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SKI NORDISCH: «Schneller wird es nicht mehr»

Der Blick auf die Bestzeiten des Engadiners ist eine Reise in die Geschichte des Langlaufsports. Der abtretende OK-Chef Ivo Damaso schaut zurück auf schnelle Jahrgänge, auf Materialentwicklungen und die Aufholjagd der Frauen.
Ralf Streule
Zeitenwende: Der US-Amerikaner Bill Koch gewinnt den Engadiner 1981 im «Siitonen-Schritt». Ende der 1980er setzt sich Skating durch – die Streckenrekorde purzeln danach fast jährlich. (Bild: ky/str)

Zeitenwende: Der US-Amerikaner Bill Koch gewinnt den Engadiner 1981 im «Siitonen-Schritt». Ende der 1980er setzt sich Skating durch – die Streckenrekorde purzeln danach fast jährlich. (Bild: ky/str)

SKI NORDISCH. Am Sonntagabend werden sie wieder im Zahlensalat stöbern, die Langläufer, die sich Stunden zuvor auf dünnen Latten von Maloja nach S-chanf gestossen haben. Online-Ranglisten mit Zwischenzeiten erzählen Geschichten: Von guter Linienwahl bei Staus, von körperlichen Schwächephasen und Höhenflügen.

Es gibt aber auch jene Zahlen, die einiges über die Geschichte des Sports berichten. Die Siegerzeiten der 46 Austragungen zum Beispiel: Was macht aus der Kurve in der Grafik eine derart gezackte Berglandschaft? Die Rekordzeit zwischen der Premiere 1969 und 1994 senkte sich um eine gute Stunde auf 1:16 Stunden. Dazwischen und danach aber schwanken die Siegerzeiten stark. Das Credo «immer schneller» gilt für den Engadiner nicht.

Erste Revolution 1975

Einer, der die Gründe kennt, ist Ivo Damaso, seit 2010 OK-Chef des Marathons und selbst 19facher Teilnehmer. «Es ist ein Zusammenspiel von vielem», sagt er. Für Schwankungen zuständig seien Schnee und Wetter. «Schnelle Läufe gibt es, wenn die Tage zuvor warm und die Nächte kalt sind.» Dann wird die Unterlage zum Eisfeld. Langsam wird es bei Neuschnee – oder bei starkem Nordwind, dem die Läufer 2006 ausgeliefert waren.

Dass die Zeiten zwischen 1980 und 1994 aber fast jährlich schneller wurden, hat mit der Skating-Technik zu tun, die sich etablierte. «Ein Pionier war 1975 August Broger», sagt Damaso. Zwar lief der Appenzeller noch klassisch in der Doppelspur. Er trug aber als einer der ersten Kunststoff- statt Holzski. Und er lief ohne Haftwachs, der in der klassischen Technik für den Beinabstoss zentral ist. So war sein Ski schneller. Broger musste aber alleine mit Armkraft und bei Aufstiegen mit Schlittschuhschritten arbeiten. Er gewann mit deutlichem Streckenrekord: 1:42:44 Stunden. 1981 siegte Bill Koch aus den USA als erster mit dem Siitonen-Schritt, bei dem ein Ski neben der Spur im Ausfallschritt geführt wird. «Technische Einschränkungen gab es am Engadiner nie», sagt Damaso. Heute laufen noch fünf Prozent der Teilnehmer klassisch.

Als sich das Skaten um 1990 richtig durchsetzte, fielen die Rekorde im Jahrestakt. Der Franzose Hervé Balland erreichte 1994 mit 1:16 Stunden die beste je gelaufene Engadiner-Zeit und ein Durchschnittstempo von 33 km/h. Natürlich nach einem warmen Vortag und einer kalten Nacht. Damals lief auch Damaso mit 1:22 Stunden seine Bestzeit.

Dass niemand mehr an Ballands Zeit herankam, hat mit einer Streckenänderung zu tun. Exakte Distanzmessungen zeigten, dass der Lauf nicht ganz 42 Kilometer lang war. Das Ziel wurde deshalb 1998 von Zuoz ins weiter entfernte S-chanf verlegt. Die Strecke führt seither am Ende über coupiertes Gelände. Damaso rechnet deshalb nicht damit, dass Ballands Zeit je wieder erreicht wird. Auch wenn beim Material – vor allem bei der Belagsstruktur – weiterhin grosse Fortschritte gemacht würden.

Rückgang nach harten Läufen

Was die Historie auch zeigt: Frauen kommen den Männern immer näher. 1969 handelte sich die Schnellste noch einen Rückstand von über einer Stunde ein. 2013 lief die Finnin Riita-Liisa Roponen mit 1:29:52 nur eineinhalb Minuten hinter dem französischen Sieger Pierre Guedon ein. Frauenlanglauf habe punkto Professionalität und Athletik erst sehr spät nachgezogen, sagt Damaso. «Solange es keine Angriffe gibt, können sich die besten Frauen heute am Engadiner im Spitzenfeld halten.»

Wie subtil Hobbysportler auf vorangegangene Läufe reagieren, ist der Teilnehmer-Entwicklung abzulesen. Drei Rückgänge sind seit den 1990er-Jahren auszumachen. Einmal im Jahr nach der Absage 1991, die sehr spät kommuniziert wurde. «Der Imageschaden war enorm», sagt Damaso. Zudem nach der Zielverlegung 1998, als das Rennen zäher wurde. Und zuletzt nach dem Lauf im Gegenwind 2006. Stets erholte sich die Zahl – zuletzt dank der Einführung eines Halbmarathons.

Die weitere Geschichte des Laufs wird Damaso nicht mehr mitprägen. Im Sommer 2015 war bekannt geworden, dass der Vorstand 2016 geschlossen zurücktritt – nach Meinungsverschiedenheiten mit den lokalen Skiclubs. So oder so werde der Engadiner eine grosse Zukunft haben, ist Damaso überzeugt. «Wenn nicht der Klimawandel einen Strich durch die Rechnung macht.» Das sei die grösste Sorge: Dass die Seen, auf denen die Läufer auf den ersten Kilometern unterwegs sind, künftig nicht mehr genügend tragen könnten.

Ivo Damaso OK-Präsident Engadiner (Bild: pd)

Ivo Damaso OK-Präsident Engadiner (Bild: pd)

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