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SKI NORDISCH: «Eine Welle an Gefühlen»

Nirgendwo sonst im olympischen Sport wird der Traum vom Fliegen so gelebt wie im Skispringen. Bei der WM in Oberstdorf geht es an die 250-Meter-Marke, Forscher halten selbst 400 Meter für möglich.
Christoph Leuchtenberg (sid)
Der Italiener Sebastian Colloredo beim Training auf der WM-Flugschanze in Oberstdorf. (Bild: Matthias Schrader/Keystone (18. Januar 2018))

Der Italiener Sebastian Colloredo beim Training auf der WM-Flugschanze in Oberstdorf. (Bild: Matthias Schrader/Keystone (18. Januar 2018))

Christoph Leuchtenberg (SID)

Flugshow ohne Grenzen oder grenzenloser Wahnsinn? Am Skifliegen scheiden sich die Geister. Jene, denen es um ein Schneller-Höher-Weiter geht, scheinen dabei die Oberhand zu gewinnen: So oft wie in diesem Winter wurde noch nie in einer Saison geflogen. Auch bei der WM in Oberstdorf werden die besten und tollkühnsten Flieger in diesen Tagen wieder in sportliche Grauzonen vordringen. Wo das Limit des Menschenmöglichen liegt, ist dabei weiter offen.

«Es gibt kein Limit», behauptet gar der ehemalige Skiflug-Weltmeister Severin Freund. «Einst hat man gesagt, der Mensch könne nicht über 100 Meter weit springen, weil der Körper das nicht aushält», sagte der Deutsche. «Heute wären wir Athleten die Ersten, die sagen, wir fliegen 300 Meter weit, wenn es eine Schanze dafür gibt.»

Wellinger: «Die Sportart frisst ihre Kinder»

Dabei gab es die bereits. 2011 hatte der auf Spektakel spezia­lisierte Red-Bull-Konzern eine riesige Naturschanze auf 3000 Metern Höhe im Nationalpark Hohe Tauern installiert, um die 300 Meter zu knacken. Die «Werksspringer» Gregor Schlierenzauer und Thomas Morgenstern waren als Versuchskaninchen auserkoren. «300 Meter sind für einen Skiflieger möglich», sagte Schlierenzauer. Das Unternehmen wurde abgeblasen, weil Österreichs Skiverband ­seinen Topathleten aus Sicherheitsgründen die Freigabe verweigerte. Morgenstern beendete 2014 auch wegen eines schrecklichen Sturzes beim Flug-Weltcup am Kulm seine Karriere. Skifliegen ist eben nicht nur eine Sportart, die süchtig macht. «Ein Flug auf 245 Meter bringt eine Welle an Gefühlen, die durch den Körper schiessen», sagte der deutsche Topspringer Andreas Wellinger. Skifliegen ist auch eine Sportart, die ihre Kinder schnell frisst.

Die Risiken, die das Abheben von den Riesenbakken mit sich bringt, hatte der Weltverband FIS bereits in den 1980er-Jahren erkannt und der Weitenjagd Einhalt zu gebieten versucht. 1986 entschied die FIS, den Weltrekord bei 191 Metern einzufrieren. Jeder Sprung, der diese Weite übertraf, wurde fortan als 191er gewertet, die Wettkampf-Ergebnisse wurden so zur Farce. Bis heute führt die FIS selbst keine Rekordlisten. Spätestens seit 2011, als in Norwegen der umgebaute Vikersundbakken in Dienst gestellt wurde, war es dennoch vorbei mit der Zurückhaltung. Den Rekord hält aktuell der Österreicher Stefan Kraft mit 253,5 m, geflogen wird immer weiter, immer mehr. Im aktuellen Olympiawinter stehen vier der fünf derzeit betriebenen Flugschanzen im Wettkampfkalender. Die olympische Normalschanze taucht hingegen nicht mehr im Weltcup auf.

Weiter, immer weiter – aber wohin? Physisch scheinen keine Grenzen gesetzt, das hatte der Grazer Universitätsprofessor Wolfram Müller schon in den 1990er-Jahren theoretisch erforscht. «Beim Skifliegen nimmt der Springer ab 200 Metern einen fast konstanten Gleitwinkel ein. Vom Standpunkt der Physik und der Aerodynamik ist ein 400-Meter-Flug nicht auszuschliessen», sagte Müller.

Dass solche Weiten-Dimensionen auf absehbare Zeit Science-Fiction bleiben, resultiert aus praktischen Erwägungen, die nötigen Anlagen würden finanziell und strukturell jedes vertretbare Mass sprengen. «Wir wollen keine Rekordjagd um jeden Preis», sagte FIS-Renndirektor Walter Hofer: «Schliesslich soll der Zuschauer nicht nur irgendwo einen schwarzen Punkt fliegen sehen.»

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