RÜCKKEHR: Hennen, Schafe und ein Gewehr

Die 33-jährige Andrea Brühlmann hatte jahrelang mit Problemen zu kämpfen. Als sie den elterlichen Bauernhof übernahm, fand die Thurgauerin endlich Ruhe. Seither ist sie wieder im olympischen Kader.

Raya Badraun
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Andrea Brühlmann posiert auf ihrem Hof in Winden in einem Weizenfeld. (Bild: Michel Canonica)

Andrea Brühlmann posiert auf ihrem Hof in Winden in einem Weizenfeld. (Bild: Michel Canonica)

Raya Badraun

Zwischen Weizenfeldern und Obstbäumen steht in Winden ein alter Bauernhof. Das ist die Welt von Andrea Brühlmann, der Thurgauer Sportschützin. «Meine kleine Insel», sagt sie. Hier ist sie mit ihren Eltern, dem grossen Bruder und der kleinen Schwester aufgewachsen. Und hier ist sie nun wieder zu Hause. Im vergangenen Jahr hat die gelernte Geflügelzüchterin den Hof mit seinen 5000 Hennen, den 50 Schafen und den über 100 Obstbäumen übernommen. Ihr Umfeld ging damals davon aus, dass ihre Karriere als Schützin damit definitiv vorbei ist. Doch Brühlmann dachte keinen Moment daran – im Gegenteil. Sie ist momentan so gut wie seit Jahren nicht mehr und steht seit dem vergangenen Herbst auch wieder im olympischen Kader. «Ich habe einen eisernen Willen, bin hartnäckig», sagt sie. Führt ein Weg in eine Sackgasse, so sucht sich die 33-Jährige eben einen anderen. Ohne diese Einstellung würde Brühlmann morgen wohl nicht an der EM in Baku antreten. Denn ihre Karriere als Sportlerin war nicht eben geradlinig.

Als junge Frau war Brühlmann eine begeisterte Reiterin. Um ihrem Bruder einen Gefallen zu tun, nahm sie jedoch an einem Schülerschiessen teil. Prompt gewann sie und wurde schliesslich Schützin. Nach ihrem Lehrabschluss gab sie sich damals zwei Jahre Zeit, um Teil der Nationalmannschaft in den olympischen Disziplinen zu werden. Sollte sie es nicht schaffen, würde Schiessen nur mehr Hobby sein. Mit 20 Jahren nahm sie schliesslich an ihrer ersten EM teil, ein Jahr später war sie im Kader. Da begann sie von den Olympischen Sommerspielen 2008 in Peking zu träumen, welche sie letztlich knapp verpasste.

Erst Materialprobleme, dann ein Unfall

Nach erfolgreichen Jahren hatte Brühlmann vermehrt Mühe mit ihrem Material. Egal was sie ausprobierte und testete, die Präzision war nicht mehr die gleiche. Bei Wettkämpfen trat sie so bereits mit einem Nachteil an, den sie auch mit ihrem Können nicht wettmachen konnte oder hatte gar Komplettausfälle. Auch Schiesstechnisch schlichen sich Fehler ein. So fiel sie Ende 2011 aus dem Olympiakader und war nur noch in der Nationalmannschaft der nichtolympischen Disziplinen. Zwei Jahre später kam der nächste Rückschlag. Bei einem Autounfall zog sich Brühlmann ein Schleudertrauma zu, dass ihre Welt ins Wanken brachte. Sie konnte anfangs nicht einmal mehr auf einer geraden Linie gehen, geschweige denn das Sportgewehr ruhig halten.

«Damals war ich so unglaublich weit von dem entfernt, was ich einmal konnte», sagt Brühlmann. Erst nach knapp einem Jahr spürte sie, dass es wieder aufwärts ging. Doch sie hatte einen langen Weg vor sich. «Ich habe mich oft gefragt, warum es mir nicht zu den Besten reicht, obwohl ich es mit allen Mitteln und auf verschiedene Arten versuchte», sagt Brühlmann. Heute vergleicht sie ihr Leben mit einem Puzzle. Um erfolgreich zu sein, braucht es viele Teile. Diese hatte Brühlmann zwar, doch sie konnte sie lange nicht zu einem Bild zusammenfügen. Neue Trainer und eine sehr gute Betreuung durch den Schweizer Schiesssportverband gaben ihr schliesslich den Rahmen. Entscheidend war jedoch auch der vergangene Sommer und die Übernahme des elterlichen Hofes.

Mit den Gedanken im Schiessstand

Jahrelang war Brühlmann Trainerin, gab Kurse und betreute Nachwuchsschützen verschiedener Kader. Es machte ihr Freude, die jungen Athleten zu fördern. Doch für die Schützin selbst war es nicht optimal. Denn damals drehte sich ihr ganzes Leben um den Schiesssport. Nur wenn sie alleine im Schiessstand war, konnte sie sich auf sich selbst und ihre Arbeit konzentrieren. «Meinem Kopf tut es gut, dass ich heute so oft alleine draussen in der Natur bin», sagt Brühlmann. So gewinnt sie nach einem Wettkampf Abstand und findet Ruhe. Doch es hilft ihr auch, sich vorzubereiten.

Oft verschmilzt ihr Leben auf dem Hof mit demjenigen im Schiessstand. Wenn Brühlmann die Eier aus dem Stall holt, denkt sie an das nächste Training oder stellt sich Bewegungsabläufe vor. Läuft sie zu den Schafen, macht sie auf dem Weg Dehn- oder Kraftübungen. Und zwischendurch geht sie joggen. So einfach wie es tönt, ist es aber nicht immer. Doch Brühlmann weiss: «Ich werde auch das schaffen.»