SCHIESSEN: Abenteuer Aserbaidschan

Wenn Heidi Diethelm an einen Wettkampf fliegt, kann die Wartezeit am Flughafen schon mal acht Stunden betragen. Mit ihrer Sportpistole reiste die Thurgauerin diesmal nach Baku an die EM.

Matthias Hafen
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Für Heidi Diethelm ist es immer wieder speziell, Wettkämpfe in Baku zu bestreiten. (Bild: Donato Caspari)

Für Heidi Diethelm ist es immer wieder speziell, Wettkämpfe in Baku zu bestreiten. (Bild: Donato Caspari)

Matthias Hafen

matthias.hafen@thurgauerzeitung.ch

Auf ihren Reisen macht Heidi Diethelm viele Bekanntschaften. Am besten kennt die Ostschweizerin die Flughafen-Angestellten. Denn wenn unsereins nach einem Flug schnell ans Gepäckband rennt, um den Koffer entgegenzunehmen, geht für Diethelm und ihre Schiesskollegen erst einmal der Papierkram los. «Wir können unser Sportgerät nicht einfach in den Koffer packen und verreisen, wohin wir wollen», sagt die 48-jährige Märstetterin. Jede Pistole und jedes Gewehr der Sportschützen muss für den bestimmten Flug angemeldet sein. Je nach Grösse der Delegation dauere es jeweils vier bis acht Stunden, bis sie das Flughafengebäude verlassen könnten. «Alles ist strikt reglementiert», sagt Diethelm. Denn auch wenn die Pistole für die zweifache Europameisterin und Gewinnerin von Olympiabronze ein Sportgerät ist, so bleibt es eine Waffe. «Wir nehmen das Prozedere mittlerweile gelassen, oft mit Humor.» Am wichtigsten sei, dass man mit der Anzahl Waffen wieder abreise, die man an den Wettkampf mitgenommen habe.

Dass die EM in diesen Tagen ausgerechnet in Baku, der Hauptstadt der früheren Sowjetrepublik Aserbaidschan, stattfindet, verkompliziert alles – könnte man meinen. Doch Diethelm windet den Gastgebern ein Kränzchen. «In Baku sind sie im Vergleich zu anderen Städten routiniert im Umgang mit Sportschützen.» Die Stadt war zuletzt immer wieder Schauplatz von Grossanlässen. Unter anderem fanden dort 2015 die ersten Europaspiele statt.

Aussergewöhnlich sind Reisen nach Aserbaidschan für Diethelm also längst nicht mehr – ein kleines Abenteuer aber noch jedes Mal. Die Mentalität sei schon sehr russisch. «Das macht die Verständigung nicht immer einfach.» Zudem bekomme man trotz des modernen Prunks die ärmlichen Verhältnisse im Land mit. «Aber es schadet nicht, das einmal zu sehen», so Diethelm. Sie sei froh, biete ihr der Sport diese Möglichkeit. Wenn sie von den Schiessanlagen in Baku spricht, kommt die Thurgauerin ins Schwärmen. «Es sind die schönsten, die ich gesehen habe.» Die Infrastruktur sei auf dem neusten Stand, der Platz grosszügig. «Im Weltcup haben wir selten so tolle Anlagen.»

Olympiabronze strahlt auf ganze Saison ab

Ihre Ziele für die EM formuliert Diethelm mit Vorsicht. «Das Jahr nach meinem Medaillengewinn an den Olympischen Spielen in Rio war schwierig», sagt sie. Oft habe das Training hinter den zahlreichen Terminen anstehen müssen. «Im letzten Monat habe ich wieder Zuversicht gewonnen.» Die Europameisterin von 2011 und 2013 will im Wettkampf mit der Sportpistole über 25 m in den Final. Dafür muss sie mindestens Achte werden. «Dann ist alles möglich.» Sie fände es jedoch überheblich, offen eine Medaille anzupeilen. «Die Saison ist bislang nicht so gelaufen, dass ich mit vollem Selbstvertrauen in den Wettkampf gehe.»

EM-Programm

Heidi Diethelm trägt ihren Wettkampf am Donnerstag und Freitag aus. Die weiteren Thurgauer EM-Teilnehmerinnen sind Sandra Stark (Pistole) und Andrea Brühlmann (Gewehr).