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Interview

Ski-Experte Armin Assinger: «So fährt die FIS den Skisport an die Wand»

Österreichs Kult-Skiexperte Armin Assinger erklärt, warum es an der Spitze des Internationalen Skiverbandes Veränderungen braucht. Und warum er eine Weltmeisterschaft in Schweden nicht richtig findet.
Martin Probst, Åre
Wegen Nebel im obersten Teil sahen die Fans am Samstag nur eine verkürzte Männer-Abfahrt. (Bild: Joel Marklund/Bildbyran (Åre, 9. Februar 2019))

Wegen Nebel im obersten Teil sahen die Fans am Samstag nur eine verkürzte Männer-Abfahrt. (Bild: Joel Marklund/Bildbyran (Åre, 9. Februar 2019))

Als wir Armin Assinger in Åre treffen, schaut er gerade die Abfahrt der Frauen. Bei jeder Österreicherin leidet er mit, lehnt sich nach vorne und wieder zurück. «Schön springen! Komm, schön springen!», schreit er Nicole Schmidhofer hinterher.

Es hilft nichts, Assingers Landsfrauen bleiben ohne Medaille. Als es während des Interviews darum geht, wie lange der 54-Jährige noch Skiexperte für den ORF sein will, sagt er: «Sie haben ja gesehen, wie ich mit jeder Österreicherin mitleide und mitfiebere: Meine Liebe gehört für immer dem Skisport. So lange die Möglichkeit besteht, möchte ich das machen.» Assinger war selbst Skifahrer und hat vier Weltcuprennen gewonnen. Seit 1995 ist er als Skiexperte tätig. Seine Kommentare und Analysen sind nicht nur informativ, sondern auch unterhaltend.

Armin Assinger

Armin Assinger

Sie sind nicht nur Sportexperte, sondern auch TV-Moderator im Unterhaltungsbereich und moderieren die «Millionenshow». Gehört es heute auch in der Sportberichterstattung dazu, zu unterhalten?

Armin Assinger: Sport und Show sollen eine Symbiose bilden, obwohl der Sport im Profibereich natürlich die Hauptrolle spielen muss. Einige Showeffekte gehören einfach dazu, die Unterhaltung ist ebenso wichtig.

Stichwort Unterhaltung: Ist der Skisport noch zeitgemäss?

Es gibt Bemühungen, den Sport populärer zu machen. Oder sagen wir es so: Bemühungen, nicht an Popularität zu verlieren. In diesem ganzen Sammelsurium an Sportarten, die um TV-Präsenz buhlen, vom Super Bowl über Darts und E-Sports bis zur Champions League, ist es schwierig, dass das Skifahren nicht an öffentlicher Wahrnehmung verliert. Darum sind neue Formate, ich denke an die City-Events, ein Weg, um zu den Leuten zu gelangen. Aber ich bezweifle, dass es allein mit diesen Formaten getan ist.

Was meinen Sie?

Ich bin mir nicht sicher, ob eine Ski-WM in Åre der richtige Weg ist. Das hilft nicht, den Sport populärer zu machen. In Schweden ist der alpine Skisport eine Randerscheinung. Wenn ich denke, was vor zwei Jahren in St. Moritz los war, was für Zuschauermassen die WM angezogen hat, dann ist das nicht vergleichbar. Oder auch 2013 in Österreich, in Schladming. Das sind andere Dimensionen. Mit Weltmeisterschaften muss man in die Epizentren gehen, dorthin wo der Skisport am wichtigsten ist.

Trotz neuer Formate: Die Highlights im Skiwinter sind die Abfahrten in Wengen und Kitzbühel.

Ja, das wird auch so bleiben. Was aber nicht heisst, dass man sich neuen Formaten verschliessen sollte. Warum nicht wieder eine Abfahrt in zwei Durchgängen, was es für mehr Veranstalter möglich machen würde, ein solches Rennen durchzuführen? Es ist oft schwierig, eine mehr als drei Kilometer lange Piste hinzubekommen, es ist teurer und zeitaufwendiger als auf einer zwei Kilometer langen Abfahrt, auf der man zwei Durchgänge austrägt. Und der Spannung tut es ja keinen Abbruch, ob man einen oder zwei Durchgänge fährt.

Sie finden, der Internationale Skiverband FIS ist zu wenig innovativ?

