Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben jetzt den Aktivierungslink für Ihr Konto per E-Mail erhalten.

Ihr Konto ist aktiviert. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

SCHWINGEN: «Wir haben schon Politiker verwarnt»

Rolf Gasser, Geschäftsführer des Eidgenössischen Schwingerverbandes, spricht vier Tage vor dem Unspunnen-Fest über seinen Sport, der sich im Spannungsfeld zwischen Tradition und Moderne zurechtfinden muss.
Klaus Zaugg, Bruno Wüthrich
Die gestiegene Popularität von Schwingfesten wie demjenigen auf der Schwägalp hat für den traditionalistischen Sport auch negative Seiten. (Bild: Gian Ehrenzeller/Keystone (Schwägalp, 20. August 2017))

Die gestiegene Popularität von Schwingfesten wie demjenigen auf der Schwägalp hat für den traditionalistischen Sport auch negative Seiten. (Bild: Gian Ehrenzeller/Keystone (Schwägalp, 20. August 2017))

Interview: Klaus Zaugg, Bruno Wüthrich

Rolf Gasser, was hätte Ihr Vater gesagt, wenn er die Entwicklung des Schwingens noch hätte erleben dürfen?

Er pflegte zu sagen: «Erhalte das Feuer und nicht die Asche.» Zwar konnte er zwischendurch recht stur sein. Aber im Beruf machte er viele Veränderungen mit und war offen für Neues. Ich gehe davon aus, dass er es schön finden würde, dass wieder so viele Zuschauer die Schwingfeste besuchen. Es gibt jedoch Entwicklungen, die er kritisieren würde.

Zum Beispiel?

Etwa die «Glanz-&-Gloria-Schwinger».

Was meinen Sie denn damit?

Sie kennen doch die Sendung «Glanz & Gloria» im Schweizer Fernsehen. Es geht um die Schwinger, die sich in der Szene der C-Prominenz bewegen. Das würde meinem Vater Mühe machen.

Wie stehen Sie dazu?

Es ist sicher nicht die Welt, aus der wir herkommen. Aber wenn wir damit das Schwingen bekannter machen und sich mehr Menschen dafür interessieren, ist das gut für uns.

Im Schwingen wird Respekt vor dem Gegner grossgeschrieben. Der Sieger wischt dem Verlierer das Sägemehl vom Rücken.

Das ist leider nicht mehr immer der Fall. Schwinger, die jubeln, statt zuerst dem Unterlegenen aufzuhelfen, gibt es im­mer häufiger. Das hätte meinem Vater nicht gefallen, und es gefällt auch mir nicht.

In den vergangenen Jahren ist viel Geld ins Schwingen geflossen. Wie sehen Sie diese Entwicklung?

Schwingen ist erfolgreich, weil es sich klar von anderen Sportarten unterscheidet. Wir sind auf eine gesunde Art und Weise traditionsbewusst. Wir erlauben keine Werbung in der Arena und auch keine auf Mann. Wir bieten sowohl Swissness als auch Weltoffenheit. Die neue Popularität des Schwingens generiert zwangsläufig Geld. Das bedeutet auch Wertschätzung, und das kann uns nur recht sein.

Wird es möglich sein, die Werte zu bewahren, wenn immer mehr Geld ins Schwingen kommt?

Unser Ziel muss es sein, die Entwicklung zu kontrollieren. Wenn alle Beteiligten mit dem Produkt zufrieden sind, dann funktioniert es. Wenn mehr Geld ins Schwingen investiert wird, dann sollen die Schwinger auch davon profitieren können. Zehn Prozent ihrer Einnahmen geben sie an den Verband ab.

Ist es heute möglich, als Schwinger Profi zu werden?

Es ist eine Gratwanderung. Wir haben heute ungefähr 3000 Aktivschwinger. Von den 100 besten verdienen 10 bis 15 mit Werbung Geld, das nicht nur als Aufwandsentschädigung angesehen werden kann.

Gibt es heute Profis im Schwingen?

Nein.

Hat es solche, die genug verdienen, damit sie Profis sein könnten?

Ja, aber sie können lediglich für eine ­beschränkte Zeit davon leben. Dann brauchen sie wieder andere Einnahmequellen.

Jörg Abderhalden ist immerhin der Bernhard Russi des Schwingens geworden.

Seine Fachkompetenz, seine Erfolge und sein Auftreten haben es ihm ermöglicht, über seine Aktivzeit hinaus ein gefragter Mann zu sein. Aber er kann nicht vom Schwingen leben. Er kann vielleicht sein Ferienbudget mit den Einnahmen aus dem Schwingen finanzieren.

Sie untertreiben.

