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Sieben Zuschauer vor Ort, aber 110'000 Follower auf Instagram: Der Alltag von Freestyler Fabian Bösch

Mit seinen Videos generiert Weltmeister Fabian Bösch Klicks en masse. Bei Wettkämpfen ist die Aufmerksamkeit aber überschaubar.
Claudio Zanini
Fabian Bösch übt seine Sprünge unzählig oft, bevor er sich auf Schnee wagt. (Bild: Tino Scherer)

Fabian Bösch übt seine Sprünge unzählig oft, bevor er sich auf Schnee wagt. (Bild: Tino Scherer)

Weltcup-Anlässe der Freestyler finden manchmal in erstaunlich kleinem Kreis statt. Fabian Bösch erinnert sich an einen Wettkampf in Font-Romeu, einem kleinen Skiort in den ­Pyrenäen. «Vielleicht sieben ­Zuschauer» habe er gezählt. «Sechs davon waren Eltern von Athleten.» Er grinst. «Und einer wollte einfach schauen, was wir so machen.» Wieder ein Lacher. «Das war jetzt vielleicht ein ­wenig überspitzt.»

Gefühlte sieben Zuschauer vor Ort. Auf Instagram hat er 110 000 Follower. Es ist ein bemerkenswertes Missverhältnis.

Fabian Bösch ist eine unterhaltsame Person. Eine breite Masse hat dies während den Winterspielen 2018 realisiert. Bösch liess sich in Südkorea an der Aussenseite einer Roll­treppe hochziehen. Der Spass entstand aus Langeweile, weil das Team auf die Bereitstellung des ­Appartements wartete. Das ­Video verbreitete sich viral. ­Innerhalb von wenigen Tagen stieg seine Follower-Anzahl von rund 25 000 auf über 60 000. ­Journalisten strömten zum ­Medientermin vor seinem Olympia-Wettkampf. Fragen zum sportlichen Teil gab es kaum, nur der Clip interessierte. Worauf er denn eher verzichten könne, wurde er gefragt. Auf die Handykamera oder die Ski? ­Irritierter Blick bei Bösch, umgehende Antwort. «Natürlich die Handykamera.»

Die Frage stellt sich bei ­Fabian Bösch nicht. Er ist nicht Social-Media-Star und nebenbei Sportler. Es ist umgekehrt. Er besitzt nur einen einzigen ­Influencer-Vertrag, obwohl er mit seiner Follower-Anzahl mehr abschliessen könnte. ­Influencer-Vertrag heisst in ­seinem Fall: Er muss Werbung für das Smartphone eines ­Technologie-Giganten machen. Der Konzern will eine be­stimmte Anzahl Posts innerhalb einer gewissen Zeit. Ob er letztlich Wettkämpfe bestreitet oder nicht, ist einerlei.

200 Versuche in der Schnitzelgrube

Bösch will aber vor allem eines, Ski fahren. Wenn der gebürtige Aargauer freie Tage in Engelberg hat, geht er Tiefschnee­fahren, oder Slalomfahren oder auf Skitouren, sogar Buckel­pisten interessieren ihn. Wenn er einen Trick einstudiert, sieht das nicht filmreif aus. Die Ver­suche sind weder waghalsig noch ästhetisch. Zuerst übt er die verschiedenen Sequenzen des Bewegungsablaufs auf dem Trampolin, dann setzt er die Stücke zusammen. Es folgen Sprünge in der Schnitzelgrube («sicher 200»), dann auf dem Landing Bag, schliesslich im Schnee. Es ist ein sukzessiver Aufbau. Der Trick muss sitzen, bevor er ihn im Schnee probiert. «Eine meiner wichtigsten Regeln ist, dass ich keinen dieser Schritte überspringe», sagt er. «Wenn ich einen Trick nicht vollends beherrsche, zeige ich ihn an einem Wettkampf nicht. Auch wenn ich damit Chancen auf den Sieg hätte.»

