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Rugby-WM vor den Viertelfinals: Das Abenteuer der tapferen Kirschblüten

Am Samstag und am Sonntag finden in Japan die WM-Viertelfinals im Rugby statt. Die Gastgeber sind jetzt schon Gewinner.
Ives Bruggmann aus Yokohama
Der Japaner Kotaro Matsushima (rechts) legte bereits fünf Versuche an dieser WM. Er führt diese Statistik damit gemeinsam mit dem Waliser Josh Adams an.(Bild: The Yomiuri Shimbun via AP Images ) (KEYSTONE/AP Yomiuri Shimbun/Koji Ito)

Der Japaner Kotaro Matsushima (rechts) legte bereits fünf Versuche an dieser WM. Er führt diese Statistik damit gemeinsam mit dem Waliser Josh Adams an.
(Bild: The Yomiuri Shimbun via AP Images ) (KEYSTONE/AP Yomiuri Shimbun/Koji Ito)

Die Uhr scheint still zu stehen an diesem Samstag in Yokohama. Es ist der 12. Oktober 2019 und das Land erwartet einen der zerstörerischsten Taifune, der je über Japan hinweggefegt ist. Doch die Ostasiaten sind ein erprobtes Volk, wenn es um das Ertragen von Naturkatastrophen geht. Erdbeben und Tropenstürme sind keine Seltenheit – und werden quasi in stoischer Ruhe hingenommen. Und dennoch: Diesem 19. Taifun der Saison begegnen sie mit viel Respekt. Die Behörden versenden Warnungen der höchsten Stufe auf alle Mobiltelefone. Wer daheim nicht sicher sei, soll sich in das nächstgelegene Evakuierungszentrum begeben. Trotz aller Vorsichtsmassnahmen verlieren in Japan mindestens 72 Menschen ihr Leben. Die gewaltigen Regenmengen führen zu zahlreichen Überschwemmungen, zerstören Hunderte Häuser. Immerhin: Yokohama bleibt grösstenteils verschont.

Eigentlich unvorstellbar, aber nur einen Tag später gewinnt die japanische Rugbymannschaft im unversehrten Stadion von Yokohama das wichtigste Spiel ihrer Geschichte gegen Schottland in spektakulärer Weise mit 28:21. «Wir wollten für die Leute spielen, die Angehörige oder ihr Haus verloren haben», sagte Japans Nationaltrainer Jamie Joseph. Der Sieg passt zur Stehaufmännchen-Mentalität, die im Land der aufgehenden Sonne vorherrscht. Dem Spitznamen «Brave Blossoms», tapfere Kirschblüten, werden an diesem Tag alle gerecht – auch die Rugbynationalspieler.

Über 53 Millionen schauten zu

Doch den Erfolg von Japans Rugby-Nationalmannschaft nur auf die Mentalität zu zurückzuführen, würde dem Auftritt nicht gerecht werden. Wie sich das Joseph-Team in der Gruppenphase präsentierte, war schlicht Weltklasse. Gegen Irland und Schottland spielten sie wie eine grosse Mannschaft. Die Fortschritte in den vergangenen Jahren waren so enorm, dass es nun sogar für die Viertelfinals gereicht hat. Das kommt der grössten Überraschung der WM-Geschichte dieses Sports gleich. Bereits vor vier Jahren setzte das ehemalige Rugby-Entwicklungsland mit dem WM-Sieg gegen Südafrika ein erstes Ausrufezeichen, verpasste damals aber den Vorstoss in die K.o.-Phase. Doch die Euphorie im Land war mit dem Coup so richtig entfacht worden. Und gipfelte im Schottland-Sieg am vergangenen Sonntag mit zeitweise über 53 Millionen TV-Zuschauern. Mit durchschnittlich über 39 Millionen ist dies gar der meistgesehene Live-Event des Jahres in Japan. Der Rekord wird am Sonntag wohl erneut gebrochen.

Von den 15 Akteuren, die im Viertelfinal in der Startformation antreten, ist die Mehrheit japanischer Herkunft. Nichtsdestotrotz nehmen die sieben im Ausland geborenen Spieler Schlüsselrollen im Team ein. Captain Michael Leitch ist ein gebürtiger Neuseeländer, der sprintstarke Flügelspieler Kotaro Matsushima hat Wurzeln in Simbabwe. Auch Luke Thompson (in Neuseeland geboren), Lappies Labuschagné (in Südafrika geboren) und James Moore (in Australien geboren) verleihen dem japanischen Spiel Klasse. Der Aufstieg Japans ist aber auch den einheimischen Profis zu verdanken. Mit seinem blitzschnellen Passspiel ist Gedrängehalb Yutaka Nagare der Garant für den Spielfluss, Regisseur Yu Tamura überzeugt mit seinen präzisen Kicks. Hakler Shota Horie fällt nicht nur durch seine Rasta-Frisur auf, er ist in der Vordermannschaft Japans die gefährlichste Waffe und wurde von den Experten zu einem der besten Spieler der Gruppenphase erkoren.

