Schweizer Botschaften: Wie die Nati nach der Krise neu durchstarten will

Das Nationalteam arbeitet die Krise auf. Die Hauptakteure zeigen Verständnis, erklären sich und gestehen Fehler ein. Das alles kann die grosse Befreiung sein. Fortan soll es wieder um Fussball gehen, ein neues Kapitel aufgeschlagen werden.

Etienne Wuillemin, Christian Brägger
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Der Mannschaftsrat des Schweizer Nationalteams stellt sich den offengebliebenen Fragen. (Bild: Walter Bieri/KEY (Feusisberg, 4. September 2018))

Der Mannschaftsrat des Schweizer Nationalteams stellt sich den offengebliebenen Fragen. (Bild: Walter Bieri/KEY (Feusisberg, 4. September 2018))

Eigentlich gehört die Bühne dem Nationaltrainer. Doch Vladimir Petkovic sitzt gestern im Teamhotel in Feusisberg nicht alleine am Tisch. Claudio Sulser, der Delegierte der Nationalmannschaft, ergreift das Wort. «Wir möchten das ­Kapitel WM in Russland und alles, was passiert ist, gerne abschliessen und ein neues starten. Doch wir haben realisiert, dass wir dafür zuerst über das Geschehene reden müssen.»

Sulser sagt es. Dann geht die Türe des Sitzungszimmers auf. Auftritt des kompletten Nationalteams. Alle Spieler kommen in den Raum, der ganze Staff. Der Spielerrat – also Stephan Lichtsteiner, Granit Xhaka, Yann Sommer, Xherdan Shaqiri und Johan Djourou – nimmt neben Petkovic und Sulser Platz. Alle anderen verteilen sich im Raum und hören aufmerksam zu.

Dann beginnt die Diskussion. Es werden schliesslich 60 Minuten, in denen sich Spieler und Trainer öffnen. Egal, um welches Thema es geht, ob Doppeladler-Debatte oder Doppelbürgeraffäre oder Neuausrichtung inklusive Rücktritt von Valon Behrami – niemand verwehrt sich den Fragen. Jeder ist bemüht, Einblick ins eigene Seelenleben zu geben. Und in jenes des Teams.

Lichtsteiner: «Auf die Füsse wollten wir niemandem treten»

Stephan Lichtsteiner spricht als Erster. Und bald einmal sagt der Captain: «Es war eine hoch emotionale Partie gegen Serbien, die Jubelgesten waren rein diesen Emotionen geschuldet. Wir wollten niemandem auf die Füsse treten. Und wir wussten nicht, welch grosse Wellen das alles auslöst. Nun ist es passiert, und dafür möchten wir uns entschuldigen.»

Auch Lichtsteiner selbst jubelte mit dem Doppeladler. Es war sein Zeichen dafür, wie sehr er alle Mitspieler unterstützt. «Schauen wir doch, was all die jungen Spieler für die Nationalmannschaft stets leisten, wie sie sich aufopfern, auch an dieser WM wieder.» Der 34-Jährige erhielt trotz der Enttäuschung gegen Schweden im Achtelfinal viele positive Rückmeldungen von den Anhängern. Darum schliesst er: «Ich bin überzeugt, dass dieses Team grosse Popularität hat im Volk.»

Xhaka: «Den Doppeladler nochmals zu zeigen wäre blöd»

Niemand wurde in den vergangenen Wochen mehr angegriffen als Granit Xhaka. Am Anfang stand sein Torjubel mit dem Doppeladler im Spiel gegen Serbien. Bald einmal interessierte kaum mehr, wie aufgeheizt die Stimmung rund um dieses Spiel war. Auch weil es zu ­wenig gelang, die Öffentlichkeit davor zu sensibilisieren. Xhaka sagt nun: «Ich wäre blöd, wenn ich den Doppeladler noch einmal zeigen würde. Wir haben das besprochen. Es wird in Zukunft nicht mehr vorkommen. Punkt.» Eines wird aber genauso deutlich: Wie sehr es ihn verletzt, wenn ihm vorgeworfen wird, sich zu wenig mit der Schweiz zu identifizieren. «Wenn man über Doppelbürger spricht, so werfe ich ein: Ich habe nur einen Pass – jenen der Schweiz.»

