aus dieser Idee ist einst die Kombination entstanden. Als der Skisport 1936 olympisch wurde, wurden nur zwei Kombinationen durchgeführt. Es war damals die Königsdisziplin.

82 Jahre später ist Michelle Gisin die letzte Olympia-Siegerin in der Kombination. Die Disziplin stirbt. An der WM 2019 wird das Format noch einmal gefahren. Danach ist Schluss. Zwar wurde die Kombination erst provisorisch aus dem Weltcupkalender 2020 gestrichen. Doch niemand glaubt wirklich, dass die Pläne am Kongress des internationalen Skiverbandes FIS noch umgestossen werden. Zu klein ist die Lobby für den Erhalt. Faktisch ist nur Swiss Ski an der Weiterführung der Krisen-Disziplin interessiert.

Kombinations-Olympiasiegerin Michelle Gisin bei der Medaillenfeier

Kombinations-Olympiasiegerin Michelle Gisin bei der Medaillenfeier

KEYSTONE/GIAN EHRENZELLER

Kein Wunder: Die Kombination ist seit Jahren eine Schweizer Angelegenheit. Im Krisenwinter 2012/13 rettet Carlo Janka als Dritter in der Kombination in Wengen das Männerteam vor einem Nuller in dieser Saison. An den Olympischen Spielen 2014 war Kombi-Gold von Sandro Viletta die einzige Männermedaille. Von den sieben Medaillen an der gefeierten Heim-WM im vergangenen Februar in St. Moritz gewann Swiss Ski vier in der Kombination. Luca Aerni wurde Weltmeister und Mauro Caviezel holte die Bronze. Bei den Frauen triumphierte Wendy Holdener vor Michelle Gisin.

Kein Support aus Österreich

Gestern wurde Gisin Olympiasiegerin und Holdener gewann Bronze. Holdener sagt: «Es ist wirklich schade, wenn die Disziplin wegfällt.» Doch im Weltcup findet die FIS kaum noch Veranstalter. In Kitzbühel verzichten sie seit 2017 auf den Event. Und obwohl Superstar Marcel Hirscher in Südkorea seine erste olympische Goldmedaille überhaupt in einer Kombi gewann, wird sich die ablehnende Haltung in Österreich nicht ändern. So ist auf der Männerseite einzig noch Wengen als wichtiger Player bereit, das Format zu stützen. Nicht gross anders sieht es auf der Seite der Frauen aus.

Die Ablehnung verwundert eigentlich nicht. Auch wenn die Olympia-Medaillen-Gewinner in der Kombination klingende Namen haben, ist das Feld der konkurrenzfähigen Athletinnen und Athleten klein. Zum gestrigen Kombi-Slalom der Frauen traten nur 22 Fahrerinnen an – maximal acht mit Medaillenchancen. Auf der Männerseite gibt es nicht mehr Favoriten – und wie bei den Frauen sind mindestens zwei davon Schweizer.

Das Ende der Kombination könnte sich künftig also schmerzlich auf die Schweizer Bilanzen auswirken. Doch noch zählt die Gegenwart. Und da hat Michelle Gisin eine vorzügliche Leistung gezeigt. Mit der drittschnellsten Zeit in der Abfahrt und der viertbesten Laufzeit im Slalom hat sie verdient die Goldmedaille gewonnen und bewiesen, dass sie die den Spagat zwischen technischer Gabe und Speedtalent aktuell am besten beherrscht. Die 24-Jährige ist damit die Letzte einer aussterbenden Art: Sie ist die komplette Skifahrerin – die letzte Königin vergangener Zeiten.

Gold und Bronze: Michelle Gisin (links) und Wendy Holdener jubeln nach der Kombination

Gold und Bronze: Michelle Gisin (links) und Wendy Holdener jubeln nach der Kombination

KEYSTONE/AP/CHRISTOPHE ENA

«Das ist alles einfach nur verrückt», sagt Gisin. «Es ist ein Traum.» Vier Jahre nach ihrer Schwester Dominique in der Abfahrt hat nun sie eine olympische Goldmedaille gewonnen. Im Ziel lagen sich die beiden in den Armen. «Nur dank ihr bin ich hier. Sie hat mir im Speedbereich so viel beigebracht und mir vor allem das Vertrauen gegeben.»
Noch erfreulicher als der Auftritt in der Kombi-Abfahrt war aber jener im Slalom. In ihrer ehemaligen Paradedisziplin hatte Michelle Gisin zuletzt Mühe. Nun hat sie sich zurückgemeldet. «Ich habe immer gesagt, schreiben Sie mich im Slalom nicht ab», sagt die Engelbergerin und hat recht bekommen.

Was sie sagen will: Die Schweiz braucht die Kombination vielleicht bald nicht mehr, um Mehrfach-Erfolge zu feiern. «Ich hoffe, dass Wendy und ich bald auch in anderen Disziplinen zusammen auf dem Podest stehen können», sagt Gisin. Dem ist nichts hinzuzufügen.