SCHERBENHAUFEN: Der FC Wil sucht den Rettungsring

Dem FC Wil droht der Konkurs. Nach dem Abgang des türkischen Investors braucht der Club auf die Schnelle gut zwei Millionen Franken – und Spieler, die auf einen Teil ihrer Löhne verzichten. Der Club rügt den Investor und die Stadt.

Ralf Streule
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Getrübte Stimmung vor der IGP Arena. (Bild: Urs Bucher/Freshfocus)

Getrübte Stimmung vor der IGP Arena. (Bild: Urs Bucher/Freshfocus)

Ralf Streule

Stünde man nicht vor der IGP Arena, man wähnte sich an einer Beerdigung. Roger Bigger schreitet mit gesenktem Kopf vom Parkplatz zum Stadion, dort warten viele – zufällig – schwarz gekleidete Journalisten. Die Stimmung ist tatsächlich getrübt an diesem Mittwochabend im Bergholz. Bigger wird gleich vor versammelter Medienschar definitiv bestätigen, dass der türkische Investor Mehmet Nazif Günal vergangene Woche einen Abgang durch die Hintertür gemacht hat. Der Mann also, den Bigger noch vor 18 Monaten als grosse finanzielle Hoffnung für den Club angepriesen hatte. Mit Günal verschwindet die Chance, sportlich grosse Brötchen zu backen, einen Stadionausbau aufzugleisen und ein Trainingscenter für den Club zu bauen. Man ist zurück an alter Stelle. Der neue Verwaltungsrat ist nun wieder der alte: Bigger steht als Präsident vor, Christian Meuli und Maurice Weber flankieren ihn. Vor den Medien ist auch Manfred Raschle, Präsident des Wiler Gönnerclubs «Club 2000» anwesend. Ihre Botschaft: Man will den Club nicht fallen lassen.

70 Stellen sind in Gefahr

Fakt ist: Günal, der in den vergangenen eineinhalb Jahren monatlich eine Million Franken in den Club investiert hat, hinterlässt ein grosses Loch. Langfristige Verträge mit Spielern sind gemacht, die Löhne hoch. Hier will der neue Verwaltungsrat ansetzen. Das Budget für den Rest der Saison soll auf höchstens 2,5 Millionen Franken gedrückt werden. In gestrigen Gesprächen mit den insgesamt 70 Mitarbeitern des Clubs sei viel Solidarität zu spüren gewesen. Erhofft wird, dass vor allem Spieler auf einen Grossteil ihrer Löhne verzichten. Gemäss Auskunft von Spielerberatern werden wohl einige dazu bereit sein, aber nicht alle. Weiter werden Sponsoren und Gönner um Gelder angeworben. Dem Vernehmen nach werden Bigger und Weber auch aus dem Privatvermögen Geld beisteuern.

«Einen Plan B gibt es auch», erklärte Bigger gestern. Dieser sei aber ungeniessbar: Der Absturz droht. Ende Februar müssen bei der Liga Nachweise für die Januarlöhne eintreffen – ansonsten wird die Disziplinarkommission der Liga vorstellig, Punktabzüge bis Lizenzentzug wären die Folge. Und: Noch vor Saisonende drohte wohl der Konkurs. Die Hauptfrage sei, so Bigger, wie die Spieler auf die aktuelle Situation reagieren werden. Stemmen sie sich gegen Lohnkürzungen, wäre ein Konkurs und ein Neuanfang in der 2. Liga wohl unumgänglich. Ziel sei es schliesslich, für die kommende Saison eine Lizenz beantragen zu können. Neu will der Club wieder wie bisher mit einem Challenge-League-üblichen Budget von rund drei Millionen Franken arbeiten.

Der Abgang der türkischen Führung sei «stillos» gewesen. Mit Günal habe das letzte persönliche Treffen Ende November im Auswärtsspiel stattgefunden, erklärt Bigger. Und Abdullah Cila, lange Zeit der operative Leiter vor Ort und verlängerter Arm Günals, habe sich Ende Januar von dannen gemacht – ohne sich nur von einem Clubmitglied zu verabschieden. Die Enttäuschung darüber sei gross. Und auch jene darüber, dass die «Beratungsresistenz» der Verantwortlichen aus der Türkei von Beginn weg gross gewesen sei – sie hätten es versäumt, die Schweizer vor Ort richtig mit einzubeziehen.

Von Schuldeingeständnissen, dass man den FC Wil 2015 einem Risiko ausgesetzt habe, war seitens des Verwaltungsrats wenig zu spüren. Vorauszusehen sei diese schwierige Zusammenarbeit nicht gewesen. «Ein bestens funktionierender Schweizer Verwaltungsrat, ausgestattet mit Investorengeldern – eigentlich eine perfekte Situation», nahm Raschle den damaligen Entscheid der Wiler Führung in Schutz.

Über die Gründe des Rückzugs wurde nur spekuliert. Eine Verschlechterung der politischen Verhältnisse in der Türkei sei ein möglicher Auslöser, so Bigger. Auch möglich sei aber, dass die langsamen Prozesse in Sachen Stadionausbau den Investor vergrault hätten. In diesem Zusammenhang nahm sich Weber viel Zeit, die Pläne zu zeigen und darauf hinzuweisen, was die Stadt verpasst habe. Sie habe den Planungsprozess verschleppt. Angestrebt wird, im kommenden Sommer wieder gänzlich unabhängig zu sein. Noch ist nämlich die Aktienmehrheit weiterhin nicht in Schweizer Händen. Günal soll die Gesellschaft weiterverkauft haben – dem Vernehmen nach an eine Person aus der Türkei. Dennoch sei die Handlungsfähigkeit des neuen Schweizer Verwaltungsrats gesichert. Auf kommende Saison aber sei geplant, eine neue Gesellschaft zu gründen, um den Verein neu im Besitz der Schweizer Aktionäre zu halten. Sollte der FC Wil die Rückrunde überstehen.