Ski alpin

Dominique Gisin geht auf zu neuen Höhenflügen

Wir wussten bis vor Kurzem nur von Gerüchten - Dominique Gisin hat bereits vor der Saison gewusst, dass ihre Karriere jetzt endet. Doch der 29-Jährigen tun sich nun wieder neue Türen auf, die sie lange Zeit für den Skisport verschlossen hatte.

Martin Probst, Méribel
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Die Leidenschaft von Dominique Gisin ist das Fliegen: Zum Abschluss ihrer Ski-Karriere hob sie in Méribel ab.

Die Leidenschaft von Dominique Gisin ist das Fliegen: Zum Abschluss ihrer Ski-Karriere hob sie in Méribel ab.

KEYSTONE

«Man hat mir gesagt, ich weine zu viel», sagt Dominique Gisin. Sie hat gerade Platz genommen, um Adieu zu sagen. Adieu zum Skisport, Adieu zu einer nie einfachen Karriere. Am Sonntag fährt sie in Méribel ihr letztes Weltcuprennen, danach ist fertig. «Ich trete zurück.» Sie sagt es. Gefasst.

Doch mit den Tränen ist es so eine Sache. Man kann sie nicht planen, genau so wenig, wie man eine Karriere planen kann. Und so weint Gisin eben doch. Ein paar Minuten später. Dann, als sie von ihren Freunden und der Familie erzählt. «Ich habe so viel Freude erlebt.»

Die schönsten Tränen vergoss Gisin vor einem Jahr. Olympiasiegerin in der Abfahrt. Es gibt wohl niemanden, der es ihr nicht gegönnt hätte. In Sotschi teilt sie sich den Olympiasieg mit Tina Maze. Damit schloss sich irgendwie ein Kreis. Denn schon bei ihrem ersten Weltcupsieg im Januar 2009 teilte sie sich Rang eins. Damals mit Anja Pärson. Maze, Pärson – die beiden mögen mehr Erfolge gefeiert haben als Gisin, dafür haben sie weniger gelitten. Darum ist die Geschichte der Schweizerin eine spezielle.

Ein Auf und Ab

Fangen wir vorne an. Dominique Gisin wurde am 4. Juni 1985 in Engelberg geboren. Schon als Kind war sie aktiv und abenteuerlustig. Schwester Michelle, heute ebenfalls Skiprofi, erinnert sich: «Wir hatten damals in unserem Haus eine Wendeltreppe, Dominique und ich haben uns mit einer Kletterausrüstung abgeseilt.» Runter – und sofort wieder hinauf. Rennend, lachend – und stets von neuem.

Auch die Karriere von Dominique Gisin war ein ständiges Auf und Ab. Geprägt von zahlreichen Verletzungen. «Es war von Anfang an eine verrückte Reise», sagt sie. Neunmal wurde sie insgesamt an ihren Knien operiert. Aufgegeben hat sie nie. Hinfallen, aufstehen, runter und wieder rauf. Wie damals auf der Wendeltreppe. «Ich möchte mich rückblickend bei allen Medizinern bedanken, die dafür gesorgt haben, dass es möglich war, bis jetzt Ski zu fahren», sagt Gisin.

Paradoxerweise war es eine Verletzung, die ihre Karriere fast noch verlängert hätte. Eine Schienbeinkopffraktur kurz vor der WM hatte sie zurückgeworfen. Dabei war Gisin schon seit dem Beginn der Saison klar, dass es ihre letzte sein wird. Hans Flatscher, ihr Trainer, sagt: «Ich wusste von ihren Plänen und habe doch lange gehofft, dass sie sich umentscheidet.» Gisin dazu: «Im vergangenen Sommer und Herbst habe ich mir viele Gedanken über den Rücktritt gemacht.» Sie hatte plötzlich Mühe, sich für das Konditions- und Krafttraining zu motivieren. «Skifahren könnte ich an 1000 Tagen im Jahr», sagt sie. Aber schinden wollte sie sich nicht mehr dafür.

Dem Instinkt gefolgt

Dominique Gisin hatte einen Plan. Wie sie ihn immer hat. Doch die Verletzung passte nicht ins Bild. «Ich wollte erfolgreich aufhören», sagt sie. Auf dem Zenit. Vor der Saison war ihr dies bereits klar. Der Weg stimmte, das Ziel war klar. Die WM sollte ihr letztes Highlight werden. Doch dann folgte der Schock: Schienbeinkopffraktur. Statt in diesem Februareine erfolgreiche, letzte WM zu fahren, musste sie sich noch einmal quälen. Mit Erfolg. Wie schon so viele Male zuvor. Gisin kam zurück, bestritt den Riesenslalom in Beaver Creek und nun auch die letzten Rennen der Saison. «Wenn ich schon nicht erfolgreich aufhören kann, dann wenigstens auf Ski – im Wettkampf», sagt sie. Es ist ihr gelungen.

Sie hatte es sich überlegt, weiterzumachen. Nach der Verletzung. Ein Teil von ihr wollte noch einmal die Chance haben, zu gewinnen. Aber die Pläne im Kopf waren stärker. Gisin hat sich für das Physikstudium an der ETH Zürich eingeschrieben und zudem den ganzen Winter für die theoretischen Prüfungen zur Berufspilotin geübt. «Jetzt kann ich in Ruhe den praktischen Teil in Angriff nehmen», sagt sie. Linienpilotin will sie nicht werden. «Da wäre ich zu viel unterwegs und dieses Leben habe ich als Skifahrerin nun lange gelebt.» Aber sie kann sich vorstellen, Teilzeit für eine private Business-Gesellschaft zu fliegen. Es sind neue Höhenflüge, die sie anstrebt.

Höhenflüge erlebte sie auch auf der Piste. Drei Weltcuprennen hat sie gewonnen, dazu stand sie weitere viermal auf dem Podest. Das grosse Highlight ist der Olympiasieg. «Nur eine Kristallkugel für die beste Fahrerin der Saison fehlt mir», sagt sie. Dieser Traum bleibt unerfüllt.

Mentaltrainerin für Swiss-Ski?

Swiss-Ski verliert mit Dominique Gisin nicht nur eine erfolgreiche Athletin, sondern auch eine wichtige Teamstütze.Trainer Hans Flatscher sagt: «Dominique war eine, die nie nur die eigenen Ziele verfolgte. Sie setzte sich für das Team ein.» Sie stand den jüngeren Athletinnen immer mit Rat zur Seite. «Ich habe in meiner Karriere so viele Facetten erlebt. Davon können andere profitieren», sagt Gisin. Darum kann sie sich auch gut vorstellen, einmal als Beraterin im mentalen Bereich für Swiss-Ski tätig zu sein.

Dieses Selbstvertrauen und die Gewissheit, mit schwierigen Situationen zurechtzukommen, hat sich Gisin in all den Jahren erarbeitet. «Der Skisport war eine Lebensschule», sagt sie. Ihr Vater erinnert sich: «In ihrem ersten Skirennen als kleines Mädchen hat sie vor Nervosität die Zeitschranke zu früh ausgelöst und ihr Trainer musste ihr sagen: Hey, Dominique, du musst jetzt losfahren.» Sie tat es. Mit Verspätung. Wie auch die Krönung ihrer Karriere spät folgte. Heute muss ihr niemand mehr sagen, dass es losgeht. In ein neues Leben.