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Fifa-Menschenrechtsmanager Andreas Graf: «Die Fifa hat eine Verantwortung. Und die nimmt sie nun wahr»

Andreas Graf ist Fifa-Menschenrechtsmanager. Der 34-jährige Toggenburger leistet Pionierarbeit. Denn der Weltverband will, dass seine Turniere Land und Leuten nicht mehr schaden. Dafür hat er UNO-Leitprinzipien für Wirtschaft und Menschenrechte in den Statuten verankert.
Patricia Loher
«Wir können nicht über Nacht alles verändern»: Andreas Graf. (Bild: Ben Moreau/Fifa)

«Wir können nicht über Nacht alles verändern»: Andreas Graf. (Bild: Ben Moreau/Fifa)

Um ein Haar wäre der Terminplan von Andreas Graf auf den Kopf gestellt worden. In Thailand waren die Dienste der Fifa gefragt. Ein Fussballprofi, der aus Bahrain nach Australien geflüchtet war, sass zweieinhalb Monate in Thailand in Haft, weil er sich in seiner Heimat an Ausschreitungen im Rahmen des «Arabischen Frühlings» beteiligt haben soll. Der Mann hatte das stets bestritten und die Fifa schaltete sich ein. Fast hätte Graf den Auftrag gefasst, sich vor Ort für den Fussballer einzusetzen. Am Ende aber reiste der Chef nach Thailand. Seit einigen Tagen ist Hakim Al-Araibi ein freier Mann. Er muss nicht nach Bahrain zurück. Der Fall nahm für den Fussballer und die Fifa ein gutes Ende.

WM-Bewerber müssen Menschenrechte einhalten

Der 34-jährige Graf ist in Mosnang aufgewachsen und seit September 2016 beim Weltfussballverband als Human Rights Manager angestellt – als Manager für Menschenrechte. Der Toggenburger besetzte eine neu geschaffene Stelle. Als erste Sportorganisation hat die Fifa die UNO-Leitprinzipien für Wirtschaft und Menschenrechte in ihren Statuten verankert. Eine entscheidende Passage dabei: Es dürfen nur noch jene Länder eine Fussball-WM austragen, die sich bereits bei der Bewerbung vertraglich dazu verpflichten, die Menschenrechte einzuhalten und entsprechende Strategien vorlegen. Erstmals kam das für die WM 2026 zum Tragen, als nicht Marokko, sondern die USA, Kanada und Mexiko das Turnier zugesprochen erhielten.

Graf schützt die Rechte jener, die im Einflussbereich der Fifa sind

Grafs Aufgabe ist es, die Rechte all jener zu schützen, die im Einflussbereich der Fifa sind. Es geht um Arbeiter auf WM-Baustellen, die Menschen in einem Ausrichterland und Fussballerinnen und Fussballer. Ein Fifa-Turnier darf künftig der Bevölkerung oder dem Land nicht mehr schaden. Graf und sein Team bekämpfen auch Rassismus und Diskriminierung im Umfeld von Fussballspielen oder Einschränkungen der Pressefreiheit. Die Arbeit ist hochkomplex, zumal das Thema Menschenrechte bei der Fifa erst seit kurzem systematisch angegangen wird. «Wir begannen mit relativ grundlegenden Schritten», sagt Graf, der mit seiner Familie in Ebnat-Kappel wohnt. Natürlich weiss der 34-Jährige, dass es dauern wird, bis ihre Arbeit in der Öffentlichkeit Anerkennung findet. Vor 2016 hat sich die Fifa bedeutend weniger um die Auswirkungen ihrer Turniere auf Land und Leute gekümmert. «Die Fifa hat eine Verantwortung. Und die nimmt sie nun wahr», sagt Graf. Ein Kampf gegen Windmühlen sei es nicht, man sehe täglich die Fortschritte. Er sagt:

«Aber selbstverständlich können wir nicht über Nacht alles verändern.»

