SCHWEIZER NATI: «Hätte gerne mehr geleistet»

Lange war Blerim Dzemaili im Nationalteam nur Ergänzungsspieler. Der 53fache Internationale über seine neue Rolle, die schwierige Beziehung zu Ottmar Hitzfeld und seine Zukunft in Kanada.

Christian Brägger/Feusisberg
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Blerim Dzemaili möchte nach seiner Karriere Sportchef werden. (Bild: CJ GUNTHER (EPA))

Blerim Dzemaili möchte nach seiner Karriere Sportchef werden. (Bild: CJ GUNTHER (EPA))

Blerim Dzemaili, rücken Sie heute lieber zur Nationalmannschaft ein als früher?

Natürlich ist meine Situation jetzt anders. Vielleicht verspüre ich deswegen auch mehr Freude, die Mitspieler zu sehen. Ich komme mit anderen Ambitionen hierher, bin glücklicher. Dennoch war es für mich stets ehrenvoll, das Nationaldress überzustreifen.

Wieso dauerte es lange, bis Sie im Team ankamen?

Anfangs lief wenig für mich. Meine Verletzung 2007 warf mich zurück, bei Bolton spielte ich nicht. Wir standen damals im Abstiegskampf, der Trainer kannte mich kaum. Verständlich, dass er mich nicht einsetzte, als Coach hätte ich genauso gehandelt. Im Nationalteam gab es immer gute Konkurrenz auf meiner Position – vor allem bei Ottmar Hitzfeld musste ich lange hinten anstehen.

Es hiess, der Pfostentreffer in der Nachspielzeit gegen Argentinien im WM-Achtelfinal sei typisch Dzemaili. Er komme immer einen Schritt zu spät, wie in der Karriere.

Der Pfostenkopfball war sicher ein Abbild der Beziehung zwischen Dzemaili und Hitzfeld. Es hat nie ganz gepasst, auch wenn ich nie etwas gegen ihn hatte.

Wie sehr veränderte die EM Ihr Denken, das Mentale?

Sehr. Doch bereits seit der EM-Qualifikation erhalte ich die Anerkennung, die ich mir stets erhofft habe. Das tut gut.

Können Sie heute sagen, Ihre Karriere sei mit dieser Anerkennung vollendet?

Man erhofft sich immer bessere Dinge. Ich hätte gerne mehr geleistet fürs Team. Doch das Vertrauen des Trainers in mich war begrenzt. Die ganz grosse Liebe ist nie richtig aufgeblüht. Mit Vladimir Petkovic wurde das anders. Ich verspüre jetzt Genugtuung.

Vertrauen des Trainers und Selbstvertrauen des Spielers sind so nahe beieinander?

Absolut. Wenn du das Vertrauen des Trainers nicht hast, dann sitzt das in dir fest. Umgekehrt bist du automatisch besser. Ich weiss, auch wenn ich jetzt einen Fehler mache, hält Petkovic zu mir. Man muss wissen: Die Ersatzrolle zu akzeptieren ist nie einfach, und man gibt oft vorschnell dem Trainer die Schuld. So ticken Fussballer. Auch wenn wir besser den Fehler bei uns suchen sollten.

Inwieweit hängt Ihr neuer Status mit Petkovics neuem System zusammen?

Das System ist eigentlich dasselbe. Anders ist nur, dass Gökhan Inler an meiner Stelle weiter hinten gespielt hatte. Und Granit Xhaka agierte weiter vorne.

Es gab bekanntlich Phasen, da wäre Sie fast aus dem Nationalteam zurückgetreten.

Ich war einmal vor drei Jahren vor dem Spiel gegen Zypern dem Rücktritt nahe. Ich war Stammspieler bei Napoli, Inler nicht. Im Nationalteam sah es Hitzfeld aber umgekehrt, er wollte den Captain nicht wechseln. Ich musste das schlucken. Mein Umfeld half mir. Der Einzige, der verloren hätte, wäre ich gewesen.

Seit zwei Jahren ist Petkovic der Trainer. Was genau ist denn anders?

Die Mannschaft hat sich verändert, die Karten wurden neu gemischt, neue Spieler kamen. Der Umgang unter uns allen ist offener geworden, vor allem findet er auf dem Platz statt. Hitzfeld suchte eher Einzelgespräche.

Die Gruppe hat eine gute Dynamik bekommen.

Wir haben einen guten Mix zwischen Jungen und Alten. Die Hierarchien sind heute flacher und werden nicht so hochgehalten. Wir wissen, dass wir alle wichtig sind fürs Team.

Wie kann sich eine Nummer zwanzig wichtig fühlen?

Hallo? Dann ist er die Nummer zwanzig der Schweiz! Wenn ihm das nichts bedeutet, dann hat er bei uns nichts verloren.

Wie werten Sie das 2:0 gegen Portugal?

Wir haben das Bild der EM bestätigt und fürchten uns vor keinem. Wir wissen, dass wir gegen jeden bestehen können. Seit dem Zusammenzug in Lugano ist dieses Gefühl da. Davor war es eine Zeit lang weg. Nun dominieren wir bis auf wenige Phasen jedes Spiel und haben eine Identität mit viel Spielwitz. Und jeder, der reinkommt, weiss, was er tun muss.

Wie wichtig ist es, gegen Ungarn jetzt nachzulegen?

Es ist das wichtigste Spiel der WM-Qualifikation, sie wird jetzt vorentschieden. Nach dieser Partie müssen wir die nächsten sechs Spiele allesamt gewinnen. Wir dürfen aber nicht denken, dass es gegen Ungarn locker wird.

Sie haben viele Clubwechsel hinter sich. Wo sehen Sie Ihre Zukunft?

Ich habe einen Vierjahresvertrag mit Bologna. Demselben Clubbesitzer gehört auch Montreal Impact. Entweder im nächsten oder übernächsten Sommer werde ich nach Kanada in die Major League Soccer gehen. Und danach irgendwann in die Schweiz zurückkehren.

Für Tranquillo Barnetta bedeutete die Major League Soccer das Ende im Nationalteam. Hängt der Zeitpunkt, nach Kanada zu gehen, von einer WM-Teilnahme ab?

Absolut. Ich will an die WM. Barnetta war aber in den letzten Jahren nicht mehr Fixstarter bei uns, das hatte wohl kaum Einfluss.

Sie wirken geläutert. Hat Ihr Sohn Luan Sie sehr verändert?

Ja. Viele Dinge sind zweitrangig geworden, bis auf den Fussball und die Familie. Der Fussball gibt mir jene grosse Freude, die ich mir von einer Arbeit erhoffe. Ich habe den schönsten Job der Welt. Wir dürften uns niemals über unseren Beruf beklagen.

Dann wird es schwierig, nach dem Karriereende etwas Adäquates zu finden.

Ich werde mit dem Fussball weitermachen und möchte Sportchef werden. Ein Traum wäre, diese Rolle beim FC Zürich auszuüben, dem Club, der mich gross gemacht hat.