SAISONFINAL: Im gleichen Auto sitzt der ärgste Feind

Für Nico Rosberg steht morgen in Abu Dhabi sehr viel auf dem Spiel. Bringt er den Vorteil von zwölf Punkten über die Runden, ist der Deutsche erstmals Weltmeister. Doch Teamrivale Lewis Hamilton könnte ihm den ersehnten Triumph noch wegschnappen.

Ruth Müller
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Schwierige Saison, schlechte Aussichten: Die Sauber-Piloten Felipe Nasr (vorne) und Marcus ­Ericsson holten bisher erst zwei Punkte. (Bild: Mark Sutton/Freshfocus (Mexico City, 30. Oktober 2016))

Schwierige Saison, schlechte Aussichten: Die Sauber-Piloten Felipe Nasr (vorne) und Marcus ­Ericsson holten bisher erst zwei Punkte. (Bild: Mark Sutton/Freshfocus (Mexico City, 30. Oktober 2016))

Ruth Müller

«Wann, wenn nicht jetzt?», fragt sich Bernie Ecclestone, stellvertretend für den Formel-1-Zirkus. Gelingt es Nico Rosberg im letzten von 21 Saisonrennen, seinen grössten Traum wahrzumachen, tritt er endgültig aus dem Schatten Hamiltons. Schafft er es abermals nicht, sich in einer WM-Entscheidung durchzusetzen, wäre sein Nimbus des ewigen Zweiten in Stein gemeisselt. Es käme einer Kapitulation des akribischen Arbeiters gleich, vor dem schieren Talent, mit dem sein Gegner gesegnet ist. Von Hamiltons aussergewöhnlicher Begabung kann Rosberg ein Liedchen singen. Anders als sein Kontrahent, der bereits im sechsten GP siegreich war, fuhr Rosberg erst im 111. Rennen erstmals als Sieger ins Ziel. Mit 52 Siegen steht Hamilton an zweiter Stelle der ewigen Bestenliste, dies bei insgesamt 187 Starts, was einer Siegquote von 28 Prozent entspricht. Rosberg bringt es auf 23 Siege bei 205 Starts. Jeder dieser Siege ist wertvoll, aber was wirklich zählt, ist der Weltmeistertitel. Auch in dieser Statistik liegt Hamilton (3:0) vorne.

Rosberg wächst behütet in Monaco auf

Die Konkurrenz der beiden Mercedes-Fahrer begann in jungen Jahren. Um die Jahrtausendwende bildeten sie in Italien während zweier Saisons ein Kartteam. Schon damals war offensichtlich: Hamilton ist in jedem fahrbaren Untersatz auf Anhieb schnell, Rosberg braucht etwas länger, um dasselbe Level zu erreichen. Doch waren sie gute Freunde, teilten das Hotelzimmer und hatten Spass in der Freizeit. Ungeachtet ihrer Verschiedenheit verstanden sie sich gut. Hier der etwas bleiche Normalo mit nordischen Genen, behütet in Jetset-Kreisen in Monaco und auf Ibiza aufgewachsen, sein Vater der grosse Keke Rosberg, finnischer Formel-1-Weltmeister von 1982. Und dort der farbige Exzentriker mit karibischen Wurzeln, in ärmlichen Verhältnissen unweit von London gross geworden, seine frühe Karriere von Vater Anthony finanziert, der dafür drei Jobs gleichzeitig ausüben musste.

Heute sind die Persönlichkeiten der 31-Jährigen komplett unterschiedlich. Rosberg lebt mit Ehefrau Vivian und Töchterchen Alaia das Familienglück in einem monegassischen Apartment und wirkt in der öffentlichen Wahrnehmung eher langweilig. Hamilton polarisiert. Er zelebriert sein Dasein als bunter Hund. Seine Bulldoggen begleiten ihn überall hin. Als internationaler Star mit Glamourfaktor schmückt er sich nicht nur mit Tattoos, protzigen Autos und Goldketten, sondern auch gerne mit Frauen. Zwischen den Rennen macht er Party, zeigt sich mit Promi-Schönheiten wie Lindsey Vonn, Nicole Scherzinger und Beyoncé.

Kein Wunder haben sich die beiden wenig zu sagen. Sie sind Rivalen der Rennbahn, wie es im Buche steht. Aus gnadenlosem Grund: Im gleichen Auto sitzt dein ärgster Feind, fährt er dir mit identischem Material um die Ohren, bist du der Underdog und nurmehr zweite Wahl. Rosberg kennt die unliebsame Situation, seit Hamilton sein Silberpfeil-Teamkollege ist.

Der Brite holte 2014 und 2015 seine WM-Titel Nummer zwei und drei – Rosberg musste sich dabei stets mit dem zweiten Platz bescheiden. Jetzt aber kann er die Chance packen und mit dem besten Auto im Feld mindestens Rang drei in Abu Dhabi erreichen. Ein Resultat, das ihn aus eigener Kraft zum Champion macht, unabhängig vom Ergebnis Hamiltons. Leicht scheint diese Aufgabe. Aber nur auf dem Papier, wie der WM-Leader sagt: «In diesem Sport ist nichts einfach, es wird ein harter Kampf. Ich muss das Rennen, wie jedes andere behandeln und werde alles geben», sagt Rosberg.

Er tut gut daran, sich auf das zu konzentrieren, was er selber kontrollieren kann: Eine gute Startposition herausfahren, um Scharmützel auf der Strecke einen Bogen und keine Fehler machen. Auch Hamilton hat den Sieg im Fokus: «Ich fühle mich in diesem unglaublichen Auto stark. Und man weiss nie, was passiert. Egal wie unmöglich meine Ausgangslage erscheint, ich gebe nicht auf», lautet seine Devise. Das Momentum nach drei Siegen in Serie scheint auf Hamiltons Seite.

In Abu Dhabi verweigern sie den Handschlag

Anders als beim letzten Rennen in Brasilien wird das Wetter im Wüstenstaat keinen Einfluss auf den Rennverlauf nehmen: Die Wahrscheinlichkeit für Regen beziffern die Meteorologen mit null Prozent. Ein emotionales Gewitter erschütterte jedoch die erste Pressekonferenz in Abu Dhabi: Rosberg und Hamilton verweigerten den von den Fotografen geforderten Handschlag.

Für Mercedes-Motorsportchef Toto Wolff ist das Verhalten der beiden Fahrer verständlich: «Wenn zwei Männer um dieselbe Frau kämpfen, oder eben den WM-Titel, mögen sie sich nach einiger Zeit nicht mehr. Um diesen Pokal am Ende in der Hand zu halten, gehst du sehr weit.» Da spielt es auch keine Rolle mehr, ob jemand Kopf- oder Bauchmensch ist.

Mercedes kann es nur recht sein. Das Team profitiert von den unterschiedlichen Charakteren, dem strukturierten Rosberg und dem kreativen Hamilton. «In einem Unternehmen braucht es beide Pole, um erfolgreich zu sein. In letzter Konsequenz motiviert dies zu Höchstleistungen und macht das Auto schneller.» Nur zwei Siege hat Mercedes in den bisherigen zwanzig WM-Läufen abgegeben. Je neun haben Rosberg und Hamilton herausgefahren. Wolffs grösster Wunsch: «Beide haben den Titel verdient. Hoffentlich wird die WM nicht durch ein technisches Versagen entschieden», sagt er, wohlwissend dass dann gemunkelt würde, das Team hätte die Entscheidung beeinflusst.