Schweizer Siegermentalität

Die Schweizer Nationalmannschaft findet in der EM-Qualifikation in Litauen lange nicht ins Spiel. Auf den unerwarteten Rückstand reagiert sie mit Toren von Josip Drmic und Xherdan Shaqiri stark und kommt mit einem blauen Auge davon.

Christian Brägger/Vilnius
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Xherdan Shaqiri erlöst die Schweiz: Der Offensivspieler von Inter Mailand trifft kurz vor Schluss zum 2:1 für die Schweiz. (Bild: ky/Georgios Kefalas)

Xherdan Shaqiri erlöst die Schweiz: Der Offensivspieler von Inter Mailand trifft kurz vor Schluss zum 2:1 für die Schweiz. (Bild: ky/Georgios Kefalas)

FUSSBALL. Es lief die 64. Minute, lauter Jubel der 4600 Zuschauer im LFF-Stadion in Vilnius. Man rieb sich die Augen, wagte ihnen nicht zu trauen. Die Schweiz lag 0:1 zurück. Fiodor Cernych hatte sich gegen Johan Djourou durchgesetzt und mit seinem Abschluss in die weite Ecke Yann Sommer bezwungen. Die Weltnummer 96 führt gegen die Weltnummer elf? Was passiert da gerade? Doch der Gegentreffer war wohl der richtige Weckruf für die Schweizer Nationalmannschaft. Jetzt endlich begann sie zu reagieren, wohl plötzlich spürend, dass sie hier verlieren und auf eine Blamage zusteuern könnte.

Und wie sie reagierte. Vier Minuten nach dem Rückstand köpfelte Fabian Schär den Ball nach einer massvollen Flanke Xherdan Shaqiris über den litauischen Goalie, Josip Drmic profitierte und drückte den Ball über die Linie. Im Wissen, dass auch ein 1:1 zu wenig für die Ansprüche der Schweiz und Trainer Vladimir Petkovic ist, drängte das Team nun vehement auf den Siegtreffer. Drmic besass eine weitere Chance, auch Shaqiri, der nun immer besser ins Spiel fand.

Lebensversicherung Shaqiri

Petkovic zog eine letzte Trumpfkarte. Er wechselte Breel Embolo für Drmic ein, der zu seinem Début in einem Pflichtspiel für die Schweiz kam. Ausgerechnet der Basler Stürmer lancierte Shaqiri. Das Kraftpaket zog allein auf das litauische Tor los, er fackelte nicht lange und versenkte den Ball: 2:1, die Schweiz war dank ihrer Lebensversicherung wieder in der Spur. Weil die Litauer ihrerseits nicht mehr reagieren konnten, blieb der Schweiz der vierte Sieg in Serie in der EM-Qualifikation. Mit diesem kommt sie noch einmal mit einem blauen Auge davon und verdrängt die Slowenen vom zweiten Gruppenplatz.

Dabei hatte sich das Nationalteam sehr lange gedulden müssen, bis es endlich mit Lust und Willen diese schwierige Auswärtsspiel dominierte. Bis weit in die zweite Halbzeit hinein hatte es gedauert, ehe sein Spiel wenigstens ein wenig besser wurde. Erst in der 56. Minute hatten sie gar ihre erste Torchance kreiert, wohl aber mehr aus Zufall. Drmic tauchte nach einem Prellball plötzlich in aussichtsreicher Position auf, scheiterte aber mit seinem Abschluss.

Mutiger und bissiger Gastgeber

Verändert gegenüber dem Auftritt in St. Gallen vom November zeigte sich nicht nur die Schweiz, sondern auch Litauen. Da war nicht mehr viel zu spüren vom damaligen Defensiv-Bollwerk, das es trotz der 0:4-Niederlage über die gesamte Spielzeit versucht hatte, herzustellen. Mutig, bissig und ohne Angst vor dem scheinbar übermächtigen Gegner präsentierte sich die Mannschaft von Trainer Igoris Pankratjevas. Das konnte nicht verwundern, zumal Litauen in den vergangenen sechs Spielen fünfmal verloren hatte und dabei ein miserables Torverhältnis von 0:16 vorwies. Es hiess, die Tage des Coachs seien gezählt.

Das Heimteam schien auch lange besser mit dem Kunstrasen und dem Spiel, das auf ihm ungleich schneller wird, klarzukommen. In der 17. Minute hätte es gar in Führung gehen müssen. Johan Djourou fabrizierte in Nähe der Mittellinie unbedrängt einen Fehlpass, Vykintas Slivka stürmte alleine auf Sommer. Der Schweizer Goalie behielt die Nerven, parierte den Abschluss, ehe Fabian Schär ganz klärte.

Doch dann mussten sich die Schweizer wohl an die Worte von Petkovic erinnert haben, der gesagt hatte, sein Team sei besser, stärker und werde gewinnen. Das ist Siegermentalität.