RÜCKKEHR: Roy Gelmi, der verlorene Sohn des FCSG

Nie hat Roy Gelmi bisher gegen den FC St.Gallen gespielt. Am Sonntag kommt es nach all den Jahren mit den Ostschweizern zu dieser Premiere, wenn der Verteidiger mit Thun zu Gast ist. Noch immer ist beim 22-Jährigen Wehmut zu spüren, wie alles kam.

Christian Brägger
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Roy Gelmi sagt, mit dem Thun-Trainer könne man über alles reden: «Joe Zinnbauer war da ganz anders.» (Bild: Marc Schumacher/Freshfocus)

Roy Gelmi sagt, mit dem Thun-Trainer könne man über alles reden: «Joe Zinnbauer war da ganz anders.» (Bild: Marc Schumacher/Freshfocus)

Christian Brägger

Roy Gelmi war einfach da. Das war irgendwie schon immer so. Als gehörte er zum Inventar.

Der FC St.Gallen und Roy Gelmi – das ist eine spezielle Geschichte. Weil sie eng mit jener von Future Champs Ostschweiz (FCO) verbunden ist, dem Nachwuchsprojekt, das je länger je mehr Früchte tragen soll. Der Bassersdorfer war so eine Frucht; er war der erste Spieler, der nach der Gründung von FCO den Sprung über die Nachwuchsabteilungen in die erste Mannschaft schaffte. Und sich dort nachhaltig etablierte. Das ist selten genug der Fall, Silvan Hefti die Ausnahme. Seither hat sich kein Talent über die U21 in den Stamm der Super-League-Mannschaft gespielt. Was ein wenig irritiert, zumal das FCO-Budget inzwischen auf mindestens 4,5 Millionen Franken hochgefahren wurde.

Manchmal muss der Stift das Weite suchen

Im Herbst 2015 war Gelmi unter dem damaligen Trainer Joe Zinnbauer gar zwei Monate lang Captain – und bis zum Ende der vergangenen Saison meist gesetzt. Danach beginnt Gelmis zweite Geschichte mit dem FC St.Gallen. Es ist jene eines Spielers, der nach eigenem Empfinden im Verein nicht genug Wertschätzung erhielt. Was vielleicht daran lag, dass er nach der «Fussballlehre» im FCO irgendwie weiter als Stift galt (auch lohnmässig); eine Haltung, die aus anderen Berufssektoren bekannt ist: Erst nach dem Weggang beginnt der frühere Arbeitgeber zu realisieren, war er an der ausgebildeten Person verloren hat. Weshalb man oft sagt, man müsse das heimische Arbeitsnest einmal verlassen, um in der Berufswelt richtig Fuss zu fassen, ernst genommen zu werden. Und fertig zu reifen.

Genau dies ist Gelmi nun im FC Thun widerfahren. Mit dem Wechsel schob der Zürcher den fussballerischen und auch den menschlichen Reifeprozess an. Vor allem ist er heute geschätzte Stammkraft, ein Eckpfeiler in der Innenverteidigung. Keine Meisterschaftsminute hat der 22-Jährige bisher verpasst, und er sagt: «Es war mein Anspruch und jener des Clubs, Leistungsträger zu sein und Verantwortung zu übernehmen. Es läuft ganz gut.» Zeit besass Gelmi nicht, sich zu akklimatisieren, weil zehn Tage nach dem Transfer bereits die Saison begann. Tatsächlich wirkte sein erster Clubwechsel («nur schon diese Tatsache machte es speziell») für viele überstürzt, vielleicht auch für den Spieler selbst. «Es ging alles sehr schnell, ich musste mich in Thun von Jetzt auf Heute integrieren, anfänglich blieb keine Zeit für Wehmut.»

Diese kam mit den Tagen dann aber doch auf. Plötzlich waren seine Freunde aus der Schulzeit an der Kantonsschule Burgraben weit weg; plötzlich wohnte er allein in Ostermundingen und nicht mehr in einer WG mit seinem ehemaligen Mitspieler Alain Wiss; plötzlich realisierte er, was genau passiert war – Enttäuschung, wie alles gekommen war, wie er den geliebten FC St.Gallen verlassen musste, machte sich breit. Bis heute ist diese nicht ganz verflogen. Er sagt: «Vertrauen, das man Spielern schenken muss, erhielt ich nicht. Leider passte es zu diesem Zeitpunkt nicht für den Club, und weil ich das spürte, passte es für mich dann auch nicht mehr. Aber abgeschlossen habe ich mit ihm deswegen nicht, auch wenn es der richtige Entscheid war.»

Gelmi ist von den Leistungen der Ostschweizer in der neuen Spielzeit beeindruckt, vor allem von der ersten Halbzeit gegen Basel. «Aber es wird schwierig, diese 45 Minuten zu wiederholen.» Beeindruckt ist Gelmi, der inzwischen im dritten Semester an der Fernuni Schweiz BWL studiert, aber auch von Thun («wir haben sicher höhere Ziele als bloss den Ligaerhalt»). Und dort vor allem von Trainer Marc Schneider, der den Spielern ungemein viel Vertrauen schenke. «Sein familiärer Führungsstil kommt an. Mit ihm kannst du über alles reden. Zinnbauer war da ganz anders, so gesehen sind es Welten zwischen Thun und St.Gallen, ein echter Stilbruch.»

Zaungast gegen YB mit einem mulmigen Gefühl

Als Stilbruch könnte man es auch empfinden, Gelmi im Kybunpark erstmals im Dress des Gegners zu sehen. Er sagt: «Ich war schon gegen YB zu Besuch, da war mir mulmig zu Mute. Aber die Partie vom Sonntag wird nochmals ganz anders und gewiss nicht einfach für mich.» Nicht nur, dass er nach der Liftfahrt in den Katakomben nach rechts in die Kabine gehen müsse – und nicht nach links.