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Schmerzensfrau

KREUZLINGEN. Wer kennt nicht Frida Kahlo. Kennen wir sie wirklich? Das See-Burgtheater Kreuzlingen hat aus dem Tagebuch der Künstlerin ein Theaterstück gemacht: Einen dichten Monolog des Leidens, der Leidenschaft, der Liebe.
Dieter Langhart
«Und in mir jubelt es vor Glück»: Astrid Keller spielt Frida Kahlo im neuen Stück des See-Burgtheaters Kreuzlingen. (Bild: Mario Gaccioli)

«Und in mir jubelt es vor Glück»: Astrid Keller spielt Frida Kahlo im neuen Stück des See-Burgtheaters Kreuzlingen. (Bild: Mario Gaccioli)

Nein, Astrid Keller ist nicht Frida Kahlo. Die Schauspielerin betritt als Frida Kahlo die Bühne, dann wischt sie sich die zusammengewachsenen Augenbrauen aus dem Gesicht und zieht sich das schwarze Haar und die Blumen vom Kopf. Jetzt ist sie Astrid Keller, die Schauspielerin, die sich nicht mit der Künstlerin identifizieren muss, nur in ihre Röcke schlüpfen und ihr ein neues Gesicht geben. Ein raffinierter Kniff des Regisseurs Simon Engeli, denn schon die Filmschauspielerinnen Salma Hayek und Ofelia Medina haben versucht, die Ikone abzubilden.

«Ich bin von dieser Frau fasziniert», sagte Leopold Huber, Intendant des See-Burgtheaters, vor den Proben. Er meinte Frida Kahlo, deren Sprachbilder es ihm angetan haben. Er meinte aber auch seine Frau Astrid Keller, für die er das Ein-Frau-Stück «Frida Kahlo – viva la vida» geschrieben hat.

«In Kahlos Sprache geschlichen»

Huber hat in Frida Kahlos Tagebuch eine Dichterin entdeckt, ein Lebensdrama aus Schmerz, verzweifeltem Humor und Kunst, das stets um den Freskenmaler Diego Rivera kreiste, mit dem sie bis zu ihrem Tod 1954 eine ebenso leidenschaftliche wie stürmische Liebesbeziehung verband.

«Ich habe mich in die Sprache der Frida Kahlo hineingeschlichen», sagte Huber vorgestern vor der Premiere im Kunstraum Kreuzlingen. Derart dicht habe er Kahlos Sprache und seine eigene verwoben, dass er bisweilen nicht mehr gewusst habe, von wem welcher Satz stammt. Das verleiht dem Text (der als fadengeheftete und handsignierte Broschur erstanden werden kann) einen angenehmen Fluss, den gelegentlich Stromschnellen unterbrechen, aus denen Hubers Lust an der Lust, an Politik und gesellschaftlichen Brüchen blitzt.

Er hat nicht selber Regie geführt, sondern der Schauspieler Simon Engeli. Der Romanshorner leitet Astrid Keller behutsam, lässt ihr Raum für ihre Emotionen und gibt ihr Rückzugsmöglichkeiten, wenn sich Frida Kahlo schwach fühlt. Er gibt ihr einen Stuhl zum Ausatmen und Fläzen, er gibt ihr eine calavera, ein Skelett, mit dem sie Zwiesprache hält oder tanzt.

Ironische Leichtigkeit

Denn für Kahlo und ihre Kunst hat der Tod stets eine wichtige Rolle gespielt: der Tod, der ihre Schmerzen beenden würde, die Schmerzen aus ihrer Kinderlähmung, aus dem Busunglück, bei dem sie fast umgekommen war, aus der Beinamputation – und aus der Untreue ihres Mannes Diego, den sie zweimal geheiratet und den sie selber oft betrogen hat. In Engelis Inszenierung bekommt die calavera eine Leichtigkeit wie in der día de los muertos, dem mexikanischen Feiertag, der den Tod nicht zum Tabu macht, sondern als Anfang neuen Lebens sieht. Die Nacht bricht über mein Leben herein, sagt Kahlo gegen Ende des Stücks und ruft, wieder, ihre Freundin an, die Gespielin meiner Träume, die mit der calavera eins zu werden scheint. Sie kehrt in Gedanken zu ihrer Kindheit zurück und lächelt, und in mir jubelt es vor Glück – viva la vida. Es lebe das Leben.

Das Stück klingt versöhnlich, hoffnungsvoll und lächelnd aus, während es dazwischen mitunter schwer und düster gestimmt war. Frida Kahlo hat das Leben geliebt, die Liebe, die Kunst; und sie hat gelitten, geklagt, gelästert.

Blau ist das Leben

Klaus Hellenstein hat der Darstellerin eine wunderbare Bühne gebaut: ganz in Blau getaucht, aus verschieden hohen Leinwänden, wie Stellwände, die Räume und Rückszugswege andeuten – und Frida Kahlos Bilder. Astrid Keller spielt körperlich, holt aus und benennt all die Farben, die die Malerin aufgetragen hat, zeigt auf all die Selbstbildnisse, die sie gemalt hat: meine eigene Wirklichkeit.

Wenn die Schauspielerin von Fridas Leiden spricht, lächelt sie; sie strahlt, wenn sie vom Herz der Verliebten als einem Organ aus Feuer spricht; sie verflucht Diego, wenn sie sich an seine Eskapaden erinnert. Astrid Keller lässt keinen Augenblick Zweifel daran, wie eng beieinander in Frida Kahlo die unterschiedlichsten Gefühle lagen, und sie nutzt die Distanz, die der Text ihr oft lässt, wenn er von Frida in der dritten Person redet. Manchmal hätten wir uns mehr Differenzierung gewünscht, aber dazu springt Hubers Text gar assoziativ zwischen den Themen und Zeiten. Stark und warm war der Applaus an der Premiere.

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