Danach erzählt Xhaka eine kleine Episode aus seinen Ferien im Kosovo. Immer wieder werde er dort angesprochen, um Fotos gebeten. «Und jeder sagt: Mach doch bitte den Doppeladler!» Muss er solche Wünsche verwehren, nur weil er für die Schweizer Nationalmannschaft spielt? Nein. Und natürlich schmeichelt ihm, wie sehr er im Kosovo verehrt wird. Also sagt er: «Ich werde auch in Zukunft nicht verheimlichen, dass ich zwei Herkünfte habe.»

Shaqiri: «Repräsentiere ich die Schweiz zu wenig?»

Natürlich betrifft die Diskussion um den Doppeladler ebenso ihn, Xherdan Shaqiri. Weil er die Geste nach seinem Siegtor gegen Serbien ebenfalls zeigte. War der Jubel ein Fehler? «Das wäre zu hart formuliert. Ich habe ein entscheidendes Tor geschossen, in einem wichtigen Spiel. Aber wenn sich die Leute angegriffen fühlten, entschuldige ich mich.»

Der Nachgang der WM führte dazu, dass Shaqiri selbst Opfer öffentlicher ­Angriffe wurde. Besonders die bisweilen heftigen Kritiken der ehemaligen Nationalspieler Kubilay Türkyilmaz und Stéphane Henchoz, die auch auf ihn zielten, missfallen ihm. «Repräsentiere ich die Schweiz zu wenig? Das ist respektlos, wir alle repräsentieren die Schweiz. Das alles kommt von alten Spielern, die irgendwelche Kommentare rauslassen. Vielleicht sind beide ja eifersüchtig auf uns, weil sie weniger Erfolg hatten als wir.» Letztlich dürfe man sich von solchen Dingen einfach nicht ablenken lassen.

Sommer: «Stolz, Doppelbürger im Team zu haben»

Er war der grosse Schweizer Gewinner dieser WM. Yann Sommer zeigte herausragende Leistungen. Er gilt als besonnene Stimme, die dann etwas sagt, wenn es zählt. Sommer stellt klar, wie wichtig es ist, an diesem Tisch zu sitzen. «Denn es ist schade, wie sich die Geschichte seit der WM entwickelt hat.» Auch ihm ist eines wichtig: «Ich kenne Granit und Xherdan, seit ich 15 Jahre alt bin. Ich weiss, was die beiden für die Schweiz geleistet und investiert haben. Und was sie auch heute tun. Wir alle sind stolz und happy, Doppelbürger im Team zu haben. Sie tun uns gut. Das sollte kein Thema mehr sein, sondern selbstverständlich. Punkt.»

Petkovic: «Es kann ins Positive oder Negative kippen»

Schliesslich kommt der Nationaltrainer zu Wort bei den Themen, «die von der Mücke zum Elefanten, gar zum kleinen Tsunami wurden». Hätte nicht Vladimir Petkovic mit seinem Migrationshintergrund gerade in der Schweiz Diskussionen verhindern oder zumindest eindämmen können? Der Coach verneint. Weil er vielleicht ein bisschen besser verstehe, was wirklich passiert sei im Balkan. Er habe sich zu Kriegszeiten schon nicht geäussert, weil es immer um zwei Kul­turen, Nationen und Religionen gehe. «Und jedes Mal, wenn man eine Antwort gibt, kann es ins Positive oder Negative kippen. Alles wird interpretiert.»

Am gestrigen Nachmittag ist Petkovic locker wie selten und bedauert, «dass wir Unruhe in die Öffentlichkeit gebracht haben». Den Adlergruss nennt er ein Symbol des Friedens, es gebe nun einmal Spieler mit zwei schlagenden Herzen in der Brust. Er stellt die Hierarchien nicht in Frage, Lichtsteiner bleibt der Captain, Xhaka ist nach Behramis Rücktritt dessen Stellvertreter. Dann sagt Petkovic: «Dieses Nationalteam gehört der Schweiz, das ist unser Motto.»