SIEGTORSCHÜTZE: St. Galler bringt Serbien an die WM

Der Schweiz-Serbe Aleksandar Prijovic erzielt in der letzten WM-Qualifikationsrunde das entscheidende 1:0 für Serbien und versetzt das Land in Ekstase. Auch in Island wird gefeiert.

Thomas Lipinski (sid)
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Der St. Galler Aleksandar Prijovic bejubelt sein Tor, das Serbien die Tür zur WM öffnet. (Bild: Andrej Cukic/EPA)

Der St. Galler Aleksandar Prijovic bejubelt sein Tor, das Serbien die Tür zur WM öffnet. (Bild: Andrej Cukic/EPA)

Thomas Lipinski (SID)

Mit seinem ersten Länderspieltor führte Aleksandar Prijovic das Heimatland seiner Eltern zum 1:0-Zittersieg gegen Georgien. Dank dieses Treffers werden die Serben im kommenden Sommer an die WM in Russland fahren. «Von solchen Momenten habe ich als Kind geträumt», sagte der 27-Jährige, der in den Nachwuchsmannschaften noch für die Schweiz gespielt hatte. «Ich konnte mir meinen Geburtsort nicht aussuchen, aber ich bin zu hundert Prozent Serbe.»

Aufgewachsen ist Prijovic in Rorschach und in Goldach. Bis 2007 spielte er in den Juniorenabteilungen des FC St. Gallen, ehe er zu Parma wechselte. Von den damaligen St. Galler Nachwuchsverantwortlichen spürte er kein Vertrauen mehr. «Sie wollten mich zum FC Rorschach abschieben, obwohl ich mit Abstand der beste Stürmer meiner Generation war. Dabei war es schon als Kind mein Traum, einmal in der ersten Mannschaft des FC St. Gallen zu spielen», sagte Prijovic einst in einem Interview mit dieser Zeitung.

Über Derby County, Yeowil Town, Northhampton Town, Sion, Lausanne, Tromsö, Djurgardens und Boluspor führte der Weg zu Legia Warschau. Mit einem Treffer im Cupfinal sicherte der Ostschweizer seinem Club das Double. Im Folgejahr spielte Prijovic mit den Polen in der Champions League. Obwohl er nur 231 Minuten zum Einsatz kam, reichte es ihm zu zwei Toren und zwei Assists. Gegen Borussia Dortmund traf er doppelt. Mittlerweile stürmt er für den griechischen Topclub Paok Saloniki.

Serbische Skepsis nach der Qualifikation

Anders als vor acht Jahren, als nach der erfolgreichen Qualifikation für Südafrika das ganze Land kopfstand, mischte sich diesmal Skepsis in den Jubel der Serben. «Vielleicht spielten wir manchmal unter unserem Niveau», gab Captain Branislav Ivanovic zu, «aber morgen wird das nicht mehr wichtig sein.»

Die Tageszeitung «Vecernje Novosti» schrieb: «Wir haben nicht geglänzt, aber jetzt strahlen wir.» Nach der 2:3-Pleite in Wien gegen Österreich überzeugten die Serben auch in Belgrad gegen den Aussenseiter Georgien nicht. Lange Zeit zeigte sich das Heimteam erschreckend harmlos. Erst ein Vorstoss des Verteidigers Ivanovic konnte die georgische Abwehr entscheidend auseinanderzerren. Der Ball gelangte von Ivanovic auf die Aussenbahn zu Aleksandar Mitrovic, welcher Prijovic per Querpass bediente. Der Rest der Geschichte ist bekannt. Am Tag danach titelte die serbische Sportzeitung «Sportski Zurnal» passend: «Die Adler fliegen nach Russland.»

Auch Reykjavik in Feierlaune

Das «Huh!» schallte tausendfach durch die Strassen von Reykjavik. Doch nicht allein die Hauptstadt, ganz Island kocht nach dem erneuten Siegeszug. Das Bier floss in Strömen, obwohl Alkohol nur in rund 50 Geschäften ausser Haus verkauft werden darf. Ein Glas im Restaurant kann bis zu zehn Euro kosten.

Islands Staatspräsident Gudni Johannesson stimmte in den überschäumenden Jubel ein. «Enorme Freude und Stolz erfüllen mich, dass ich Zeuge dieser wunderbaren Feier werden durfte», sagte er nach dem entscheidenden 2:0 gegen den Kosovo im Nationalstadion Laugardalsvöllur. «Das macht unser Land so stark. Wir sind hier häufig gegensätzlicher Meinung, deshalb ist es fantastisch, dass dieses Team uns eint.» Dass ein Pädophilieskandal erst im September die Regierung gestürzt hat, Probleme mit Jugendabwanderung und den überbordenden Preisen, das alles war für einen Moment vergessen.

Nie hat sich ein Land mit weniger Einwohnern, Island hat 333000, für eine WM qualifiziert. «Unglaublich», sagte Nationaltrainer Heimir Hallgrimsson. Der 50-Jährige war derart tief bewegt, dass er seine Assistenten einen Teil der Presse­fragen nach dem Abpfiff beantworten liess. «Maradona, Pelé», stammelte Hallgrimsson, «und Aron Einar Gunnarsson ...» Der Captain von Cardiff City, berühmt durch seinen markanten Bart und seine spitzen Eckzähne, führte auch die Party mit den wilden Männern im Stadion an. Bengalische Feuer rauchten auf der Tribüne, wie es sonst nur die schwefeligen Felder bei den heissen Quellen tun. Reykjavik, das bedeutet übersetzt: Rauchbucht.

«Das Wikingerschiff nimmt Kurs auf Russland», schrieb sogar die «Washington Post». Besonders Frankreich erinnert sich gut an den sommerlichen Einfall Tausender Isländer – überall waren Videos der Feier zu sehen. «Das nächste Wunder», titelte die Zeitschrift «L’Equipe».