Schlechteste Bilanz der Schweizer

Mit maximal zwölf Medaillen wird die Schweiz an den Paralympics in Peking die bislang schlechteste Bilanz erreichen. «Wir drohen den Anschluss zu verlieren», sagt Olympiasieger Heinz Frei.

Urs Huwyler/Peking
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Erwartungsgemäss dominieren die chinesischen Athleten an den Paralympics die Konkurrenz in nahezu allen Sportarten. Die Gastgeber sichern sich in den schon morgens zu 75 Prozent besetzten Stadien nicht nur Goldmedaillen im Multipack, sondern verbessern die Weltrekorde serienweise. «In Peking hat eine neue Ära im Behindertensport begonnen. Die Schweizer Geschichte muss umgeschrieben werden. Wir sind nur noch Mittelmass», sagt der zweifache Handbike-Olympiasieger Heinz Frei. Er war es, der vor 20 Jahren in Seoul (1988) mit Franz Nietlispach die erste Phase der modernen Paralympics eingeleitet hatte.

Ansehnliche Summen

1988 lag die Schweiz in der Nationenwertung mit 37 gewonnen Medaillen vor China. In Peking liegen Welten zwischen den beiden Ländern. Die Schweiz kann auf zwölf Podestplätze kommen, die Chinesen haben derzeit 80mal Gold, 60mal Silber und 47mal Bronze geholt. Auf Rang zwei folgt mit Grossbritannien der Veranstalter der nächsten Paralympics. Bereits auf Position vier befindet sich die Ukraine. «Wir finden eine völlig neue Situation vor und drohen den Anschluss zu verlieren», sagt Heinz Frei. Und nicht nur gegenüber Verbänden wie China. Auch in andern Nationen wird längst alles unternommen, um die Spitzenathleten professionell zu fördern. Die Medaillen und nicht die Behinderung stehen im Zentrum.

Inzwischen werden für den Gewinn einer Paralympics-Goldmedaille ansehnliche Summen ausbezahlt. 60 000 bis 75 000 Euro sind selbst in europäischen Ländern ausgesetzt. «Ich kenne Athleten, die sind zurückgekommen, weil ihr Verband umgerechnet 100 000 Franken für den Titel aussetzt. Jahrelang haben sie zum Nulltarif Rennen gewonnen, nun gibt es etwas zu verdienen.» In der Schweiz wird Gold mit 6000 Franken belohnt. In Grossbritannien werden den Spitzenathleten im Hinblick auf die Paralympics 2012 bis zu 70 000 Franken jährlich als Unterstützung bezahlt.

«Eine Überalterung droht»

Die Schweizer müssen den eingehandelten Rückstand auf- und die Konkurrenz überholen. «Mit den jetzigen Strukturen ist dies nicht möglich», sagt Frei. «Bei uns wird es auf die Dauer wie bei den Nichtbehinderten sein: Nur Einzelathleten können sich an der Spitze durchsetzen. An den Olympischen Spielen war es nicht anders. Wenige haben sich als Weltklasse-Athleten bestätigt.» Im Paralympic-Team sieht es gleich aus. Das Gros muss froh sein, die Selektion überhaupt bestätigen zu können.

Erschwerend kommt in der bisher kleinsten Schweizer Delegation hinzu, dass mit Ausnahme von Manuela Schär die andern Medaillengewinner zwischen 37 und 50 Jahre alt sind. «Uns droht eine Überalterung. Wir müssen die Nachwuchsförderung weiter intensivieren. Vielleicht zeigt mein Beispiel jungen behinderten Menschen, dass es sich lohnt, Sport zu treiben», sagt Frei. Seine beiden Goldmedaillen werden aber nicht verhindern können, dass es die schlechteste Schweizer Paralympic-Bilanz wird.

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