«Sie ist sie, ich bleibe ich»

Der Rücktritt von Ariella Kaeslin hat für das Kunstturnen in der Schweiz Konsequenzen. Die Olympia-Qualifikation ist fraglich und Giulia Steingruber muss die Leaderrolle übernehmen.

Urs Huwyler
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Turnen. Es hat sich etwas verändert bei den Schweizer Kunstturnerinnen. Am Tag nach dem Rücktritt von Ariella Kaeslin musste vor einem Gespräch mit Giulia Steingruber wegen des gesteigerten Interesses an der Gossauerin ein Termin bei der Medienchefin des Verbandes verlangt werden. Das von Marianne Steinemann im TZ Fürstenland geförderte Talent hat sich seit der EM in Berlin – in Deutschland klassierte sie sich am Sprung auf dem sechsten, im Mehrkampf auf dem neunten Platz – und dem Abschied ihres Vorbildes vom Spitzensport zur nationalen Hoffnungsträgerin entwickelt. Allerdings wurde die 17-Jährige schon seit einiger Zeit vermehrt im gleichen Atemzug mit Kaeslin genannt.

«Wir waren ebenso überrascht»

Verständnis für den Entscheid ihrer ehemaligen Teamkollegin bringen auch die direkt betroffenen Turnerinnen auf. Sie gingen aber davon aus, das Time-out nach der EM sei zu Ende und Kaeslin werde nach Magglingen zurückkehren. «Wir haben nichts von ihrem Rücktritt gewusst oder gerüchteweise mitbekommen und waren ebenso überrascht wie viele andere Leute», so Steingruber. «Wir konzentrieren uns wieder auf das Training, doch viele Gedanken schwirren noch immer in den Köpfen herum.»

Die Chancen auf eine Olympia-Teilnahme in London werden durch den Abgang der Leaderin kleiner. «Dass Ariella fehlt, wird sich anfangs im Resultat bemerkbar machen. Mit ihr wäre es einfacher gewesen, in London dabei zu sein. Doch wir können die Olympia-Qualifikation durch ein starkes Kollektiv trotzdem schaffen», sagt die dreifache Juniorinnen-Meisterin. An der WM, die vom 7. bis 16. Oktober in Tokio ausgetragen wird, qualifizieren sich die ersten acht Nationen direkt für London. Im Januar 2012 können vier weitere Teams in einem speziellen Wettkampf das Ticket lösen.

Gestärktes Kollektiv

Wer an den Olympischen Spielen starten möchte, muss sich demnach unter den Top zwölf plazieren. Ein hohes, aber nicht unrealistisches Ziel. Steingruber sieht in der Neuorientierung keineswegs nur negative Auswirkungen. «Wir rücken durch die neue Situation vielleicht näher zusammen, kämpfen zielgerichteter um den Erfolg und es werden zusätzliche Kräfte freigesetzt. Aufgegeben haben wir jedenfalls nicht und es macht sich keine Resignation bemerkbar.» Die ersten Trainings liessen eher einen «Jetzt-erst-recht»-Effekt erkennen. Steingruber wird bereits als Nachfolgerin der Luzernerin gehandelt und zwischen den beiden Turnerinnen werden Vergleiche gezogen. Beide gelten primär als Sprung-Spezialistinnen und ambitionierte Mehrkämpferinnen. Doch Steingruber relativiert: «Ariella hat sich ihre Erfolge über Jahre erkämpft und ich werde mir meine Erfolge ebenfalls zuerst erkämpfen müssen. Dafür trainiere ich», sagt die Athletin des TV Gossau. Als zweite Kaeslin sieht sie sich nicht, obwohl ihr die Vergleiche schmeicheln. «Sie ist sie, ich bleibe ich. Es bringt nichts, eine erfolgreiche Athletin kopieren zu wollen.» Ob mit oder ohne Kaeslin.