Schweizer Sport erhält eine halbe Milliarde um das Überleben zu sichern

Bundesrätin Viola Amherd verkündet überraschend ein finanzielles Stabilisierungspaket mit Darlehen in der Höhe von 350 Millionen für Profivereine im Fussball und Eishockey. Diese Gelder geben zu reden.

Rainer Sommerhalder und François Schmid-Bechtel
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Sportministerin Viola Amherd tritt gemeinsam mit Baspo-Direktor Matthias Remund vor die Medien. (Bild: Keystone)

Sportministerin Viola Amherd tritt gemeinsam mit Baspo-Direktor Matthias Remund vor die Medien. (Bild: Keystone)

Matthias Remund ist ein oft gescholtener Sportfunktionär. Zuletzt musste sich der Direktor des Bundesamtes für Sport anhören, seine Branche habe in Bundesbern keine wirkungsvolle Lobby. Der Sport werde bei den Lockerungen der Coronamassnahmen links liegen gelassen.

Doch wenn es darum geht, einen Riecher für den politisch richtigen Moment zu haben, dann macht dem sechsfachen Vater niemand etwas vor. Früh in der Krise sicherte Remund dem Schweizer Sport Soforthilfen in der Höhe von 100 Millionen Franken. Und just an seinem 57. Geburtstag gelang dem Berner gar ein Überraschungscoup. Der Bundesrat beschloss ein Stabilisierungspaket in der Höhe von 500 Millionen Franken. 350 Millionen davon stehen den Profivereinen im Fussball und Eishockey als Darlehen zur Verfügung, 150 Millionen sind A-fonds-perdu-Beiträge für den übrigen Leistungssport sowie für Verbände, Vereine und Veranstalter. Damit sollen die Sportstrukturen vor grossen Schäden bewahrt werden.

Wie ein Gladiator sei Remund im richtigen Moment vorgeprescht und habe seine Chefin, Bundesrätin Viola Amherd, von der Notwendigkeit dieser grössten Finanzspritze in der Geschichte des Schweizer Sports überzeugt, sagt ein Insider. Doch niemand konnte vorhersagen, ob der Gesamtbundesrat dem Antrag der Sportministerin folgen würde. Staatsgelder für gut bezahlte Profisportler! Bis ganz zum Schluss der Bundesratssitzung herrschte im Baspo grosse Nervosität und Ungewissheit.

Wer Geld will, muss Spielersaläre um 20 Prozent senken

Um den Kritikern am Darlehen für die knapp 50 Profivereine im Fussball und Eishockey Genüge zu tun, will das Baspo mittels je einer identischen Vereinbarung den Weg zum Kredit an verschiedene Bedingungen knüpfen. Wer Geld will, darf seine Lohnsumme nicht erhöhen und muss die Spielerhonorare innerhalb von drei Jahren um 20 Prozent senken. Die Vereine verpflichten sich auch, nicht in den Nachwuchsabteilungen zu sparen. Ebenso darf kein Geld für die Deckung von überhöhten Salären verwendet werden.

Für zukünftige Krisen müssen die beiden Ligen zudem einen Sicherheitsfonds schaffen, in welchen die Vereine fünf Prozent der jährlichen Einnahmen aus dem TV- und Marketingvertrag einzahlen. Die Darlehen sind aufgeteilt. 100 Millionen erhält der Profifussball und 75 Millionen das Eishockey für Ausfälle ab dem 1. Juni. Identische Summen stehen im Staatsbudget 2021 zur Verfügung, sollten die Einschränkungen des Spielbetriebs länger als sechs Monate andauern. Darlehen werden allerdings erst ausbezahlt, wenn der Spielbetrieb wieder aufgenommen wird.

Es sei ein «ganz starkes Zeichen» für den Schweizer Sport, sagt Peter Zahner, CEO der ZSC Lions und Exekutivmitglied von Swiss Olympic, «doch nun geht es darum, die offenen Details zu den Bedingungen und Sicherheiten zu klären». Eishockey-Schwergewicht Zahner spricht konkret die Solidarhaftung an, die als Sicherheit bei der Rückzahlung von Darlehen innerhalb einer vorgesehenen Frist von fünf Jahren gelten soll.

Auch Claudius Schäfer, der CEO der Swiss Football League, ist weit entfernt davon, Jubelsprünge zu vollführen. Als zu ernst und ungewiss präsentiert sich die aktuelle Situation im Schweizer Spitzenfussball. Schäfer sagt: «Solche Entscheidungen befriedigen enorm. Danach kehrt aber schnell wieder die Realität ein. Kurz: Es sind nicht alle Probleme gelöst.» Er könne derzeit nicht abschätzen, wie viele Vereine der Super und Challenge League ein Darlehen beantragen werden. «Aber ich bin überzeugt, dass Klubs, die Liquidität benötigen, Darlehen beantragen werden. Denn die Klubs werden weiterhin keine Einnahmen haben. Da ist die Rechnung schnell gemacht», so Schäfer.

Die Sorgen, gesprochene Bundesgelder allenfalls nicht zurückzahlen zu können, müssen die 19 000 Sportvereine neben dem Profibetrieb der grossen Ligen nicht haben. Zusammen mit Veranstaltern von wiederkehrenden Anlässen und nationalen Verbänden dürfen sie an einem Beitrag von 150 Millionen Franken zur Stützung der traditionellen Strukturen partizipieren. Über die Vergabe dieser Gelder entscheidet der Dachverband Swiss Olympic. Auch hier gilt die Aufteilung: 50 Millionen für 2020, weitere 100 Millionen für mittelfristige Folgen im kommenden Jahr.

Denn wie sagte Sportministerin Viola Amherd an der gestrigen Medienkonferenz: «Den Sport treffen die finanziellen Folgen der Krise oft verzögert, dafür im Vergleich zur Wirtschaft doppelt so stark. Und der Sport braucht länger, um sich zu erholen.» Amherd begründete den finanziellen Effort für den Sport mit dessen Bedeutung. Er sei direkt und indirekt für rund 100 000 Arbeitsplätze in der Schweiz verantwortlich und trage 1,7 Prozent zum Bruttoinlandprodukt bei.

Zusätzliche 37,5 Millionen Franken stellt der Bund als Darlehen für in der Schweiz ansässige internationale Sportverbände zur Verfügung. Mit Beträgen in der gleichen Höhe beteiligen sich die Standortkantone. Sicher keine Kredite gibt es für die drei finanzstarken Verbände IOC, Fifa und Uefa. Im Gegenteil, das Internationale Olympische Komitee beteiligt sich in Absprache mit dem Bundesrat selbst mit 50 Prozent am gesprochenen Gesamtdarlehen von 150 Millionen für die rund 60 in der Schweiz ansässigen Organisationen.

Für zukünftige Krisen müssen die beiden Ligen zudem einen Sicherheitsfonds schaffen, in welchen die Vereine fünf Prozent der jährlichen Einnahmen aus dem TV- und Marketingvertrag einzahlen. Die Darlehen sind aufgeteilt. 100 Millionen erhält der Profifussball und 75 Millionen das Eishockey für Ausfälle ab dem 1. Juni. Identische Summen stehen im Staatsbudget 2021 zur Verfügung, sollten die Einschränkungen des Spielbetriebs länger als sechs Monate andauern. Darlehen werden allerdings erst ausbezahlt, wenn der Spielbetrieb wieder aufgenommen wird.