SKI ALPIN: «Ich habe mich nur noch als Objekt gefühlt»

Lara Guts Anspruch nach ihrer schweren Knieverletzung geht über das Sportliche hinaus. Die Tessinerin will nicht nur als Athletin, sondern auch als Mensch wahrgenommen werden.

Drucken
Teilen

229 Tage sind vergangen seit dem Moment, in dem sich Lara Gut beim Einfahren für den Slalom der WM-Kombination in St. Moritz im linken Knie das vordere Kreuzband riss und den Meniskus beschädigte. Der Bruchteil einer Sekunde genügte, um dem Traum von weiteren Medaillen vor heimischer Kulisse ein Ende zu setzen. Nach Bronze im Super-G wollte sie in der Kombination, in der Abfahrt und im Riesenslalom weitere Chancen auf den ersten Titelgewinn bei einer Grossveranstaltung nutzen.

Dass es das Schicksal anders wollte, war für Gut war kein Zufall. «Verletzungen beruhen nicht auf Pech. Es gibt immer einen Grund dafür», sagte sie nach dem folgenschweren Zwischenfall. Ihr Körper habe offenbar eine Pause benötigt. Der hohe Rhythmus habe seinen Tribut gefordert. Schon damals war für sie die zur Erholung nicht ausreichende Zeit ein entscheidender Faktor.

Nicht nur das Knie heilte

Die Heilung des Knies ist programmgemäss verlaufen. «Es geht mir gut», sagte die Tessinerin gestern in Zermatt. «Nicht nur meinem Knie. Auch mir selber.» Die letzten zwei Sätze hatte sie nicht zufällig gewählt, wie sich im Verlauf der Veranstaltung ­herausstellen sollte. Die ersten Schwünge zog Gut Anfang September ebenfalls am Fusse des Matterhorns. Während des folgenden Abstechers nach Valle Nevado in Chile war wiederum nur freies Fahren vorgesehen. Nach sieben Tagen wagte sich Gut nach Absprache mit Vater und Trainer Pauli gleichwohl bereits wieder zwischen die Tore.

Während der gut sieben Monate der Rehabilitation verbrachte Gut nicht nur unzählige Stunden in der Physiotherapie und im Kraftraum. Sie waren für sie auch Gelegenheit, um über ihr Leben zu sinnieren, sich neu zu orientieren, Schwerpunkte zu verlagern. Gut will nicht mehr nur Athletin sein. Sie will auch als Mensch wahrgenommen werden. «Vielleicht hat es diese Verletzung ­gebraucht, um die Balance zwischen Spitzensportlerin und Mensch zu finden.» Den vielschichtigen Anforderungen ihres Berufes genügen ohne die Privatsphäre in gewünschtem Umfang zu vernachlässigen – der angedachte Weg wird kein einfacher sein.

Kein Start in Sölden

Erlebnisse wie jenes nach dem Gewinn des Gesamtweltcups im vorletzten Winter haben Guts Denken beeinflusst. «Vor einem Jahr wurde ich nur auf die grosse Kristallkugel angesprochen. Nach mir selber hat sich niemand erkundigt. Ich habe mich nur noch als Objekt gefühlt.» Ähnliches hat sie nach ihrer Knieverletzung erlebt. «Alle haben nur gefragt, wie es meinem Knie geht. Niemand hat sich dafür interessiert, wie es um mich selber steht.» Gut erwähnte die vergangenen zehn Jahre, in denen sie sich als Athletin ins Zentrum stellte. «Das letzte Mal, als ich mir Zeit für mich selber gönnte, war ich sechzehn und noch ein Kind. Jetzt bin ich eine Frau. Ich habe feststellen müssen, dass ich in all den Jahren der Sportlerin Priorität eingeräumt habe, nie aber dem Menschen.»

Zeit nimmt sich Gut auch bei der Rückkehr auf die Rennpiste. Beim Riesenslalom auf dem Rettenbach-Gletscher oberhalb von Sölden Ende Oktober wird sie nicht am Start sein. «Ich will stärker zurückkommen – und nicht möglichst schnell.» (sda)