Kolumne

Sarah Akanji vermisst das Mannschaftstraining: «Mir fehlt das Ziel, das Miteinander, der Wettbewerb»

Die Schweizer Fussballerin liebt ihren Sport, kämpft aber mit Motivationsproblemen. Sie betrachtet die Corona-Pause als persönlichen Test, um in dieser bedrückenden Zeit fit zu bleiben.

Sarah Akanji
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26 Tage ist es her, seit die Nachricht kam: «Heute dürfen wir zum letzten Mal auf den Platz.» 26 Tage sind vergangen, seit ich das letzte Mal mit meinem Team trainiert habe. 26 Tage Gewissheit: Unsere Spiele werden ausgesetzt.

Kolumnistin Sarah Akanji.

Kolumnistin Sarah Akanji.

Bild: Colin Frei

Heute ist ein neuer Morgen, an dem ich erwache und denke: «Ich vermisse den Fussball. Heute sollte ich wieder Sport machen.» Ich bleibe aber im Bett liegen. Schliesse meine Augen wieder. Es fühlt sich gerade besser an, vom Fussballspielen zu träumen, als mich wirklich zu bewegen.

«Komm, reiss dich zusammen – du magst es doch, Sport zu treiben». Ja, das stimmt! Ich liebe Sport. Aber ich mag es, in einem Team zu spielen, mich mit anderen zu messen. Mir gefällt das Spielerische im Fussball. Ich will meine Teamkolleginnen umarmen, wenn sie ein Tor geschossen haben. Ich will meiner Torhüterin auf die Schulter zu klopfen, wenn sie eine Parade gemacht hat. Ich liebe, dass meine Teammates gleichzeitig meine Freundinnen sind. Dass wir gemeinsam trainieren, uns abklatschen, uns weiterbringen, uns feiern. Dafür brennt mein Herz.

Und ich mag es, ein Ziel vor Augen zu haben: den Saisonstart, ein Derby, einen Tabellenplatz, ein persönliches Ziel ... Jetzt aber fehlt dieses Ziel, das Miteinander, der Wettbewerb. Es fehlt irgendwie alles. Und zurück bleibt die Frage: Für was oder wen trainiere ich jetzt überhaupt? Wir wissen nicht, wann es weitergeht. Lohnt es sich, fit zu bleiben, wenn wir noch wochenlang nicht trainieren können? Wenn die Saison vielleicht abgeblasen wird? Ist es überhaupt möglich, für den Fussball fit zu bleiben?

Seit dem Lockdown trainiere ich alleine. Ich gehe joggen, mache Kraftübungen und Pilates für mich. Doch dieses Training hält mich nicht genügend fit für den Fussball: Da ist eine ganz andere Art von Kondition gefragt. Zweikämpfe, das ständige Stop and Go, springen, sprinten, warten, wieder sprinten, ausweichen, blockieren, schiessen – das alles ist ganz anders als 30 Minuten im Wald rennen kombiniert mit ein paar Kraft- und Stabilitätsübungen.

Das Wissen, sowieso nicht auf dem gleichen physischen und technischen Niveau zu sein wie vorher und das Nicht-Wissen, wann es endlich wieder weitergeht, blockieren mich. Und lassen meinen inneren Schweinehund, um für mich alleine Sport zu treiben, unüberwindbar wirken. «Sarah, denk doch einfach, du musst dich von einer Verletzung zurückkämpfen», sagt mir die innere Stimme. Ist das zu vergleichen?

Wer verletzt ist, hat ein klares Ziel vor Augen: Endlich wieder auf dem Rasen stehen! Endlich wieder ein Spiel bestreiten! Endlich wieder Teil des Teams sein! Aber verletzt bist du nie alleine. Um dich herum sind wunderbare Menschen, die dir helfen. Die du immer wieder siehst, das vor allem. Beim Fitness, in der Physiotherapie, das sind Energiespender auf dem Weg zurück. Jetzt ist es eher so: Du trainierst. Ganz alleine. Ohne definiertes Ziel. Ohne Fortschritte. Einfach joggen, joggen, joggen. Es ist ein Müssen. Nicht ein Dürfen. Corona stellt uns Teamsportlerinnen und -sportler vor eine völlig neue Herausforderung. Wir messen uns mit einem bisher unbekannten, psychischen Gegner. Und wir alle haben keine Ahnung, wie lang dieser Kampf dauert.

Ich liege also in meinem Bett und suche nach Motivation. Meine Gedanken drehen ziemlich lang im Kreis. Ehe ich mich doch noch zu diesem Gedanken zusammenraufe: «Mentaltraining gehört genauso zum Sport wie Krafttraining auch. Nun trainierst du deine mentale Stärke wie noch nie zuvor. Du kommst an deine Grenzen, wie du es dir nie hast vorstellen können. Und du erlebst eine Situation, wie du sie wahrscheinlich nie wieder erfahren wirst. Begegne dem Ganzen wie einem Test: Wenn du es schaffst, dich zu quälen, in dieser bedrückenden Zeit fit zu bleiben, kannst du stolz auf dich sein. Dann hast du alles gemacht, damit das Fussballspielen auch in der Realität wieder traumhaft wird.