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Serviceleute – die Zauberer der Skiwelt

Ein richtiges oder falsches Set-up kann Skirennen entscheiden. Doch was verbirgt sich eigentlich hinter diesem neudeutschen Begriff? Eine Annäherung.
Claudio Zanini und Martin Probst, Åre
Der letzte Schliff: Ales Sopotnik, der persönliche Servicemann von Ilka Stuhec. (Bild: Jean-Christophe Bott/Keystone, Åre, 7. Februar 2019)

Der letzte Schliff: Ales Sopotnik, der persönliche Servicemann von Ilka Stuhec. (Bild: Jean-Christophe Bott/Keystone, Åre, 7. Februar 2019)

Es ist ein kleines Container-Dorf unweit des Zielraums von Åre. Tür an Tür haben sich die Ski-Hersteller eingerichtet. Die Platzverhältnisse sind eng. Im Container der Luzerner Firma Stöckli wachst Ales Sopotnik einen Ski. Er ist der persönliche Servicemann von Ilka Stuhec, der slowenischen Abfahrtsweltmeisterin. Sopotnik arbeitet mit ruhiger Hand und höchster Konzentration.

Das Material an den Füssen der Skifahrer war schon in früheren Zeiten wichtig, doch die Bedeutung steigt. Das liegt zum einen am technologischen Fortschritt, so gibt es mehr Möglichkeiten bei der Justierung der einzelnen Komponenten. Zum anderen liegt es an den Schneeverhältnissen, die vielseitiger geworden sind. Beni Matti ist der Rennsportleiter von Stöckli. Er sagt: «Die Pisten haben sich enorm verändert. Es gibt mittlerweile Kunstschnee, es wird viel mit Wasser präpariert.» Die Strecken von Kitzbühel und Bormio sind zu Eishängen geworden, früher lag dort Naturschnee. Oder der Slalom von Schladming, «spiegelglatt wie ein Eisfeld», sagt Matti. Und es gibt Pisten, die verschiedene Unterlagen auf einem Kurs vereinen, wie die Lauberhornabfahrt. Von der Wasserstation bis ins Ziel-S ist der Schnee aggressiv, danach folgt Eis. Matti sagt, man würde in fünf verschiedenen Serviceräumen auch fünf verschiedene Philosophien hören bezüglich richtigem Set-up. Eine letzte Wahrheit gibt es nicht.

Das wertvolle Feedback von Tina Maze

Mit dem Begriff Set-up ist generell die Abstimmung von Ski, Platte, Bindung und Schuh gemeint. An all diesen Rädchen kann man drehen, die Möglichkeiten sind schier unbegrenzt. Es geht darum, das Material möglichst gut der Unterlage anzupassen. Diese ist eisig oder nicht eisig. «Auf dem Eis braucht man Kanten-Grip, damit man nicht wegrutscht. Man muss die Kante extrem ­aggressiv einstellen, dass man den Aufkantwinkel hinkriegt», sagt Matti. «Wenn es trocken ist, darf die Kante nicht so aggressiv sein, sonst fährt man zu viel Radius.» Das Niveau der Athleten ist dichter geworden, die Zeitabstände kleiner, die Details darum entscheidender.

Vail im US-Bundesstaat Colorado im Dezember 2017. Marcel Hirscher hat nach einem Knöchelbruch, den er in der Saisonvorbereitung erlitten hat, Trainingsrückstand. Geübt wird Riesenslalom. Hirscher fährt hoch mit dem Lift und runter zwischen den Toren, immer wieder. Dazwischen sagt er kurz: «So, wie es im Moment ist, muss ich froh sein, wenn ich im Rennen den zweiten Durchgang erreiche.»

Unten beim Skilift liegen mehr als zehn verschiedene Ski und fast ebenso viele Skischuhe. Wenn Hirscher ankommt, stehen sofort sieben Serviceleute um ihn herum. Er gibt Feedback, sie reagieren und er probiert die nächste Kombination aus Ski und Schuh. Es wird getüftelt, bis das Set-up perfekt ist. Hirscher will den Zufall, so gut es möglich ist, aus dem Skisport verdammen. Dafür muss alles stimmen, seine Technik und sein Material. Sein Vater und Trainer Ferdinand führt ein Notizbuch. Er notiert die Daten zu jedem Ski und die äusseren Bedingungen – und das seit Jahren. So kann er jederzeit nachschlagen, welches Set-up auf einem ähnlichen Schnee funktionierte.

Vier Tage nach den Tests in Vail gewinnt Marcel Hirscher den Riesenslalom in Bea­ver Creek. Nur Henrik Kristoffersen verliert weniger als eine Sekunde auf den Österreicher. Es ist eine Demonstration.

