Sisyphus-Drama im Wasser: Information als Albtraum

ARBON. Christoph Draegers Auftritt in der Kunsthalle ist ein beunruhigendes Kunsterlebnis. Die Arbeiten negieren jeden Sinn von Erklärungen über Unglücke.

Martin Preisser
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Die Styropor-Skulptur erinnert an den Ausbruch des Vulkans Krakatau. (Bild: Martin Preisser)

Die Styropor-Skulptur erinnert an den Ausbruch des Vulkans Krakatau. (Bild: Martin Preisser)

Der international gezeigte Schweizer Künstler Christoph Draeger war als Kind stets in Arbon bei seinen Grosseltern in den Ferien. Sein Video «Ship of Fools» ist extra für die Kunsthalle entstanden. Scheinbar idyllisch schwimmt eine Yacht auf dem Bodensee, der Säntis im Hintergrund. Mitglieder der Wasserball-Clubs Arbon und Bregenz springen ins Wasser und versuchen danach wieder an Bord zu kommen. Vergebens. Was erst wie ein witziges Sommervergnügen aussieht, entpuppt sich, unterlegt mit eindringlicher Chormusik von Johannes Schütt, als Sisyphus-Arbeit, die im Tod enden könnte. Diese Katastrophenszene hat sich real in der Ägäis abgespielt, mit verheerendem Ausgang.

Morbide Inszenierungen

Draegers «Narrenschiff» spielt mit unseren bizarren Gedankenabläufen angesichts von Katastrophen. Wir wollen «genau» wissen, was passiert ist und warum es passiert ist und warum es kein Entrinnen gab. Das Beklemmende an dieser Arbeit, aber auch am Video über Verschwörungstheorien über den Absturz der polnischen Staatsmaschine in Smolensk, ist, dass es keine Erklärungen gibt.

Letztlich ist jede Katastrophe ohne Sinn. Wir sind von Unglücken gleichermassen angezogen und abgestossen, wir wollen verstehen und dabei auch unterhalten werden. Draeger spielt höchst gekonnt mit der morbiden Inszenierung von Unglück und Katastrophe in den Medien, entlarvt jedes Informations- und Erklärungsgehabe als so gefährliches wie erregendes Unternehmen. Der Mensch will verstehen und lässt sich gerade deshalb auch auf irrwitzige Verschwörungstheorien ein – eine seltsame Zone unserer Phantasie wird da gereizt.

Verstörende Medienkritik

Die Blätter des Flugunfallhergangs in Überlingen mit vielen Kindern als Opfer fasst Draeger zu einer riesigen Zeichnung zusammen. Was von weitem wie eine wissenschaftliche Erklärung aussieht, erweist sich bei näherem Hinsehen als albtraumartige Skizze von unverständlichen Detailinformationen, die gar nichts erklären. Draegers Ausstellung ist eine verstörende Medienkritik und nährt die Zweifel des Betrachters an der Objektivität von Information sehr beunruhigend.

Ein wenig Gruselkabinett findet sich im Keller der Kunsthalle, wo man auf einem Floss Platz nehmen, sich Kerzen anzünden lassen, Todeskult-Gegenstände anschauen und Christoph Draegers Horrorfilm aus Brasilien über sich ergehen lassen kann.

Christoph Draeger: Adrift. Kunsthalle Arbon, Grabenstrasse 6. Mi/Fr 17–19, Sa/So 14–17 Uhr. Öffentliche Führung: Sa, 15.9., 16 Uhr. Bis 23.9.

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