Schatten über der Geldmaschine

Kein Sportverband ist so reich wie die Uefa. Heute wählt sie in Athen einen neuen Präsidenten. Obwohl es selten negative Schlagzeilen gibt – auch Uefa-Funktionäre stehen immer wieder im Zwielicht.

Jürg Ackermann
Merken
Drucken
Teilen
Sergio Ramos, der Captain von Real Madrid, stemmt die begehrteste Trophäe im Clubfussball in die Höhe: Die Champions League ist für die Uefa eine Goldgrube. Bild: Manu Fernandez/AP (Mailand, 28. Mai 2016) (Bild: Manu Fernandez (AP))

Sergio Ramos, der Captain von Real Madrid, stemmt die begehrteste Trophäe im Clubfussball in die Höhe: Die Champions League ist für die Uefa eine Goldgrube. Bild: Manu Fernandez/AP (Mailand, 28. Mai 2016) (Bild: Manu Fernandez (AP))

Die Uefa besitzt in den Kellern ihres Hauptsitzes in Nyon eine Geldmaschine, die endlos Noten druckt. Auf diesen Gedanken könnte kommen, wer auf die nackten Zahlen schaut: Fast 1,5 Milliarden Franken Prämien schüttet der europäische Fussballverband diese Saison in der Champions League aus. Hinzu kommen Hunderte Millionen TV-Gelder.

Der Grossteil geht dabei an Topclubs wie Real Madrid, Barcelona oder Bayern München. Die Uefa kann derart viel Geld verteilen, weil sie mit der Champions League das beste Produkt im Clubfussball nach allen Regeln der Kunst vermarktet. Die Königsklasse ist dabei längst «eine wirtschaftlich global getragene Clubweltmeisterschaft geworden, welche die besten Athleten des Erdballs beinhaltet», wie es FC-Basel-Präsident Bernhard Heusler in der «Basler Zeitung» sagte. Die Umsätze – insgesamt fast drei Milliarden Franken – werden dabei immer stärker auch in Asien und Amerika generiert. Dank des auf 24 Mannschaften aufgeblähten Teilnehmerfeldes entwickelt sich auch die EM immer mehr zur Geldmaschine. Rund eine Milliarde Gewinn dürfte der Uefa von der diesjährigen Endrunde in Frankreich übrig bleiben – weitgehend steuerfrei, versteht sich.

«Hier hat noch nie jemand hinter die Fassaden geschaut»

Wo so viel Geld im Spiel ist, wird der Blick auf die Realität oft verzerrt. Spitzenfunktionäre leben in einer Art Parallelwelt, die aus teuren Hotels, hohen Spesen und der ständigen Wertschätzung von politischen Würdenträgern besteht. Dies war der Grund, warum SVP-Nationalrat Roland Büchel die Uefa mit einschliessen wollte, als das Parlament in Bern vor zwei Jahren eine härtere Gangart gegen Korruption und Geldwäscherei beschloss. Nun müssen politische exponierte Personen – darunter hohe Funktionäre von internationalen Sportverbänden – von Banken genau unter die Lupe genommen werden. Die Uefa wurde davon ausgenommen, weil sie nicht global tätig ist. «Das war ein grosser Fehler», sagt Büchel. Schliesslich mache der Verband mittlerweile mehr Umsatz und Gewinn als die Fifa und sei «in hohem Grade korruptionsgefährdet». Dass bisher wenig ans Tageslicht gekommen sei, führt Büchel auf einen einfachen Grund zurück: «Es hat auch noch nie wirklich jemand hinter die Fassaden geschaut.»

In der Tat: Vermutungen über Ungereimtheiten bei der Uefa gibt es schon lange. Zu ihnen gehört beispielsweise die Vergabe der EM 2012 an Polen und die Ukraine. Die Uefa ging dem Verdacht, dass Stimmen im Vorfeld gekauft wurden, nie nach. Angebliche Beweise wischte sie unter den Tisch. Zudem gerieten zuletzt zahlreiche hohe Uefa-Funktionäre im Zusammenhang mit dem Fifa-Korruptionsskandal in ein schiefes Licht. Allen voran Präsident Michel Platini, der für vier Jahre suspendiert wurde – wegen einer Zwei-Millionen-Franken-Zahlung von Sepp Blatter, von der bis heute niemand so richtig weiss, für was sie eigentlich gedacht war.

Immer wieder für negative Schlagzeilen sorgte auch Spaniens Verbandschef Angel Maria Villar, der bei der Vergabe der WM 2022 an Qatar eine dubiose Rolle spielte, bis vor einer Woche aber dennoch Kandidat für die Nachfolge Platinis war. Zweifelhaft ist auch der Ruf von Marios Lefkaritis. Der Zypriote, eines der Uefa-Urgesteine, soll Geschäfte mit einer katarischen Staatsfirma und dem russischen Energiekonzern Gazprom abgeschlossen haben – «zufälligerweise» vor den WM-Vergaben an Russland und Qatar im Dezember 2010. Stutzig macht auch die Tatsache, dass es lange Zeit Vertreter der Uefa waren, die Fifa-Reformen wie eine Amtszeitbeschränkung, Integritätscheck oder Lohntransparenz beim Präsidenten blockierten. Dazu passt, dass es bei der Uefa weder eine Ethikkommission noch andere externe Kontrollinstanzen gibt. Bezeichnend ist auch, dass der Europarat an einer aktuellen Resolution zur «verantwortungsvollen Führung im Fussball» arbeitet und dabei die Uefa explizit mit meint.

Kritiker sagen, die Geldgier mache den Fussball kaputt

Trotz allem sei die Uefa nicht nur bezüglich Korruption nicht mit der Fifa vergleichbar, sagt Guido Tognoni, ein Kenner der Fussballverbände. «Sie ist homogener organisiert, weil sie nicht auf alle Kontinente Rücksicht nehmen muss.» Dennoch drohe die Geldgier den Fussball kaputtzumachen. «Wenn die reichen Clubs immer reicher werden, versinken die Meisterschaften in Langeweile.» Tognoni sagt, die Uefa sollte sich den nordamerikanischen Sport zum Vorbild nehmen. In der NHL dürfen die schwächsten Teams vorangehen, wenn es um die Verpflichtung der besten Junioren geht. Das führe zu mehr Chancengleichheit und spannenderen Wettbewerben.