Schweizer Viertelfinal in Paris: Was für Federer spricht, und was für Wawrinka

Wie vor vier Jahren treffen Roger Federer und Stan Wawrinka in den Viertelfinals von Roland Garros aufeinander. Damals gewann der Romand erstmals bei einem Grand-Slam-Turnier gegen den Baselbieter. Wie stehen die Chancen heute? 

Simon Häring
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Gemeinsam gewannen sie 2008 Olympia-Gold im Doppel, 2014 sorgten sie für den ersten Schweizer Davis-Cup-Sieg. Seither sind die Lebenslinien von Roger Federer (37) und Stan Wawrinka (34) untrennbar miteinander verbunden. Auch im Turnier-Zirkus trafen die beiden immer wieder aufeinander - meistens gewann Federer. 22:3 führt der Baselbieter die Bilanz an, bei Grand-Slam-Turnieren steht es 6:1. Nur einmal triumphierte Wawrinka. Was vor dem 26. Duell der beiden Schweizer für Roger Federer spricht – und was für Stan Wawrinka.

Das spricht für Roger Federer

Die Frische: Marathon-Mann gegen Schnellspieler

07:10 Stunden verbrachte Roger Federer in der ersten Woche auf dem Platz. «Es ging sehr schnell. Am Wichtigsten für mich ist, dass ich mich noch immer topfit fühle.» Am Tag vor dem Viertelfinal trainierte er zwei Stunden. Nicht so Stan Wawrinka. Von Freitag bis Sonntag spielte er an drei Tagen in Folge, der Achtelfinal gegen Stefanos Tsitipas dauerte 05:09 Stunden. Es war der längste Match seiner Karriere. Insgesamt 12:27 Stunden stand er in Paris schon auf dem Platz. Den Montag verbrachte er mit Regeneration: Massage, Kältekammer, kein Training. Er sagt: «Ich werde langsam alt. Roger ist zwar noch älter, aber auch besser als ich.»

Bisher wurde Roger Federer in Paris nicht wirklich gefordert – ein Vorteil? (Bild: Claude Diderich/freshfocus, 2. Juni 2019)

Bisher wurde Roger Federer in Paris nicht wirklich gefordert – ein Vorteil? (Bild: Claude Diderich/freshfocus, 2. Juni 2019)

Die Bilanz: Lieblingsgegner Wawrinka

Nur gegen Novak Djokovic (47), Rafael Nadal (38), Tomas Berdych und Lleyont Hewitt (je 26) hat Roger Federer noch öfter gespielt als gegen seinen Landsmann. Doch gegen keinen hat er eine derart gute Bilanz wie gegen Stan Wawrinka. 22 der bislang 25 Duelle hat er gewonnen, davon auch alle fünf seit der Niederlage vor vier Jahren in Paris. «Roger ist der Beste, der dieses Spiel je gespielt hat. Darum freue ich mich, gegen ihn spielen zu können, auch wenn ich meistens verliere. Ich bin ja nicht der Einzige, dem es so geht», sagt Wawrinka lakonisch. Lange bekannte er öffentlich, wie viel Mühe es ihm bereite, gegen einen Freund anzutreten. Vor vier Jahren aber hatte Federer verärgert reagiert, als der Boulevard angesichts der klaren Bilanz einen «Federer-Komplex» anheftete. Allerdings erst nach seiner Niederlage.

Das spricht für Stan Wawrinka

Die Unterlage: Kopfsache Sand

Nur drei Mal hat Stan Wawrinka in 25 Anläufen besiegt, nur ein Mal in sieben Duellen bei einem der vier Grand-Slam-Turniere. Doch seine drei Siege feierte er allesamt auf Sand: Zwei Mal in Monte Carlo, dazu der einzige Sieg bei einem Major-Turnier - vor vier Jahren in den Viertelfinals der French Open auf dem Court Suzanne Lenglen, als er klar in drei Sätze gewann und danach auch das Turnier. «Auf Sand ist es für mich am gefährlichsten gegen Stan», sagt auch Federer. Der Aufschlag ist auf dieser Unterlage weniger wirkungsvoll, die Ballwechsel in der Regel länger. Allerdings liegt Federers Spiel Wawrinka nicht. Er bevorzugt Rhythmus und lange Ballwechsel. Ein Gefallen, den Federer ihm nur sehr selten macht.

Wawrinka zeigte sich bisher in einer starken, mentalen Verfassung. (Bild: AP Photo/Christophe Ena, 2. Juni 2019)

Wawrinka zeigte sich bisher in einer starken, mentalen Verfassung. (Bild: AP Photo/Christophe Ena, 2. Juni 2019)

Der Turnierverlauf: Epik gegen Langeweile

Wawrinka ist bislang der Mann der grossen Emotionen, das Pariser Publikum hat ihn schon bei seinem Sieg 2015 ins Herz geschlossen, doch in diesem Jahr sammelte er noch mehr Punkte. So verzückte er auf dem neuen Court Simonne-Mathieu, schenkte der Stierkampfarena, die nach dem Turnier abgerissen wird, gegen Garin und Dimitrov noch einmal zwei Höhepunkte und berauschte die Franzosen mit dem Spiel des Jahres gegen Tsitsipas. Federers Auftritte waren hingegen zu einseitig, um als Projektionsfläche grosser Emotionen zu dienen. Zudem fehlte ihm im Turnierverlauf bisher ein echter Gradmesser. Wawrinka ist der erste Gesetzte, auf den er trifft. Die Ungewissheit, wie gut er auf Sand gegen die Besten spielt, ist gross.