Die professionelle Heran­gehensweise wird im Freestyle-Bereich in der Schweiz schon länger kultiviert. Im ­Hinblick auf die Winterspiele in Sotschi 2014 wurde ein Free­ski-Nationalteam aufgebaut. Nach dem ersten Jahr in der Sportschule kam Bösch ins Team. Seither hat er die Freestyle-Welt schon einige Male «auf den Kopf gestellt», wie er sagt. Die Aus­sage ist nicht realitätsfremd. Er gewann 17-jährig an der WM im Slopestyle, mit 18 bei den X-Games im Big Air, mit 21 WM-Gold im Big Air – das war im vergangenen Februar. Schon mehrmals hat er Tricks in Wett­kämpfen gezeigt, die vor ihm noch niemand zeigte. Das macht er auch jetzt wieder. In Modena will er am Sonntag zum Start der Weltcup-Saison einen Switch Double Misty 1620 zeigen. Er wird rückwärts den Kicker anfahren, einen Doppelsalto und viereinhalb Drehungen machen. Auch ein Profi schüttelt solche Sprünge nicht einfach aus dem Ärmel. «Ich muss mich immer wieder aufs Neue überwinden. Aber man lernt, damit umzu­gehen», sagt Bösch.

Die ersehnte TV-Präsenz

Einen Trick stehen, den keiner zuvor fertiggebracht hatte: Es werde immer schwieriger, ­dieses Ziel zu erreichen, sagt Bösch. «Alle Länder haben ihre Nationalteams, haben Fitness-­Coaches, haben Landing Bags. Das Niveau ist viel dichter geworden.» Noch vor wenigen Jahren gab es einige Topfahrer, mittlerweile gibt es mindestens 30 Athleten, die in den Final vorstossen können. Und auch wenn man eine Neuheit vorzeigen kann, muss sich das nicht in der Benotung niederschlagen. Die Sprünge werden von Juroren ­bewertet, eine gewisse Unbe­rechenbarkeit gehört zum ­System.

In dieser Saison werden die Freeskier wieder unter dem ­Radar der Öffentlichkeit fliegen. Grossanlässe, die ersehnte TV-Präsenz generieren, gibt es keine. Keine WM, keine Winterspiele. Der Weltcup-Final wird wieder im Engadin, auf dem Corvatsch, ausgetragen. Wie in der vergangenen Saison. Das Schweizer Ergebnis war damals hervorragend. Andri Ragettli wurde Erster, Fabian Bösch ­Dritter. Das Zuschauerauf­kommen war überschaubar, SRF sendete den Wettkampf nicht live. Als Ragettli kürzlich einen hochkomplexen Hindernisparcours in einer Engelberger Turnhalle absolvierte, schaute fast eine halbe Million Menschen auf Instagram zu. Aufmerksamkeit haben sie. Aber nicht bei ihren Wettkämpfen auf Weltcup-Niveau.

Ohne Luftkissen gehts nicht

Ein riesiger Sack voll Luft hat das Spiel verändert. Landing Bag wird er genannt. Ein gigantisches Luftkissen, das beim Üben neuer Tricks als Landeplatz dient. Das Gerät ist so wichtig geworden, dass Fabian Bösch, zweifacher Weltmeister und X-Games-Sieger, sagt: «Ohne Landing Bag hast du international keine Chance mehr.» Auch der Freestyle- Direktor von Swiss Ski, Sacha Giger, sieht das so. «Das Sommertraining wird immer wichtiger, deshalb ist eine Off-Snow-Infrastruktur in Form eines Landing Bags zentral.» Das Problem: Die Schweizer, eigentlich Pioniere der Freestyle-Sportarten, haben keinen Landing Bag im eigenen Land. Um auf dem Luftkissen zu trainieren, fliegen sie jeweils im Sommer nach Kanada. Für Weltcup-Athleten liegt der damit verbundene finanzielle Aufwand drin. Für den Nachwuchs sind solche Übersee-Reisen zu teuer, er handelt sich schon früh einen Rückstand auf die Konkurrenz ein.

Der Chef Ski Freestyle, Christoph Perreten, sagt es so: «Der junge Kanadier, der von Anfang an auf dem Landing Bag trainieren kann, kommt mit einem ganz anderen Rucksack zu den Profis.» Auch die USA, Japan, China oder Neuseeland haben solche Infrastrukturen. Sogar Österreich, wenn auch ein kleineres Modell. Wenn alles nach Plan läuft, könnte die Schweiz bald auch dazugehören. Ein weit fortgeschrittenes Projekt für einen Landing Bag gibt es in Leysin, in den Waadtländer Bergen. Das Kissen selbst kostet zwischen 120 000 und 150 000 Franken. Mit einer Installation einher gingen jedoch Erdarbeiten oder eine Gerüstkonstruktion, die als Anfahrt dienen würde. Perreten geht davon aus, dass sich die Gesamtkosten auf 1,3 bis 1,5 Millionen Franken belaufen würden. Die Finanzierung ist noch nicht ganz geklärt. (cza)

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