Eishockey-WM 2017
Schweiz-Gegner Slowenien will mit Balkan-Kreativität den NHL-Star Anze Kopitar ersetzen

Slowenien sucht Wege, um die Absenz von LA-Superstar Kopitar zu kompensieren. Wie gelingt das dem Auftaktgegner der Schweiz?

Kristian Kapp aus Paris
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Anze Kopitar spielt für die LA-Kings.

Anze Kopitar spielt für die LA-Kings.

KEYSTONE/AP/MARCIO JOSE SANCHEZ

Grösser als das Leben. Zumindest im kleinen Universum des slowenischen Eishockeys. Diese Rolle kommt Anze Kopitar zu. In der Schweiz dürfte das Eishockey des Landes, in dem dieser Sport selbst nur eine untergeordnete Rolle spielt, belächelt werden. Aber einen wie Kopitar haben auch wir nicht: Er ist Captain und mehrfacher Topskorer seines NHL-Teams, der Los Angeles Kings, er ist einer der besten Zwei-Weg-Stürmer überhaupt und wurde für seine Defensivqualitäten bereits mit einem NHL-Award ausgezeichnet. Slowenien und Eishockey, das ist ausserhalb des Balkanstaates gleichbedeutend mit Anze Kopitar. Wohl auch darum blickt Nik Zupancic nach der Frage, welche Rolle Kopitars Absenz an der WM bedeute, den Interviewer an, als hätte ihn dieser gerade nach dem PIN-Code seiner Kreditkarte gebeten. Dann lacht er und sagt: «Wir reden von einem der Topspieler auf der ganzen Welt. Jeder Mannschaft könnte er helfen.»

Zupancic ist 48, ein ehemaliger Mittelstürmer und eine kleine Eishockeylegende in Slowenien. Einer, der sich auch noch in Österreich einen Namen machte und erst mit 42 die Schlittschuhe an den Nagel hängte. Letzte Saison debütierte er als Nationaltrainer Sloweniens, zuvor war er jahrelang Assistent seines Vorgängers Matjaz Kopitar, dem Vater Anzes. Dieser ist als Trainer auch in der Schweiz bekannt, auch für diese kuriose Episode: Kopitar senior wurde letzten Februar beim NLB-Klub Martigny mitten in einer Playoff-Serie entlassen. Zupancic schaffte 2016 den Aufstieg in die A-Gruppe ohne Anze Kopitar, nun muss er auch den Klassenerhalt ohne Superstar bewerkstelligen.

Keine Freigabe für den Superstar

«Wir wussten früh, dass Anze nicht dabei sein würde, wir konnten uns darauf vorbereiten», sagt Zupancic. Kopitar wurde die WM-Teilnahme von den Los Angeles Kings verweigert. Der Erfolgsklub und NHL-Champion 2012 und 2014 verpasste diese Saison die Playoffs und feuerte vor einem Monat im Zuge eines «House Cleanings», mit Headcoach Darryl Sutter und General Manager Dean Lombardi jene zwei Männer, die das Gesicht der erfolgreichen Kings der letzten Jahre gewesen waren. Nach so viel Unruhe und sportlicher Enttäuschung wollte der Klub seine Stars und vor allem seinen Captain nicht an der WM in Paris sehen und verordnete mehr Zeit für Erholung und Kopflüften.

Auch ohne Kopitar nicht chancenlos

Chancenlos sieht Zupancic sein Team auch ohne Kopitar nicht. Andere Spieler müssten Leaderrollen übernehmen. Zum Beispiel Captain Jan Mursak, der neben Kopitar und dem kanadisch-slowenischen Doppelbürger Greg Kuznik (1 Spiel für Carolina 2001) dritte Slowene, der es je in die NHL schaffte – wenn auch nur für die Jahre zwischen 2010 und 2013, als er auf 46 Spiele für die Detroit Red Wings kam. «Unser Team ist im Hoch», sagt Zupancic mit dem Verweis auf die überraschende Qualifikation für Olympia 2018 letzten September, als Slowenien nicht nur Dänemark besiegte, sondern auch das entscheidende Spiel auswärts gegen Weissrussland im Shootout gewann – auch dank eines von Kopitar erfolgreich verwerteten Penaltys. «Und wir haben einiges an Routine, viele unserer Jungs sind im richtigen Alter.» Natürlich sei die Schweiz mit ihren herausragenden läuferischen Fähigkeiten Favorit, sagt Zupancic. Doch da gäbe es noch etwas im Offensivspiel seiner Equipe, eine weitere Stärke, fügt er mit einem Augenzwinkern an: «Balkan-Kreativität.»