Gastkommentar

«Ja, aber diese Beine! »: Sarah Akanji über Rollenbilder im Sport

Wir haben auch im Jahr 2020 noch ein grosses Problem mit veralteten Rollenbildern. Wir können diesen entgegenwirken, indem wir unterschiedlichen Frauen eine öffentliche Plattform geben.

Sarah Akanji
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«Ja, aber diese Beine! Das ist doch nicht schön...» Fussball WM in Frankreich. Ich in einer Bar. Vor mir läuft ein Gruppenspiel – USA gegen Schweden. Zwei Männer hinter mir, biertrinkend. Ihren Aussagen nach merkt frau schnell, dass sie wohl zum ersten Mal ein Frauenfussballspiel schauen. «Und dann dieses Tattoo über den ganzen Arm. Wie ein Mann!» Sie sprechen über eine Amerikanerin.

Ich werfe einen verärgerten Blick nach hinten – ich möchte mich auf das Spiel konzentrieren. «Aber ich bin überrascht, die können ja doch ein wenig tschutten.» Ich verdrehe die Augen. Natürlich können sie das – ihr habt euch einfach noch nie wirklich um Frauenfussball gekümmert, schiesst es mir durch den Kopf. «Naja, wenn sie kürzere Hosen tragen würden, wäre das Spiel attraktiver. Zumindest das der ­dünnen Schwedinnen. Aber mir ist das Ganze zu aggressiv, nicht schön genug.» Genervt wechsle ich den Platz. Ich wollte mitreissenden Fussball. Und nicht schon wieder eine Debatte führen über das Reduzieren von Frauen auf ihr Äusseres.

Die Aussagen der zwei Männer gehen mir auch am nächsten Tag nicht aus dem Kopf. «Zu kräftig, zu männlich. Also dünn & zurückhaltend gleich weiblich?» Um Spitzensportlerin zu sein, braucht es einige Komponenten: Talent, Disziplin, Lernbereitschaft auf der einen Seite. Die körperliche Voraussetzung auf der anderen Seite. Dünnsein wird in einigen Kreisen immer noch mit Weiblich- und Schönsein gleichgesetzt. Und das klassische Rollenbild von Frauen ist weiterhin: brav, passiv, ruhig, im Hintergrund fleissig, liebevoll, weich, einfühlsam. Doch Sportlerinnen müssen stark, selbstbewusst, kämpferisch, muskulös, aktiv, aggressiv, fokussiert und diszipliniert sein, wenn sie erfolgreich sein wollen. Doch diese Eigenschaften gelten in unserer Gesellschaft als «männlich». Da stellt sich mir die Frage: Was bedeutet das in Bezug auf Sport und Frausein? Dass Sportlerinnen nicht weiblich sind? Nicht weiblich sein können?

Meine Erkenntnis aus der Bar ist: Wir haben auch im Jahr 2020 noch ein grosses Problem mit veralteten Rollenbildern. Plötzlich war ich froh um Social Media und Hashtags wie #sportsgirl #fitinspiration und #fitnessmotivation. Nicht, weil das dünne Schönheitsideal durch ein neues, sportliches ersetzt werden sollte. Sondern, weil dank der Vernetzung über Social Media unterschiedliche Schönheitsideale Platz finden. Denn man/frau findet auch Hashtags wie #bodypositivity und #sizedoesntmatter. Sie folgen dem Motto: Weiblich ist, wer sich weiblich fühlt. Es gibt keine allgemeingültige Definition, wer und was weiblich ist.

Wir können starren Rollenbildern entgegenwirken, indem wir unterschiedlichen Frauen eine öffentliche Plattform geben – und dazu gehören auch sportliche. Damit bezwecken wir, dass sportlich erfolgreiche Frauen genauso als «weiblich» wahrgenommen werden können wie bekannte Schauspielerinnen oder Models. Egal ob sie muskulöse Beine und Tattoos haben oder nicht. Egal ob sie boxen oder tanzen. Egal ob sie kürzere Hosen tragen oder nicht. Und vielleicht realisieren die einen oder anderen dann auch, dass Sportlerinnen ihre Sportart des Sportwillens wegen machen – und nicht unbedingt, um Männern zu gefallen, die in einer Bar sitzen und Bier trinken. Anerkennen wir sie für ihre Leistung, ihren Aufwand, ihre Leidenschaft, ihre Individualität – wie wir es bei den Sportlern auch tun.

Sarah Akanji, 26, ist Politikerin, darf sich auch als Historikerin bezeichnen, spielt Fussball im schönen Winterthur und outet sich als Taktik-Fan. Sie schreibt im Wechsel mit Steffi Buchli, Florence Schelling und Céline Feller jeden Samstag über die dringendsten Sportthemen.