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SKI ALPIN: Entspannte Gisin im hohen Norden

Die 23-jährige Michelle Gisin kehrt früher als erwartet in den Weltcup zurück. Mit dem Slalom von Levi beginnt für die Engelbergerin morgen eine besonders intensive Saison.
Claudio Zanini
Blickt nicht in den Rückspiegel, sondern vorwärts: die Engelbergerin Michelle Gisin. (Bild: Keystone)

Blickt nicht in den Rückspiegel, sondern vorwärts: die Engelbergerin Michelle Gisin. (Bild: Keystone)

Claudio Zanini

Die Dienstreise führt Michelle Gisin in dieser Woche nach Levi. Seit 2004 veranstaltet das Skigebiet im finnischen Lappland Weltcup-Rennen. Levi liegt nördlich des Polarkreises, von Mitte Dezember bis Mitte Januar wird es hier nicht mehr hell, dann sinkt das Thermometer auf Minus 30 Grad. Doch derzeit zeigt sich die Sonne noch, wenn auch nicht für lange. Um 13 Uhr, wenn der zweite Lauf des Frauen-Slaloms am Samstag stattfindet, wird die Dämmerung längst eingetreten sein. In der Region leben die meisten der rund 190000 Rentiere Finnlands. Wer im Slalom siegt, gewinnt eine Patenschaft für ein Rentier.

In Levi ist eben alles irgendwie anders. Der Abstecher in den hohen Norden wirkt nach der traditionellen Aufregung zum Saisonstart in Sölden fast schon entschleunigend. Jedenfalls macht Michelle Gisin einen entspannten Eindruck, als sie am Flughafen von Helsinki ihr Telefon abnimmt. Noch ist sie 1000 Kilometer von Levi entfernt, aber einmal mehr fasziniert sie dieses Land, «es ist einfach wunderschön hier», sagt sie, während Kollegin Wendy Holdener, neben Gisin sitzend, sogleich zustimmt.

Durch Engelberg gewackelt

Gisin überraschte Anfang Woche, als sie ihren Start in Levi via Instagram mitteilte. Eigentlich wurde ihr eine Pause von sechs Wochen prognostiziert, nachdem sich die 23-jährige Engelbergerin im Riesenslalom-Training von Sölden einen Teilriss am Innenband im rechten Knie zuzog. Zusammen mit Sportarzt Lukas Weisskopf, der einst auch ihre Schwester Dominique betreute, wurden ursprünglich die Rennen in Killington als Wiedereinstieg festgelegt. Doch dann ging es schneller. Verantwortlich für die rasante Heilung sei vor allem ihre Stanser Physiotherapeutin Stephanie Schüpfer und Felix Zimmermann vom Swiss Sportmed Center in Rheinfelden gewesen. Und auch sonst wurden sämtliche Register gezogen, vom Quarkwickel bis zur Elektrotherapie. Eine Woche nach dem Sturz ist Gisin bereits wieder mit einer Schiene am Bein und Nordic-Walking-Stöcken durch Engelberg gegangen, «oder besser gesagt gewackelt», sagt sie.

Überstürzt käme der Entschluss nicht, Risiken gebe es keine, erklärt Gisin. «Mein Arzt ist sehr vorsichtig. Die Abmachung war, dass ich erst wieder fahre, wenn ich mich richtig gut fühle. Was aber nicht heisst, dass ich die nächsten zwei, drei Wochen nicht aufpassen werde», fügt sie hinzu.

Nach Weihnachten wird es «ganz schlimm»

Ganz ohne Handicap geht die Slalomspezialistin zwar nicht an den Start. Eine kleine Schiene, «aber kein Monsterteil» (Gisin), wird sie zur Unterstützung tragen. Das Innenband soll schliesslich weiterhin gut zusammenwachsen, denn die Saison wird intensiv. Die Kombinations-WM-Zweite von St. Moritz, die auch im Speedbereich enorme Fortschritte gemacht hat, wird so gut wie jedes Weltcup-Rennen bestreiten – abgesehen von den Riesenslaloms. Wie in der letzten Saison steht erneut ein Grossanlass an. Wenn man Gisins Aussagen Glauben schenkt, nimmt bei ihr Olympia gedanklich noch keinen Platz ein. Im Moment denke sie vielleicht bis Weihnachten. 14 Tage nach Levi ist Killington, dann folgen im Wochentakt Lake Louise, St. Moritz, Val d’Isère und Courchevel. «Und danach wird es ganz schlimm», sagt Gisin und lacht. Spätestens im neuen Jahr folgt die Phase, in der die Winterspiele in Pyeongchang nicht mehr nur ein mediales Thema sind, sondern auch die Athleten erfassen, wenn es darum geht, sich für den Saisonhöhepunkt in Position zu bringen.

Aber zuerst zählt der Slalom von Levi. Am Samstag sind die Frauen dran, am Sonntag die Männer. Im Vorjahr wurde Gisin hier Neunte, es war ihr zweitbestes Saisonresultat in einem Spezialslalom. Ihr Ziel sei es, möglichst locker zu fahren, sagt Gisin. Am Ende geht es aber auch in der nordischen Idylle um Weltcup-Punkte. Oder wie es Frauen-Cheftrainer Hans Flatscher einmal formulierte: «Der Druck beginnt in Sölden und endet nach dem Weltcup-Final.»

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