RUDERN: Zum Warten gezwungen

Am kommenden Wochenende werden in einer Ausscheidung die Plätze in den Booten für die kommende Saison verteilt. Ob der Thurgauer Nico Stahlberg antreten kann, ist noch offen.

Raya Badraun
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Nico Stahlberg muss zurzeit viel Geduld beweisen. (Bild: Ralph Ribi (Kreuzlingen, 9. April 2018))

Nico Stahlberg muss zurzeit viel Geduld beweisen. (Bild: Ralph Ribi (Kreuzlingen, 9. April 2018))

Raya Badraun

Ruhig liegt der Bodensee an diesem Morgen da. Nico Stahlberg läuft in Kreuzlingen über die Wiese dem Wasser entgegen, zwei Ruder über der Schulter. Benutzen wird er sie an diesem Tag jedoch nicht. Sie sind nur Requisiten für das Foto am Ufer. Denn der 26-jährige Thurgauer muss verletzungsbedingt pausieren. «Ich versuche, mich nicht stressen zu lassen», sagt Stahlberg. Doch das ist gar nicht so einfach. Denn ab Freitag steht ein wichtiges Rennwochenende bevor. Im italienischen Corgeno, gleich ennet der Schweizer Grenze, finden die verbandsinternen Ausscheidungsrennen statt. Dabei wird entschieden, wer in der kommenden Saison in welchem Boot sitzen wird.

Ob Stahlberg bis dann wieder rudern kann, ist offen. Momentan hindert ihn der Rücken daran. «Wahrscheinlich ein Muskel, der eingeklemmt ist», sagt er. Auslöser war ein Ergometertest am vergangenen Freitag. Dieser sei ohne Probleme verlaufen, sagt Stahlberg. Über zwei Kilometer bestätigte er seine gute Form und stellte eine persönliche Bestzeit auf. Doch bereits in der Nacht spürte er, dass etwas nicht stimmte. Und als er am nächsten Tag aufwachte, konnte er sich kaum bewegen. «Wir fordern viel von unserem Körper und versuchen, möglichst nahe an die Limite zu kommen», sagt Stahlberg. «Manchmal überschreiten wir sie auch. Hört man dann nicht auf die Signale, zieht der Körper eben die Handbremse.» Das müsse er nun akzeptieren.

Physiotherapie statt Rudertraining

Leicht ist die Situation für Stahlberg jedoch nicht. Zwar geht es ihm mittlerweile etwas besser, gut ist es jedoch noch längst nicht. «Als Sportler will man möglichst effizient sein», sagt Stahlberg. Nun ist alles aufwendiger und umständlicher. Jeden Tag muss er schauen, was möglich ist. Er geht in die Massage und die Physiotherapie, zum Chiropraktiker und in die Schwimmhalle. Dazwischen dehnt er seinen Körper und mobilisiert so gut es geht. Der Aufwand ist damit etwa gleich gross wie sonst. Nur das Ergebnis ist nicht dasselbe. Zuletzt waren die Schweizer Ruderer kaum auf dem Wasser. Diese Woche bereiten sich die Kollegen von Stahlberg nun spezifisch auf die Ausscheidungsrennen vor. Diese bedeuten das Ende des Winters und den Anfang der Saison. Erstmals wird über die Renndistanz gerudert, erstmals mit einer hohen Schlagzahl. Auch an der Technik wird zurzeit gefeilt. «Wenn ich im Winter nicht so gut trainiert hätte, wäre ich jetzt angespannter», sagt Stahlberg. «Ich versuche jedoch, auf meine Leistungen zu vertrauen.»

Ohne einen Ausfall konnte der Ostschweizer in den wettkampffreien Monaten trainieren. Das wirkte sich auch auf die Tests aus. Unter den Schwergewichtsruderern war er über die Langstrecke jeweils der schnellste. Dadurch machte er sich auch Hoffnungen auf ein gutes Ergebnis in den Ausscheidungsrennen. Mit einem Sieg hat ein Ruderer alle Möglichkeiten – gerade Stahlberg. Im vergangenen Jahr bewies er, dass er im Skiff zu den Besten gehören kann. So gewann er den Gesamt-Weltcup. Doch auch einen Platz im Doppelzweier würde ihn reizen. Mit Roman Röösli verfügt die Schweiz über einen weiteren starken Schwergewichtsruderer, der in den Tests meist knapp hinter Stahlberg lag. «Es würde mich wundernehmen, was zu zweit alles möglich ist», sagt der Schönenberger. Dieses Jahr können die Ruderer neue Konstellationen noch ausprobieren. 2019 geht es dann bereits um die Qualifikation für die Olympischen Spiele in Tokio.

Rennen gegen die Zeit

Egal in welchem Boot Stahlberg sitzen wird, die Erwartungen werden nach der vergangenen Saison hoch sein. Mit Zielen beschäftigt er sich jedoch noch nicht. Seine Gedanken sind an einem anderen Ort. «Ich führe ein Rennen gegen die Zeit», sagt der Student. Er will noch immer in Italien dabei sein – auch wenn er dort vielleicht nur das Minimum absolvieren kann. Doch auch wenn er absagen muss, befände er sich nicht plötzlich auf dem Abstellgleis. «Der Trainer kennt meine Leistungen», sagt Stahlberg. Den Test würde er dann wahrscheinlich zu einem späteren Zeitpunkt absolvieren. Ideal wäre es nicht, denn es würde die Vorbereitung auf den ersten Weltcup Anfang Juni in Belgrad unterbrechen. «Ich versuche, mich nicht stressen zu lassen», sagt Stahlberg an diesem Morgen – und bringt die Ruder zurück in den Ruderclub.