Schauen Sie, die FIS hat nicht einmal mehr Stimmrecht im Olympischen Komitee, weil Gian Franco Kasper (der FIS-Präsident; die Red.) das Alterslimit überschreitet. Es kann nicht sein, dass wir dort keine Lobby für den Skisport haben! Wenn bei der FIS nicht die veralteten Strukturen an der Spitze aufbrechen, fährt der Skisport an die Wand. Aber am Hauptsitz der FIS, in Oberhofen am Thunersee, ticken die Uhren extrem langsam.

Was stört Sie?

Uns überholen andere Sportarten links und rechts. Dabei ist der Skisport unglaublich spektakulär, egal ob es Abfahrt oder Slalom ist. Wie die Athleten ihren Körper im Griff haben, das ist Cirque-de-Soleil-Niveau. Doch das Produkt Skisport muss man hegen und pflegen, und das sehe ich bei der FIS schon seit langem nicht gegeben mit einem Präsidenten, der seit Ewigkeiten an der Spitze sitzt und sich nicht bewegt. Ich halte aber dezidiert fest, dass Markus Waldner und Atle Skaardal (die FIS-Renndirektoren; die Red.) sowie ihre Teams vor Ort grossartige Arbeit leisten.

Sehen Sie einen Nachfolger, der für Besserung sorgen könnte?

Ich denke, dass Swiss-Ski-Präsident Urs Lehmann eine gute Wahl wäre. Wir kennen uns, seit ich selbst Rennen gegen ihn gefahren bin. Ich schätze ihn sehr. Er ist ein intelligenter Mensch und ich glaube, dass er es könnte.

Stattdessen stellt Gian Franco Kasper den Skisport mit Aussagen über den Klimawandel, an den er nicht glaube und über Diktaturen, in denen es einfacher sei, Wettkämpfe zu organisieren, dar.

Si tacuisses, philosophus mansisses. Wenn du geschwiegen hättest, wärest du Philosoph geblieben.

Sprechen wir über die Männerabfahrt an der WM. Das Rennen wurde bei Nebel und Schneefall gestartet. Viele Fahrer störte das, Kritiker monierten, dass es keine Werbung für den Sport war.

Bei so einem Rennen ist es vollkommen klar, das habe ich ja selbst als Athlet so erlebt, dass du ab dem vierten Platz einfach angefressen bist. Wenn Beat Feuz Bronze gewinnt, statt Vierter zu werden, spricht man in der Schweiz von einem schwierigen Rennen, nimmt die Medaille aber natürlich gerne mit. Jetzt ist Vincent Kriechmayr aber Dritter geworden und darum motzen wir in Österreich nicht. So ist das Spiel.

Der Präsident des österreichischen Skiverbandes, Peter Schröcksnadel, hat nach der WM in St. Moritz gesagt, er würde sofort alle Medaillen der Österreicher gegen WM-Gold in der Männerabfahrt eintauschen. Sind solche Aussagen nicht despektierlich den erfolgreichen Österreichern in anderen Disziplinen gegenüber?

Das muss man verstehen: In Österreich ist die Abfahrt seit Ewigkeiten das Highlight. Das begann mit Toni Sailer, Egon Zimmermann, Franz Klammer. Das sind in Österreich Volkshelden und darum ist die Wertigkeit der Abfahrt so gross bei uns. Aber natürlich hat unser Präsident das überspitzt formuliert (lächelt).

Trotzdem: Michael Walchhofer war 2003 der letzte Abfahrtsweltmeister aus Österreich. Seit 16 Jahren wartet das Land auf einen Titel. Das schmerzt in der Seele der Skination Österreich.

Ja. Das schmerzt, keine Frage. Aber am Ende ist es nur Sport.

Dafür hat Österreich Marcel Hirscher. Der 29-Jährige hat im Skisport fast alles gewonnen, was man gewinnen kann. Nur einen Abfahrtssieg hat er nicht. Taugt er in Österreich trotzdem zum Helden?

Doch, sicher. Marcel Hirscher ist ein Volksheld in Österreich. Er ist der Mister Ski bei uns und das schon seit vielen Jahren. Er gewinnt in dieser Saison zum achten Mal in Folge den Gesamtweltcup. Sonst noch Fragen?

Haben Sie Angst um die Dominanz der Österreicher nach seiner Zeit?

Wie war das in der Schweiz, als Pirmin Zurbriggen, der alles überstrahlt hat, aufgehört hat? Genau, dann waren der Franz Heinzer da, der Daniel Mahrer. Ein Türchen geht zu und ein anders auf. Wenn Marcel Hirscher mal aufhört, wird das auch so sein.

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