Es gibt Athleten wie Marcel Hirscher, die stellen ihre Materialversessenheit förmlich zur Schau. Doch es gibt auch andere, die sich weniger um die technischen Details kümmern wollen. Tina Maze, das jahrelange Aushängeschild von Stöckli, gehörte zu dieser Sorte. «Sie hatte ein sehr gutes Gespür. Sie konnte nicht sagen, was technisch verändert werden muss. Aber sie konnte exakt beschreiben, wie der Ski am Anfang der Kurve reagierte», sagt Beni Matti. «Die Ingenieure wussten danach genau, was sie anzupassen hatten.» Die Rückmeldungen der Fahrer haben aber nicht immer die gleiche Qualität. Was sich negativ auf die Abstimmung auswirkt. «Es hängt viel vom Feedback des Fahrers ab, ob wir das richtige Set-up finden.» Matti redet auch von den «Instinktfahrern», die trotz eines ungünstigen Set-ups während des Rennens reagieren können. Beat Feuz wird diese Fähigkeit nachgesagt. Er sagte einmal: «Wenn ich beim zweiten Tor spüre, dass die Kante zu scharf ist, dann passe ich beim dritten Tor den Aufkantwinkel an.» Von ähnlichem Schlag ist auch Marco Odermatt, der einen spielerischen Umgang mit den Verhältnissen pflegt. Bei der Schuhanprobe Anfang Saison entschied er sich für das erste Paar, die anderen beiden, die bereitstanden, probierte er gar nicht erst an. Warum noch mehr Schuhe mitnehmen, wenn einer passt?

Kitzbühel in Österreich im Januar 2018. Aksel Lund Svindal hat sich wieder einmal am Knie verletzt. Es ist eine weitere Verletzung in seiner langen Krankenakte. Der Norweger sagt: «Es ist für einen erfolgreichen Athleten viel einfacher, nach einer Verletzung zurückzukehren. Jeder im Zirkus will, dass man so schnell wie möglich zurückkommt. Schliesslich sind es die Stars, die vermarktet werden können.»

Svindal spricht davon, dass sein Ausrüster die Ski weiterhin testet und weiterentwickelt, auch wenn er selbst im Krankenbett liegt. Ein ganzes Team arbeitet für ihn. «Ich konnte in den vergangenen Jahren aus einer Verletzung zurückkommen und hatte immer beste Voraussetzungen.» Die Stars vergisst niemand. Ein junger Athlet hingegen teilt sich oft den Servicemann, ist nur ein Anhängsel für die Skifirmen. Justin Murisier, der früh in seiner Karriere zwei Kreuzbandrisse erlitt, war beim gleichen Ausrüster wie Hirscher unter Vertrag. «Als ich zurückkehrte, hatte ich keine Unterstützung von Atomic», sagt Murisier. «Sie hatten ohne mich weitergemacht. Sie brauchten mich nicht.»

Nicht alle Athleten können bei der Findung des richtigen Set-ups auf die gleiche Unterstützung der Skifirma zählen. Doch diese Klassengesellschaft ist kaum zu vermeiden. Fahrerinnen wie früher Maze, heute Stuhec oder Viktoria Rebensburg, hatten sich mit ihren Erfolgen zu perfekten Botschafterinnen für die Marke Stöckli gemacht.

Privilegien für die Stars

Das bringt gewisse Privilegien. Stuhec und Rebensburg haben einen persönlichen Servicemann. Andere Stöckli-Fahrer müssen sich Serviceleute teilen. Darunter ist auch die Nidwaldnerin Andrea Ellenberger, die ohne Kaderstatus in die Saison startete, sich aber im Riesenslalom für die WM qualifizierte. Ellenberger stand Anfang Saison «nur» ein Servicemann vom Skiverband zur Verfügung, der auch Athletinnen mit anderen Skimarken betreut. Muss man den Servicemann mit anderen teilen, fehlen die Ressourcen, um endlos zu tüfteln.

Beni Matti sagt, es sei normal, dass bekanntere Stöckli-Fahrer vom Unternehmen bestimmte Vorteile geniessen. «Auch wenn man ein riesiges Testteam um sich hat: Der Fahrer muss selbst her­ausfinden, was ihm passt. Wenn der Testfahrer ein Modell als schnell taxiert, heisst das nicht, dass es für den Athleten ebenfalls so ist.» Schnell zu sein, ist das höchste Gut. Darum arbeitet der Servicemann von Ilka Stuhec meist bis spät Abends. Er ist nicht der einzige im Container-Dorf. Hier bleiben die Lichter noch lange an.

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