In den Schlagzeilen war der Verband zuletzt vor allem wegen der Arbeitsbedingungen auf den Baustellen der WM-Stadien in Katar. 2013 warnten die Gewerkschaften, bis 2022 würden 4000 tote Wanderarbeiter zu beklagen sein. «Es wird viel berichtet basierend auf diesen Zahlen. Es ist jedoch kein Geheimnis, dass diese auf ziemlich abenteuerliche Art hochgerechnet wurden und wenig mit der Realität zu tun haben», sagt Graf. Die aktuellen Zahlen der internationalen Bauarbeitergewerkschaft, die regelmässig unabhängige Inspektionen auf den Baustellen durchführt, scheinen dies zu bestätigen. Laut ihr sind seit 2010 23 Personen gestorben, während sie in Katar waren um auf WM-Bauplätzen zu arbeiten. Drei davon kamen durch Unfälle auf den Baustellen ums Leben. Gegenwärtig arbeiten laut Graf rund 30 000 Leute auf diesen Baustellen.

Der Ostschweizer will die Lage nicht beschönigen. «Es gibt nach wie vor Probleme. Aber es hat Konsequenzen, wenn sich Firmen, mit denen wir im Land zusammenarbeiten, nicht an die Vorgaben halten.» Graf reist regelmässig in das Land am Persischen Golf und sieht Fortschritte. «Das Schlaglicht, das die WM auf das Land wirft, hat zu wichtigen Reformen geführt, und vieles deutet auf eine weitere Öffnung hin.» Aber er hat gelernt, mit Stimmen umzugehen, die der Fifa vorwerfen, das Bekenntnis zu den UNO-Leitprinzipien sei bloss ein «Feigenblatt», um die Öffentlichkeit zu beruhigen. «Wir wissen, dass es vorwärtsgeht. Und Menschenrechtsexperten, die sich mit der Thematik ernsthaft auseinandersetzen, anerkennen das auch», sagt Graf. «Das ist es, was zählt.»

Andreas Graf wächst in einem politischen Haushalt auf

Andreas Graf ist als Sohn des früheren Mosnanger Gemeindepräsidenten Bernhard Graf in einem politischen Haushalt gross geworden. Er studierte in Genf internationale Beziehungen, begann sich auf Friedens-, Sicherheits- und Menschenrechtsthemen zu spezialisieren und machte danach ein Doktorat in Politikwissenschaften an der Universität Basel. Für Swisspeace, die Schweizerische Friedensstiftung, beriet der dreifache ­Familienvater während sechs Jahren Schweizer Firmen, die in Krisen- und instabilen Gebieten tätig sind. Graf kennt sich also aus mit den Geschichten von Nationen, mit Konflikten und wie sie entstanden sind. Er sagt: «Es lohnt sich immer, sich für die Rechte anderer einzusetzen.» Eine Organisation wie die Fifa könne mit den richtigen Vorkehrungen sehr viel bewirken. «Ich erachte es als Privileg, meinen Beitrag dazu leisten zu können.»

Die UNO-Leitprinzipien für Wirtschaft
und Menschenrechte

Die UNO-Leitprinzipien für Wirtschaft und Menschenrechte stammen von John Ruggie, dem UNO-Sonderbeauftragten für diese Bereiche. 2011 wurden sie verabschiedet. Das Konzept umfasst drei Säulen: a) die Pflicht der Staaten, die Menschenrechte zu schützen – auch gegenüber Bedrohungen seitens wirtschaftlicher Akteure, b) die Pflicht der Unternehmen, die Menschenrechte zu respektieren, und c) das Recht auf Wiedergutmachung im Falle von Menschenrechtsverletzungen durch wirtschaftliche Akteure. Lange hatte sich die Fifa auf den Standpunkt gestellt, dass sie als Verein gemäss Schweizer Recht nicht verpflichtet sei, die UNO-Leitprinzipien für Wirtschaft und Menschenrechte, die sich an multinationale Unternehmen richten, zu beachten. Trotzdem beauftragte der damalige Präsident Sepp Blatter Ende 2015 Ruggie, Empfehlungen auszuarbeiten, welche dazu dienen sollten, die Achtung der Menschenrechte zu verankern. Im März 2016 folgte der Bericht «Für das Spiel. Für die Welt», in welchem Ruggie der Fifa 25 Empfehlungen unterbreitete. Seit zweieinhalb Jahren ist die Menschenrechtspolitik in den Statuten des Weltfussballverbandes verankert. (red)

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