SKI ALPIN: Gut entscheidet, ob es eine Party wird

Lara Gut könnte heute Mittag im Super-G mit einer Medaille den Druck auf das gesamte Schweizer Team vermindern. Dafür müsse sie nicht perfekt fahren, sondern schnell, betont die Tessinerin.

Claudio Zanini/St. Moritz
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Lara Gut gibt sich im WM-Rummel gelassen: «Es gibt nichts zu verlieren und nichts zu verteidigen.» (Bild: Christian Pfander/Freshfocus)

Lara Gut gibt sich im WM-Rummel gelassen: «Es gibt nichts zu verlieren und nichts zu verteidigen.» (Bild: Christian Pfander/Freshfocus)

Claudio Zanini/St. Moritz

Lara Gut taucht in einem Seminarraum des Kempinski Hotels auf. Das Fünfsterne-Haus ist das Hauptquartier der Schweizer Equipe. Ein Medienbetreuer von Swiss-Ski bahnt der Tessinerin den Weg durch das Gedränge von Journalisten, bis sie hinter einem Bündel von Mikrofonen Platz nimmt. Ihr Pailletten-Cap mit dem Schokoladen-Sponsor glitzert noch mehr im hellen Licht. An der Weltmeisterschaft ist das Interesse natürlich nochmals ein wenig grösser. Diesen ganzen Rummel ist sich Gut aber längst gewohnt, trotz ihren jungen 25 Jahren. Es wird hektischer und noch ein wenig enger im Raum, bis schliesslich eine Trennwand wegen Platzmangels geöffnet wird.

Am meisten interessiert an diesem Abend die Frage nach dem Gesundheitszustand des Schweizer Stars. Fragen, die am Sonntag vor einer Woche in den Dolomiten noch nicht möglich waren, da Gut wortlos abreiste. Im Super-G von Cortina d’Ampezzo rammte Gut ein Tor und trug Prellungen an Oberschenkel und Oberarm davon. «Ich kann nicht über längere Zeit stehen. Sitzen ist auch nicht so gut», sagt sie. Der Oberschenkel schmerze zwar noch, aber gesamthaft gehe es ihr gut. Sie sei sich bewusst, dass der unglückliche Zwischenfall, den sie sich nochmals auf Video angeschaut habe («Um zu wissen, was der Fehler war.»), schlimmer hätte enden können. «Ich könnte jetzt auch in einem Spitalbett liegen», sagt sie. Tut sie aber glücklicherweise nicht.

Eine beinahe makellose Bilanz

Und so lässt sich festhalten: Die Favoritin für den heutigen Super-G fühlt sich wieder gesund. Einen Tag nach dem Sturz sei sie bereits wieder im Kraftraum gewesen. Dass die Super-G-Medaille für Gut bereit liegt, kann sie nicht wegreden, auch wenn sie vor dieser Ansammlung von Journalisten nicht auf die Idee käme, so etwas zu bestätigen. In dieser Saison gewann sie drei von vier Rennen dieser Disziplin. Und wäre sie in Cortina, in Führung liegend, nicht ausgeschieden, würde die Bilanz makellos aussehen. Gut betont immer wieder, dass es vorderhand darum gehe, die Bestleistung abzurufen. Wäre sie dann zufrieden, wenn sie zwar ihre Leistung erbringen könnte, diese aber trotzdem nicht für einen Platz unter den ersten Drei reichen würde? Gut antwortet unbeirrt und wie aus der Pistole geschossen: «Ich kann zwar mein Bestes abrufen, aber nicht das Ergebnis beeinflussen.» Über den auf ihr lastenden Druck zu diskutieren hat Gut auch nicht vorgesehen. «Es gibt nichts zu retten, nichts zu verlieren und nichts zu verteidigen», erklärt sie. Daher nehme sie diesen Druck auch nicht wahr.

Doch ganz so einfach lässt sich das Plenum nicht zufrieden stellen. Gut wird nochmals die Frage nach der Medaille, nach ihren Chancen auf die persönliche WM-Gold-Premiere zugespielt. Sie lacht. Und wiederholt: «Ich gebe mein Bestes.» Ihr müsse nicht eine perfekte Fahrt gelingen, sondern eine schnelle, schiebt sie hinterher.

Wichtiger als ihre Medaillen-Möglichkeiten scheint an diesem Abend aber vielmehr die Gewissheit, dass die Schweizer Leaderin «100-prozentig» fit ist, wie sie selber sagt. Mit etwas Zählbarem würde sie heute den Druck auf das gesamte Team mit einem Schlag vermindern, die Schweizer Equipe könnte mit einer Medaille zum Auftakt die gesamten zwei Wochen wesentlich ruhiger angehen. Vielleicht ist sogar vom heutigen Rennen abhängig, ob die WM-Begeisterung im Oberengadin entfacht wird oder nicht. Natürlich ist das spekulativ. Und natürlich will Gut ihre Ausnahmestellung im Kader nicht überbewerten: «Ich habe nicht das Gefühl, dass ich alleine am Start bin», sagt sie.

Corinne Suter mit guten Erinnerungen

Nebst Gut bestreiten heute die Schwyzerin Corinne Suter, die Berner Oberländerin Joana Hählen und die Bündnerin Jasmine Flury das Rennen. Die Jüngste des Trios, Corinne Suter, hat die aussichtsreichsten Möglichkeiten. Ihre Saison fing sehr gut an, mit zwei Top-10-Plätzen in Abfahrt und Super-G, zwischenzeitlich schien sie jedoch den Faden ein wenig verloren zu haben. Nun stehe sie aber wieder mit einem guten Gefühl da. Ihre Baisse nach dem starken Auftakt erklärt sich Suter so, dass sie wieder in alte Muster zurückfiel, und plötzlich wieder zu viel wollte. «Irgendwann ist ein zehnter Platz nicht mehr gut genug und man will weiter nach vorne», erklärt sie.

Vielfach wurde sie gefragt, wann denn ihr erster Podestplatz käme. Die Erwartungshaltung wirkte blockierend. Was Suter auf der Corviglia sicher Selbstvertrauen geben kann, sind ihre guten Leistungen beim Weltcup-Finale in St. Moritz in der vergangenen Saison: In der Abfahrt war es der achte, im Super-G der siebte Rang. Ein Ergebnis, welches sie mit Blick auf die jüngsten Resultate wohl gerne mitnehmen würde.