Interview

Carlo Janka: «Bin selber überrascht, dass es nicht besser läuft»

Carlo Janka kommt weiterhin nicht auf Touren. Trotzdem sagt der 26-Jährige über sich selbst: «Meine Situation ist besser als vor einem Jahr». Anderseits ist er überrascht, dass es auch in der Abfahrt und im Super-G nicht besser läuft.

Richard Hegglin, Val Gardena
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Carlo Janka: Viele Fragen plagen den Obersaxer.ETTORE FERRARI/Key

Carlo Janka: Viele Fragen plagen den Obersaxer.ETTORE FERRARI/Key

Ein 42. und 40. Rang in den Abfahrtstrainings von Val Gardena – das sind keine Resultate, die einen Olympiasieger und ehemaligen Weltcup-Gesamtsieger zufriedenstellen?

Carlo Janka: Ich muss es akzeptieren, wie es ist, und weiterkämpfen, weiterkämpfen, weiterkämpfen.

Das ist leichter gesagt als getan.

Ich muss versuchen, in jedem Training und jedem Rennen kleine Schritte vorwärtszukommen. Dann sollte es in die richtige Richtung gehen. Es gibt zwischendurch immer wieder positive Aspekte.

Haben Sie die von der FIS angeordneten Materialänderungen unterschätzt? Mit Ihrer angeborenen Gelassenheit meinten Sie damals: Es wird schon gehen.

Vor einem Jahr war nicht abzusehen, wie lange dieser Prozess dauern wird. Dass die Umstellung im Riesenslalom gewisse Zeit in Anspruch nimmt, damit habe ich gerechnet. Dass es aber so lange dauert, hätte ich nie erwartet.

Während Ted Ligety lauthals die FIS kritisierte, testete er wie verrückt. Und Sie?

Auch wir haben das Möglichste getan. Doch das Südamerika-Training in Ushuaia ging komplett in die Hosen. Dort haben wir viel verpasst und konnten den Rückstand nicht aufholen.

Allmählich spürt man in Ihrem Umfeld Unstimmigkeit und hört Schuldzuweisungen. Atomic-Entwicklungschef Rupert Huber meinte, die Schweizer Trainer sollten sich auf ihre Aufgabe konzentrieren und nicht immer beim Material den Grund suchen.

Meines Wissens ist nicht alles so gesagt worden, wie es nachher in den Zeitungen stand. Grundsätzlich ist es schlecht, wenn die eine Partei im Hintergrund über die andere herzieht. Das bringt uns nicht weiter. Besser würden alle an einen Tisch sitzen, die Probleme besprechen und dann am gleichen Strick ziehen.

Ihre Fahrweise ist nicht mehr so aggressiv wie früher. Gehen Sie weniger Risiken ein?

Vertrauen und Risikobereitschaft ist voneinander abhängig. Wenns nicht stimmt, tut man sich schwer, ans Limit zu gehen. Man schafft es gar nicht. Es hängt alles am gleichen Faden. Umgekehrt wenns läuft, geht alles einfacher. Man kann sich besser überwinden.

Sie tun sich in allen Disziplinen schwer. Hat das eine Gemeinsamkeit?

Ich bin selber überrascht, dass es auch in der Abfahrt und im Super-G nicht besser läuft, obwohl in diesen Disziplinen die Materialumstellungen nicht so gross waren wie im Riesenslalom. Andere Schuhe, andere Ski und andere Einstellungen habe ich gleichwohl. Vielleicht ist das zu viel auf einmal.

Ist ein Schuhwechsel von Atomic auf Salomon nie in Erwägung gezogen worden, da Sie mit den bisherigen Modellen offenbar nicht zurechtkamen? Atomic und Salomon gehören ja zum gleichen Konzern.

Das ist eine heikle Geschichte. Es wäre vermutlich für die Firma nicht Image fördernd, wenn es mir mit Salomon-Schuhen besser liefe als mit Atomic-Schuhen. Bis jetzt haben wir schon so viel ausprobiert, dass ein solcher Wechsel noch kein Thema war. Vielleicht kommt es noch.

Oder sogar ein Skiwechsel, wie ihn Bernhard Russi empfahl?

Ich bleibe meiner Marke, für die ich schon seit über zehn Jahre fahre, sicher treu.

Sie sind an einem Punkt, oder genauer Tiefpunkt angelangt, wo sich unkonventionelle Lösungen aufdrängen. Es geht um Ihre Karriere.

Ein Problem ist, dass im Moment aufgrund des Rennkalenders intensive Materialtests kaum möglich sind. Wertvolle Zeit ist im Sommer verloren gegangen.

Marcel Hirscher gewinnt mit Ihrer Marke im Riesenslalom und fährt dreimal aufs Podest. Er reiste mit 75 Paar Ski in die USA. Angeblich können Sie von seinem Material-Know-howaber nur marginal profitieren?

Marcel hat einen völlig anderen Fahrstil, der sich nicht eins zu eins auf mich übertragen lässt. Er kann auch mehr Zeit in Materialtests investieren,da er nur zwei technische Disziplinen bestreitet. Das kann ein Vorteil sein. Es ist schon nicht mehr so bei Atomic, wie es einmal war. Das macht die Aufgabe nicht einfacher.

Sie sehen schlanker aus als früher. Haben Sie an Gewicht verloren?

Vermutlich erweckt mein grosser Helm diesen Eindruck. Der ist tatsächlich riesig. Darunter sehe ich aus wie ein kleines Männchen. Ich bin aber genau gleich schwer wie früher.

Nach den zwei schwierigen Jahren mit Rücken- und den Virus-Problemen und einer Herzoperation sind Sie wieder gesund. Hat Ihnen diese Zeit vielleicht doch mehr Substanz gekostet als vermutet, da Sie nie vollumfänglich trainieren konnten?

Dafür muss ich sicher «nachzahlen», allein schon durch die Startnummern-Positionen, die ich verloren habe. Diese Rechnungen haben ich noch zu begleichen.

Sind die Konditionswerte auf dem gleichen Niveau wie früher?

Solche Tests haben wir in diesem Herbst nicht mehr gemacht. Damit diese aussagekräftig sind, müsste man vorher Erholungsphasen einschalten. Darunter hätte das Training gelitten. Grundsätzlich spüre ich, dass die Werte gut sein müssten. Ich fühle mich top.

Obwohl Sie theoretisch noch nicht einmal für die WM qualifiziert wären, wirken Sie ruhig wie immer. Nagt die momentane Krise nicht an den Nerven?

Im letzten Jahr machte sie mir stärker zu schaffen, weil der Körper nicht mitspielte. Jetzt ist es ein anderes Problem. Deshalb können wir weiterarbeiten und weiterkämpfen. Wenn der Körper nicht mitmacht, geht nichts mehr. Darum ist die Situation besser als im letzten Jahr.