Schiedsrichter sind kein Thema

44 von 51 Partien sind an der EM in Frankreich gespielt. Die Schiedsrichter und ihre Entscheide waren bislang kaum ein Thema. Das ist das grösste Lob, das die Unparteiischen für ihre Leistungen erhalten können.

Christian Finkbeiner/sda
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Umstrittene Schiedsrichterentscheide gibt es an der EM kaum. (Bild: ap/Thanassis Stavrakis)

Umstrittene Schiedsrichterentscheide gibt es an der EM kaum. (Bild: ap/Thanassis Stavrakis)

FUSSBALL. Urs Meier, der ehemalige Schweizer Spitzenschiedsrichter, stellt seinen Kollegen und den Spielern ein gutes Zeugnis aus: «Der gegenseitige Respekt, den die Uefa seit Jahren propagiert und den wir in anderen Sportarten erleben, wird an dieser EM auch im Fussball gelebt.» Wie gewohnt analysiert der 57-Jährige für das ZDF die Spiele aus Sicht des Unparteiischen. «Die Schiedsrichter wirken physisch und mental sehr stark. Sie sind locker und gehen mit Freude und einem Lachen ins Spiel.»

Im Gegensatz zur WM vor zwei Jahren in Brasilien, als zu viele Fehlentscheide scharfe Diskussionen auslösten, ist Meiers Meinung als Experte in Frankreich viel seltener gefragt. «Es gibt auch hier kleinere und grössere Fehlentscheide, aber sie haben nicht über den Ausgang des Spiels entschieden.»

Erfahrungen in unteren Ligen

Bei den Schiedsrichtern sei es wie bei den Spielern. Wenn den Unparteiischen ein guter Start gelinge, gebe dies Sicherheit. «Und wenn du einmal im Flow bist, dann hast du auch das Glück, dass ein Fehlentscheid keine grossen Auswirkungen auf den Ausgang des Spiels hat.» Ein falsch gepfiffener Penalty wurde in einem solchen Fall verschossen. Oder eine nicht geahndete rote Karte wie im Achtelfinal Italien gegen Spanien, als Thiago Motta seinen Gegenspieler ohrfeigte, verkommt nach dem Spiel zur Randnotiz. Aus Sicht Meiers kommt auch der neue Modus den Schiedsrichtern entgegen. Für fast alle Teams gehe es im dritten Gruppenspiel noch um etwas, wodurch die Konzentration der Spieler hoch sei.

Die Schiedsrichter und Spieler kennen sich aus dem Liga-Alltag und dem Europacup. Dadurch ist die gegenseitige Akzeptanz hoch. Das Kennen der verschiedenen Mentalitäten und Kulturen ist für Meier eine weitere wichtige Voraussetzung für einen Unparteiischen an einem solchen Turnier. Ihm habe in seiner Karriere sehr geholfen, dass er in unteren Schweizer Ligen Mannschaften aus Südeuropa, dem ehemaligen Jugoslawien oder der Türkei gepfiffen habe.

Deswegen fordert Meier im Hinblick auf die WM 2018 in Russland, dass Schiedsrichter aus anderen Konföderationen im Vorfeld des Turniers auch in Europa pfeifen. «Wegen des höheren Tempos, aber auch, um die unterschiedliche Mentalität kennenzulernen.»

Lehren gezogen

Aus Sicht Meiers hat man aus den Erfahrungen der WM in Brasilien die Lehren gezogen. Es werde mehr kommuniziert und grosszügiger laufen gelassen. Diese tolerante Regelauslegung funktioniere aber nur, wenn der gegenseitige Respekt vorhanden sei – auch von Seiten der Trainer. Dies sei zum Beispiel im Liga-Alltag in Deutschland und in der Schweiz weniger der Fall. In Frankreich gehören auch bei den Schiedsrichtern Videoanalysen zur Vorbereitung auf ein Spiel zum Standardprogramm. Zusammen mit den technischen Analysten der Uefa werden die einzelnen Mannschaften und deren Spielkonzepte analysiert. «Wenn ich weiss, dass die Spanier bei einem Freistoss von der Seite mit fünf, sechs Mann knapp im Offside stehen, Ramos aber von hinten kommt, dann ist klar, auf wen ich im Spiel meinen Fokus legen muss», erklärt Meier. Für den selbständigen Unternehmer ist eindeutig, dass Videoanalysen auch in die nationalen Ligen einfliessen müssen. Je mehr man über ein Team und dessen Spieler wisse, desto weniger Fehler würden passieren. «Man kann auf dem Feld präventiv agieren, damit gewisse Situationen gar nie entstehen.»

Förderung statt Torrichter

Für Meier wäre dies ein weiterer Schritt in Richtung Professionalisierung, die er seit Jahren propagiert. «Die Schiedsrichter müssen gezielt gefördert und gestärkt werden.» Die Einsetzung von weiteren Unparteiischen wie den Torrichtern ist aus seiner Sicht der falsche Weg. «Seit wir Torrichter haben, haben wir nicht die besseren Entscheide.» Meier erkennt dadurch eher Probleme, gerade was das Ahnden von Regelverstössen im Strafraum angeht. «Die Torrichter haben eine Sichtweise auf das Geschehen, die sie von ihrem Alltag nicht gewohnt sind.» Dies führe dazu, dass zwischen den Unparteiischen kommuniziert werde und dadurch der letztlich gefällte Entscheid an Wirkung verliere. «Und am Ende muss für einen Fehlentscheid sowieso der Hauptschiedsrichter den Kopf hinhalten», so Meier. In Frankreich war dies bislang allerdings nicht der Fall.

Bild: CHRISTIAN FINKBEINER/SDA

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