Nein. Es ist nicht möglich, nach der Karriere seinen Lebensunterhalt im Schwingen zu verdienen, wie in Profisportarten. Aber das Beispiel Jörg Abderhalden zeigt, dass es möglich ist, Schwingen erfolgreich im Beruf zu integrieren.

Verändert das Geld die Schwinger und das Schwingen?

Das ist unsere grosse Sorge. Obwohl Geld da ist, leben wir von der Ehrenamtlichkeit. Ich bin als Geschäftsführer des Verbandes der einzige Profi. Zwar spült das Schwingen den Organisatoren der Feste und auch den besten Schwingern Geld in die Kasse, die Funktionäre und Helfer arbeiten jedoch ohne Entschädigung. Wir werden künftig nicht darum herumkommen, für gewisse Funktionen Spesenentschädigungen zu bezahlen. Aber an der Basis geht das nicht, da sind wir auf die Ehrenamtlichkeit angewiesen.

Können Sie das im Griff behalten? Sie lesen ja auch Gotthelf und kennen die Wirkung von Geld und Geist.

Derzeit geht alles gut, und so könnten wir sagen: Ja, wir haben alles im Griff. Aber das bleibt nur so, wenn alle weiterhin an unseren Werten festhalten und diese respektieren. Sobald Profilierungsneurosen oder Geldgier Einzug halten, haben wir ein Problem.

Heute finden sich unter den Schwingern auch Städter und Secondos. In den 1960er-Jahren wären Italiener im Schwingen undenkbar gewesen. Wo steht der Schwingsport politisch?

Es gibt politische Parteien, die uns und unsere Werte vereinnahmen wollen. Dagegen wehren wir uns. Wir haben deswegen schon Politiker schriftlich verwarnt. Es stimmt zwar, dass sich die Mehrheit der Schwinger nach meiner Einschätzung wohl eher rechts von der politischen Mitte zugehörig fühlt. Aber dies gilt längst nicht für alle. Auch das linke Lager stellt starke Schwinger.

Sogar Könige! Ernst Schläpfer, der die Eidgenössischen 1980 und 1983 gewann, war SP-Kantonsrat.

Sie sagen es.

Sie sagten eben, dass Sie Politiker schriftlich verwarnt haben?

Ja. Im Kanton Zürich präsentierten sich 2011 Kandidaten auf Wahlplakaten in Schwingerhosen, und ein Politiker hat im Zusammenhang mit einer Abstimmung letzthin dazu aufgerufen, mit Traktoren und Schwingern den Gotthard zu blockieren. Das geht natürlich gar nicht.

Ist Schwingen also unpolitisch?

Nein. Schwingen hat eine Botschaft. Das Schwingen soll die ganze Schweiz in ihrer ganzen Vielfalt, mit allen Regionen, Kulturen, Sprachen und Religionen verkörpern.

Die eidgenössischen Schwingfeste, die alle drei Jahre stattfinden, sind inzwischen Mega-Anlässe geworden. Wird das Eidgenössische noch weiter wachsen?

Kleiner ist jedenfalls nicht mehr möglich. Allein 33 000 Tickets sind bereits für den Verkauf durch unsere Schwingklubs reserviert. Ein bestehendes Stadion reicht deshalb längst nicht mehr. Wir können doch die Leute nicht vom Schwingen ausschliessen. Was wir steuern können, ist die Grösse der Arena. Aber das Fest darum herum können wir nicht einschränken. Wir können nicht sagen: «Ihr dürft nicht mit uns feiern.» Aber wir können im guten Sinne «spinnen». Wir stellen für zwei Tage eine Arena für 56 000 Zuschauer auf, wie im Jahr 2019 in Zug – das gibt es sonst nirgendwo auf der Welt. Das ist etwas, worauf wir stolz sein können.

52013 Plätze bot die Arena am ­Eidgenössischen Schwingfest 2013 in Burgdorf, 52016 waren es 2016 in Estavayer – gibt es 2019 in Zug einen Rekord?

Wahrscheinlich schon. In Zug werden es voraussichtlich 56000 sein. Wie viele Plätze es genau sind, weiss man aber jeweils erst, wenn die Arena steht, denn jede Arena ist ein Unikat.

Zur Person

Der 57-jährige Rolf Gasser ist seit dem 1. Mai 2011 Geschäftsführer des Eidgenössischen Schwingerverbandes (ESV). In dieser Funktion arbeitet der ehemalige Käsermeister auch für das jeweilige Organisationskomitee des Eidgenössischen Schwingfestes, zurzeit für dasjenige von Zug im Jahr 2019. Zu Beginn der 1980er-Jahre war Gasser Kranzschwinger. Er ist der Sohn des legendären Hansueli Gasser. Dieser gilt unter denjenigen, die nie in einem eidgenössischen Schlussgang gestanden sind, als bis anhin bester Schwinger.

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.