Déjà-vu für Südafrika

Am Sonntag trifft Japan ausgerechnet auf Südafrika. Der Gegner ist gewarnt. «Die Niederlage von 2015 ist vergessen», sagt Südafrikas Trainer Rassie Erasmus zwar. Er weiss aber, dass er auf eine variantenreiche Mannschaft trifft. «Es ist eine taktische Herausforderung.» Die Aufstellung von Erasmus lässt erahnen, dass Südafrika den Erfolg mit den bewährten Mitteln sucht. Die starke Physis der Stürmer soll den laufstarken Gegner zermürben. Doch auch Japan hat sich gut auf die Partie vorbereitet. «Wir werden versuchen, Südafrika zu überraschen», sagte Trainer Joseph. Es wäre nicht das erste Mal.

Die weiteren Viertelfinals:

England – Australien: Alle Augen auf Farrell

Englands Trainer setzt auf Owen Farrell als Spielgestalter.(Bild: Kyodo via AP Images, KEYSTONE/AP KYDPL KYODO/KYODO)

Englands Trainer setzt auf Owen Farrell als Spielgestalter.
(Bild: Kyodo via AP Images, KEYSTONE/AP KYDPL KYODO/KYODO)

Die Rivalität zwischen England und Australien hat im Rugby eine lange Tradition. Der legendärste Moment aus englischer Sicht war der Sieg im WM-Final 2003, als Jonny Wilkinson gegen den Erzfeind die Entscheidung in der Verlängerung mittels Dropkick zwischen die Malstangen herbeiführte. England geht im Viertelfinal von Samstag als Favorit in die Partie. Und ähnlich wie 2003 hängt auch dieses Mal vieles vom Regisseur ab. Owen Farrell ist an guten Tagen Weltklasse und bringt seine Mitspieler mit präzisen Zuspielen – sowohl per Hand als auch mit dem Fuss – in günstige Positionen. Zuletzt schwächelte Captain Farrell jedoch, während Stellvertreter George Ford zu überzeugen wusste. Dennoch setzt Trainer Eddie Jones etwas überraschend wieder auf Farrell als Spielmacher, der zuletzt auf der Center-Position etwas weiter hinten agierte. Jones bevorzugt Farrell wohl vor allem wegen seiner defensiven Fähigkeiten. Und im Zweifelsfall kann Ford auch als Einwechselspieler die Entscheidung herbeiführen.

Irland – Neuseeland: Der verfrühte Final

Durch Richie Mo'ungas Kickspiel hat sich die Taktik Neuseelands verändert.(Bild: The Yomiuri Shimbun via AP Images ) (KEYSTONE/AP Yomiuri Shimbun/Koji Ito)

Durch Richie Mo'ungas Kickspiel hat sich die Taktik Neuseelands verändert.
(Bild: The Yomiuri Shimbun via AP Images ) (KEYSTONE/AP Yomiuri Shimbun/Koji Ito)

Vor dem Turnier rechneten viele Experten mit dem Final Neuseeland – Irland. Nun kommt es am Samstag bereits im Viertelfinal zu diesem Aufeinandertreffen, weil die Iren hinter Japan nur Gruppenzweiter wurden. Irland ist so etwas wie der Angstgegner von Neuseeland. Mit ihrer «Rush Defense», einer offensiv interpretierten Verteidigung, gelang es den Europäern in den letzten drei Duellen zweimal, das weltweit gefürchtete Pass- und Laufspiel der Neuseeländer zu unterbinden und zu gewinnen. Auch deshalb passte der amtierende Weltmeister in den vergangenen Monaten seine Spielweise an und setzt seither vermehrt auf die Kicks des neuen Regisseurs Richie Mo’unga. Der aktuelle Weltrugbyspieler steht aber ausnahmsweise auf der Gegenseite: Der Ire Jonny Sexton. Er sagt: «Das ist das grösste Spiel meiner Karriere.» Und fügt hinzu: «Unsere grösste Stärke ist das Kollektiv.» Um die Übermannschaft Neuseeland zu bezwingen, braucht es beides: Sextons Genialität und ein unüberwindbares Kollektiv.

Frankreich – Wales: Frankreichs neue Generation

Auf Frankreichs Romain Ntamack lastet bereits in jungen Jahren ein grosser Druck. (Bild: AP Photo/Christophe Ena)

Auf Frankreichs Romain Ntamack lastet bereits in jungen Jahren ein grosser Druck.
(Bild: AP Photo/Christophe Ena)

Der Viertelfinal zwischen Wales und Frankreich, der am Sonntag stattfindet, ist der einzige innereuropäische Vergleich. Die Franzosen waren lange Zeit die Wundertüte des Rugbys und vor allem an der WM stets für eine Überraschung gut. 2011 unterlagen sie im Final nur knapp den Neuseeländern. Seither geht es jedoch bergab. Der aktuelle Captain Guilhem Guirado ist so etwas wie das Symbol der aktuellen Verlierer-Generation Frankreichs. Er verlor mehr als zwei Drittel seiner Partien als Captain. Hoffnung macht den Franzosen für die Heim-WM in vier Jahren die neue Generation. In der U20-Kategorie wurde die Equipe Tricolore zuletzt zweimal nacheinander Weltmeister. Regisseur Romain Ntamack ist der einzige Weltmeister, der es bereits ins Nationalteam geschafft hat. Auf ihm lastet bereits im Alter von 20 Jahren ein grosser Druck. Für die Zukunft dürften die Erfahrungen eines WM-Viertelfinals wertvoll für ihn sein. Für einen Sieg dürfte es aber auch mit einem Ntamack in Bestform kaum reichen. Zu stabil ist die Weltnummer zwei Wales.

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