Sechs Geigen für die Violinistin

Der zweite Anlass der dreiteiligen Reihe «Reset» des Forums andere Musik war dem Erkennen, Erzählen und Erahnen gewidmet – was am Abend in der Klosterbibliothek Fischingen aufs schönste eingelöst worden ist.

Kathrin Zellweger
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Renate Steinmann (Bild: Stefan Postius)

Renate Steinmann (Bild: Stefan Postius)

FISCHINGEN. Barocke Mysteriensonaten von vier virtuosen Musikern aufgeführt in einem barocken Bibliothekssaal – das allein ist schon ein Genuss für Ohren und Augen. Dieses Konzert wurde dank der klugen und umfassenden Einführung von Corinne Holtz jedoch viel mehr, nämlich eine musikalische und geistige Entdeckungsreise.

Die Moderatorin erklärte das Besondere dieser Rosenkranzsonaten von Heinrich Ignaz Franz Biber, die förmlich überquellen von Zahlensymbolik. Sie ist im Barock zwar auch in der Literatur die gängige Art, Himmel und Erde zu erklären und zu versöhnen. Den Komponisten Biber hat diese Symbolik in ganz besonderer Weise zu einer schier unerschöpflichen musikalischen Fülle und Vielfalt inspiriert: Er verwob theologische und biblische Bezüge mit doppelbödigen Seitenhieben gegen weltliche und kirchliche Potentaten, die alle in diesen Sonaten ihren Niederschlag fanden. Der Komponist, erklärte Corinne Holtz, sei ein Dialektiker, ein Künstler des Verbergens im Zeigen. Man war der Moderatorin dankbar um diese Erläuterungen, für die die meisten im Publikum froh gewesen sein dürften.

Die Biber'sche Skordatur

Dann wartete man gespannt und neugierig auf den Auftritt der vier Musiker: Renate Steinmann, Violine, Jermaine Sprosse, Cembalo/Orgel, Vinicius Pérez, Laute, und Martin Zeller, Viola da Gamba. Warum lagen für die Violinistin Renate Steinmann sechs Geigen bereit? Weil Komponist Biber häufig die Skordatur (eine von der Norm abweichende Stimmung eines Saiteninstruments) benutzte, um besondere Klangeffekte zu erzielen; jede Sonate und die abschliessende Passacaglia wurde daher auf der eigens für sie gestimmten Geige gespielt; ein Umstimmen während des Konzerts wäre nicht möglich gewesen. (In der 11. Rosenkranzsonate wurde gar eine Geige benutzt, bei der zwei Saiten hinter dem Steg gekreuzt waren.) Wie Corinne Holtz ausführte, ist diese Skordatur zwar eine Biber'sche Spezialität, sie repräsentiere hier aber auch die Harmonien des Kosmos und des Jenseits.

Auch Energie für Vermittlung

Die Aufführung zwang einem eine besondere Spannung auf: Es war kein Konzert, in das man sich hineinfallen lassen konnte. Man fühlte sich verpflichtet, mit allen Fasern anwesend zu sein, um nichts zu verpassen. Bisweilen wähnte man sich in einer Komposition, die aus unserer Zeit stammen könnte. Dann wieder überraschte einen ein musikalischer Wechsel. Man war nicht nur Publikum, man war gemeint und wurde so zu einem Teil eines Forums anderer Musik.

Dass die Veranstaltungen des Forums andere Musik so bereichernd sind, liegt nicht zuletzt daran, dass die Verantwortlichen es nicht bei Aufführungen bewenden lassen, sondern viel Zeit und Energie für die Vermittlung aufwenden. Das ist ihnen an diesem Abend aufs beste gelungen. – Die beiden Installationen von Elisabeth Nembrini und Evelina Cajacob in den Gängen des Klosters Fischingen standen, leider, im Schatten des Konzerts und wurden kaum beachtet. Es hätte dem Abend an nichts gefehlt, wenn die langen Klostergänge in ihrer Leere geblieben wären.

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