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Kommentar

Russland und diese WM verdienen eine Chance

Die Vorbehalte gegenüber der WM in Russland sind gross: Die Vergabe vor acht Jahren war undurchsichtig, die Politik im Land steht unter strenger Beobachtung und die eigene Nationalmannschaft dürfte keine grosse Rolle spielen. Dennoch verdient die WM und ihr Gastgeberland eine Chance.
Christian Brägger, Toljatti
In den kommenden vier Wochen dreht sich in Russland fast alles um den Fussball. (Bild: Key/EPA FACUNDO ARRIZABALAGA)

In den kommenden vier Wochen dreht sich in Russland fast alles um den Fussball. (Bild: Key/EPA FACUNDO ARRIZABALAGA)

Christian Brägger, Sportredaktor. (Bild: Urs Bucher)

Christian Brägger, Sportredaktor. (Bild: Urs Bucher)

Endlich WM, das Warten hat ein Ende. Doch selbst die Fussball-Aficionados schauen mit gemischten Gefühlen nach Russland, seit der Weltverband Fifa im Jahr 2010 den Veranstalter offiziell bekanntgegeben hatte. Eigentlich taten viele das ja schon immer; das grösste Land der Welt ist bis heute den wenigsten vertraut geworden. Fremdes, so ticken wir, schürt oft Unbehagen oder gar Angst.

Die Inszenierung einer heilen Welt

Dieses mulmige Gefühl beim Blick auf Russland ist erklärbar. Wir sehen eine gespaltene Nation unter der Fuchtel eines Präsidenten, der auch ein «Zaren» genannt wird, der mit aller Macht durchsetzt, was er will. Es muss nur zu seinem Vorteil sein – wie diese WM, die seine WM und damit seine ganz persönliche Bühne ist. Für Wladimir Putin ist die Endrunde ein Prestigeprojekt, er erhält die Möglichkeit, eine heile Welt zu inszenieren, eine Welt, die angeblich gar nicht so schlecht und rückständig ist, wie man sagt. Dabei sind die Probleme der russischen Bevölkerung mannigfach. Sie leidet und ist mehrheitlich arm. Nur erheben sich die Bürger nicht oder zu selten. Weil sie Repressalien zu befürchten hätten.

Eine ganze Reihe von Problemen, unter denen Russland leidet, ist offenkundig. Hooligans per se und solche, die auch noch politisieren. Die Vermischung von Politik und Sport, die dazu führt, dass andere Ebenen als Vehikel der Macht dienen. Die Homosexualität, respektive deren Unter­drückung. Die Liste der Rügen an den Gastgeber wäre ellenlang fortzuführen, mit Stichworten wie Korruption, Rassismus, Einschränkung der Medienfreiheit oder die Rolle im Syrien-Konflikt. Das alles ist viel relevanter als der Sport, geht gerade in diesen Tagen aber oft vergessen. Bleiben wir dennoch beim Fussball.

Keine Nachhaltigkeit bei den Stadien

Auch hier stechen Entwicklungen ins Auge, die nicht gut gehen werden. Russland hat für die WM in manchen der elf Austragungsorte mit Unsummen «weisse Elefanten» produziert. Stadien also, die überdimensioniert und nicht nachhaltig sind; nur in sechs Arenen spielen Clubs der höchsten Liga, drei werden von Zweitligavereinen und eines gar von einem Drittligaclub genutzt. Zwei Spielstätten, Sotschi und das Luschniki in Moskau, haben nicht einmal ein eigentliches Heimteam. Auch die Kosten sind aus dem Ruder gelaufen, je nach Quelle kostet das Turnier insgesamt mehr als elf Milliarden Franken. Der grösste Sportanlass der Welt wird auch der teuerste der Geschichte sein.

Die Fifa, die ebenfalls ein mehr als zwiespältiges Bild abgibt, hat gewusst, dass dies so kommen würde. Sie hat es billigend in Kauf genommen. Die WM ist der Goldesel, den der Weltverband mit allen erdenklichen Instrumenten anzapft. Das wird er auch weiterhin tun – Präsident Gianni Infantino sei Dank. Dazu passen seine Aufstockungspläne auf ein Tableau mit 48 Teams. Doch der Rückhalt bröckelt längst. Zwar ist es nur eine Rand­bemerkung, aber eben doch kein gutes Zeichen, dass lediglich 6 der 20 angepeilten regionalen Sponsoren für das Turnier gefunden wurden. Zudem schloss die Fifa das Vorjahr mit einem Minus von 189 Millionen Dollar ab, die Reserven sanken auf 930 Millionen. Vor der WM. Nach der WM werden sie auf etwa 1,7 Milliarden Dollar ansteigen.

Der Fifa fehlt die Demut. Immer mehr, immer weitere Wettbewerbe wie der Plan, alle vier Jahre eine Club-WM durchzuführen oder alle zwei Jahre eine Weltliga für Nationalmannschaften. Auch dem früheren deutschen Nationalgoalie Oliver Kahn missfällt die Inflation der Wettbewerbe:

«Es gibt zu viele Anlässe im Fussball, und das ist nicht ungefährlich.»

Trotz allem: Russland ist nach den 871 WM-Qualifikationsspielen mit 2454 Toren, 2965 gelben Karten und 148 Platzverweisen sowie 661 Disziplinarfällen nicht der falsche Austragungsort. Mit seiner Grösse und Tradition legitimiert sich seine Wahl. Das Land, dessen Bevölkerung und die 32 teilnehmenden Mannschaften haben aller Kritik zum Trotz eine Chance verdient. Auch wenn sich der Fan in einer Scheinwelt bewegt, kann er von Russland doch lernen. Und umgekehrt.

Die Nostalgie schwingt mit

Noch heute schwärmen wir vom WM-Spiel von 1982 zwischen Italien und Brasilien, jenem unglaublichen 3:2. Noch heute ist uns die Hand Gottes ein Begriff, was verehrten wir ihn, den Argentinier Diego Armando Maradona. Noch heute hoffen wir, dass der Deutsche Andreas Brehme im WM-­Final 1990 den Penalty vergibt. Die Kinder von heute, noch unbekümmert um die Probleme dieser Welt, werden es uns in 20, 30 Jahren gleichtun. Sie verstehen vieles nicht; das müssen sie auch nicht. Aber sie verstehen Cristiano Ronaldo, Neymar und Lionel Messi. Sie lieben den Fussball, und das ist gut so.

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