SAISONSTART: Warten lernen

Kariem Hussein und Noemi Zbären haben ein schwieriges Jahr hinter sich. Zbären fiel nach einem Kreuzbandriss aus, Hussein stoppten Schmerzen im Fuss. Nun greifen die beiden Athleten wieder an.

Raya Badraun
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Raya Badraun

Verlassen liegt das Stadion Letzigrund da. Das saftige Grün in der Mitte, darum herum verwaschenes Orange: die Tartanbahn. Es ist die Bühne der Leichtathleten. An diesem Nachmittag dient sie jedoch nur als Kulisse. Für den Fotografen machen die Schweizer Athleten ein paar Schritte auf der nassen Bahn. Statt ihrer hautengen Wettkampfkleidung tragen sie warme Kapuzenpullover gegen die Kälte. Bis sie das ganze Oval wieder einnehmen, dauert es jedoch nicht mehr lange. In den kommenden Wochen werden sie die Stadien von Zürich bis Eugene zum Leben erwecken. Die Ränge werden voller Zuschauer sein, die Athleten auf der Bahn um jeden Meter kämpfen. Dann wird Noemi Zbären wieder die «pure Freude» verspüren. Es ist ein Gefühl, das sie schon ­lange nicht mehr hatte.

Über ein Jahr konnte die 23-jährige Hürdensprinterin nicht mehr an Wettkämpfen teilnehmen. Damals, im Frühling, war sie am gleichen Punkt wie heute. Die Sommersaison stand unmittelbar bevor, die Ziele ­waren gesteckt. An der EM in Amsterdam wollte sie dabei sein, ­danach in Rio de Janeiro an den Olympischen Spielen. Auch Kariem Hussein hatte diese Termine auf seiner Liste. In Holland wollte der Thurgauer seinen Titel über 400 m Hürden verteidigen, in Brasilien gehörte er zu den Kandidaten für den Final. Doch Pläne sind filigran, gerade im Sport. Eine falsche Bewegung kann die ganze Vorbereitung zunichte machen und Träume beenden. So war es auch bei Zbären und Hussein.

Der Terminkalender war plötzlich leer

Zum Aufwärmen spielte Zbären damals im Frühling mit ihren Kollegen Basketball. Es war nichts Spezielles, so machten sie es seit Jahren. Doch plötzlich knackte es im Knie. Nach dem MRI war die schlimmste Vorahnung Tatsache: ein Kreuzbandriss. Die Saison war vorbei, bevor sie angefangen hatte. Als sich Hussein verletzte, hatte er bereits die ersten Rennen hinter sich. Vor dem Meeting in Luzern knickte er im Training um. Das Saison­ende war es nicht. Der Fehltritt beschäftigte ihn jedoch den ganzen Sommer über. Oft hatte Hussein Schmerzen. Nie wusste er, ob er nun an einem Wettkampf starten kann oder nicht. Diese Unsicherheit war schwierig für ihn. «In solchen Situationen kann man nicht cool bleiben», sagt Hussein. Wie Zbären ist auch er ein ungeduldiger Mensch, der vorwärtskommen will. Nun waren sie zum Warten gezwungen.

Durch die Verletzung war der Terminkalender von Zbären plötzlich leer. Die junge Emmentalerin, die Strukturen braucht, verlor den Halt, fiel aus der Bahn. «Für die Menschen um mich her­um war das nicht schön», sagt Zbären. Ihre Mutter war es schliesslich, die ihr aus der ­Sackgasse half. Im vergangenen September wollte Zbären mit ihrer Masterarbeit beginnen. Die Mutter schlug ihr vor, das Projekt schon früher in Angriff zu nehmen. Also schrieb die Studentin ihrem Professor ein Mail. Dieser lenkte ein. So stand Zbären schon bald im Labor. Das junge, dynamische Team lenkte sie ab, als die Athleten in Rio de Janeiro um Olympiamedaillen kämpften. «Das hat mir gutgetan», sagt Zbären, die bereits einen Bachelor in Biochemie hat. Hussein war damals in Brasilien dabei. Sein Auftritt endete jedoch bereits im Vorlauf. Die Fussprobleme wurden zwar kleiner, doch die Spiele kamen für ihn zu früh. Daran rieb sich der Medizinstudent jedoch nicht auf. «Klar war ich enttäuscht. Doch Rio war kein Lebensziel für mich», sagt Hussein. «Es war nur der nächste Schritt. Auch wenn ich diesen verpasse, geht es weiter.»

Mehr Geduld, weniger Basketball

Im vergangenen Oktober startete Hussein wie geplant in die Saisonvorbereitung – schmerzfrei. Nach viel Reha und Physiotherapie stieg auch Zbären Anfang Jahr wieder in den normalen Trainingsalltag ein. Die Vorbereitung verlief bei beiden ohne grosse Probleme. Doch Wettkämpfe sind ganz anders als Trainingseinheiten. Hussein etwa startet erst im Rennen über alle Hürden. Es ist deshalb fast wie ein Puzzle, das auf einen Schlag zusammengesetzt werden muss. Deshalb stimmt am Anfang nicht immer alles. So wird es auch bei Hussein und Zbären sein, die am 13. Mai ihr erstes Rennen bestreiten.

Die Emmentalerin weiss, dass sie dann noch nicht in Bestform sein wird. Doch mit jedem Wettkampf werden die Teile besser passen. Damit kann sie nun umgehen. Vor dem Kreuzbandriss war das noch anders. Damals war sie ungeduldig und wollte ­alles sofort haben und machen. «Nun kann ich auch akzeptieren, dass nicht alles geht», sagt Zbären. Und noch etwas hat sich verändert: Seit der Verletzung lässt sie die Finger vom Basketball. Hussein hingegen ist ungeduldig geblieben. «Vielleicht lerne ich es irgendwann noch», sagt er und lacht. Etwas nimmt der Thurgauer jedoch mit: das Wissen um sein Kämpferherz. Trotz Verletzung holte er in der vergangenen Saison EM-Bronze. Was ohne gesundheitliche Probleme möglich gewesen wäre, will er sich nicht ausmalen. Doch wenn es nach ihm geht, zeigt er es in diesem Jahr.