«Sind nicht mehr Aussenseiter»

Am Samstag starten die Schweizer Frauen gegen Italien in die EM-Qualifikation. Die Fussball-Nationaltrainerin Martina Voss-Tecklenburg spricht über die Chancen – und sagt, weshalb die Auswahl selten in der Ostschweiz spielt.

Stephanie Sonderegger
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Martina Voss-Tecklenburg dirigiert die Schweizerinnen zum 4:1-Sieg im Test gegen Dänemark im September. (Bild: ky/Salvatore Di Nolfi)

Martina Voss-Tecklenburg dirigiert die Schweizerinnen zum 4:1-Sieg im Test gegen Dänemark im September. (Bild: ky/Salvatore Di Nolfi)

Frau Voss-Tecklenburg, seit der WM sind vier Monate vergangen. Ist das enttäuschende Aus im Viertelfinal bei allen überwunden?

Martina Voss-Tecklenburg: Wir alle haben lange gebraucht, bis wir es verarbeitet haben. Wir haben den ersten Zusammenzug im September dazu genutzt, die WM zu reflektieren – sportlich und menschlich. Dann haben wir einen Haken dahinter gemacht, weil jetzt wieder neue Aufgaben anstehen. Das ist das Positive am Fussball: Du musst dich schnell neu orientieren.

Von vier WM-Spielen gingen drei verloren. Welche Rückschlüsse konnten Sie ziehen?

Voss-Tecklenburg: In der sportlichen Analyse zählt für mich weniger das Resultat als vielmehr die Leistung. Da haben wir kritisch zurückgeschaut. Wir haben die Spielerinnen eingebunden und sie gefragt, was sie denken, was gut und schlecht war und was ihnen gefehlt hat. In Zukunft wollen wir variabler werden. Wir haben den letzten Zusammenzug genutzt, um unsere Spielsysteme anzuschauen. Jede Spielerin hat detailliert herausgearbeitet, was in den unterschiedlichen Systemen ihre Aufgabe ist. Wir wollen unberechenbarer werden und umstellen, wenn wir beim Gegner Schwächen entdecken.

Was heisst das im Hinblick auf das EM-Qualifikationsspiel vom Samstag gegen Italien?

Voss-Tecklenburg: In der Gruppe mit Nordirland, Georgien und Tschechien sind die Italienerinnen klare Favoriten. Ich denke, wir haben momentan dennoch die Qualität, dass wir selbstbewusst versuchen können, unser Spiel zu machen. Sollte das nicht funktionieren, haben wir immer einen Plan B und einen Plan C. Die Spielerinnen wissen dann, dass wir umstellen – so weit sind wir mittlerweile. Wir sind damit im Test gegen Dänemark gut gefahren.

Wie realistisch sehen Sie die Chancen für die EM-Qualifikation?

Voss-Tecklenburg: Wir haben den Willen und das Leistungsvermögen, um uns für die EM zu qualifizieren. Wir wollen um Platz eins mitspielen.

Für die Qualifikation für die Olympischen Spiele im März stehen der Schweiz Topteams wie Schweden, Norwegen und Holland gegenüber. Ist die Qualifikation Thema?

Voss-Tecklenburg: Bei den Spielerinnen noch nicht. Bei mir läuft schon einiges, was die Gegner-Analyse betrifft. Wir sind in diesem Kreis nicht mehr der Aussenseiter. Und das zeigt, welchen Schritt wir gemacht haben.

Hat sich das Interesse für Frauenfussball seit der WM verändert?

Voss-Tecklenburg: Man spürt, dass mehr Leute wissen, dass es ein gutes Frauen-Nationalteam in der Schweiz gibt. Wenn wir es schaffen, uns für grosse Turniere zu qualifizieren, gibt es für junge Fussballerinnen neue Ziele. Diese zeigen dann die Bereitschaft, noch mehr zu investieren. Das zunehmende Interesse nehme ich in kleinen Dingen wahr, wenn zum Beispiel ältere Leute sagen: Ich hätte meine Tochter nicht Fussball spielen lassen, aber meine Enkelin spielt jetzt. Es ist selbstverständlich geworden, dass Mädchen Fussball spielen.

Mit der Tissot Arena in Biel hat das Nationalteam ein Stadion, in dem ein Teil der Qualifikationsspiele ausgetragen wird. Ostschweizer kritisieren, dass das Team selten in ihrer Umgebung spielt.

Voss-Tecklenburg: Wenn wir ein gutes Stadion mit den entsprechenden finanziellen Rahmenbedingungen in der Ostschweiz haben, dann werden wir auch dort spielen. Die Problematik bisher war, dass die grossen Stadien der Schweiz vom Kosten-Nutzen-Faktor für uns nicht passend sind. Könnten wir in St. Gallen spielen, und es dann nicht 150 000, sondern 30 000 Franken kostet, dann kann man über alles diskutieren. Aber es ist schwierig: Entweder gehst du in ein grosses Stadion, hast keine Atmosphäre und es kostet viel Geld, oder du gehst eben in ein kleines Stadion. Die Tissot Arena in Biel erfüllt alle Kriterien.

Wie lange bleiben Sie den Schweizer Frauen noch erhalten?

Voss-Tecklenburg: Mein Vertrag ist bis Mitte 2017 gültig. Ob ich darüber hinaus Trainerin bleibe, ist offen und auch vom sportlichen Abschneiden abhängig. Die Ziele sind klar: wir wollen 2017 zur EM in Holland fahren und werden Anfang März 2016 alles in die Waagschale werfen, um uns für die Olympischen Spiele zu qualifizieren. Solange ich das Gefühl habe, dass wir Potenzial und Ziele haben und dass ich diesem Team helfen kann – so lange gibt es für mich keinen Grund, zu gehen.