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Der Thurgauer Rollstuhlsportler Marcel Hug vor dem Marathon in New York: «Für mich ist das, was ich mache, keine Wahnsinnsleistung»

Der Thurgauer Rollstuhl-Profisportler Marcel Hug schliesst mit prestigeträchtigem Rennen seine Saison ab.
Peter M. Birrer
Marcel Hug will vor der Winterpause noch an einem Marathon und an der WM erfolgreich sein. (Bild: Urs Flüeler/KEY)

Marcel Hug will vor der Winterpause noch an einem Marathon und an der WM erfolgreich sein. (Bild: Urs Flüeler/KEY)

Das Programm ist ziemlich happig, «ein Schlussfeuerwerk der Saison», wie es Marcel Hug mit einem Lächeln zusammenfasst. Die Reise führt von Zürich nach New York, weiter nach Dubai und schliesslich nach Oita in Japan. Und die Ambitionen sind hoch: In den USA peilt er den Sieg im prestigeträchtigen Marathon an; in den Emiraten startet er an der WM über 800, 1500 und 5000 m in der Hoffnung, mehr als eine Medaille zu holen; und in Japan möchte er besagtes Feuerwerk abrunden, um mit einem guten Gefühl in die Winterpause zu gehen.

Hug macht einen entspannten Eindruck, als er an diesem herbstlichen Vormittag im Schweizer Paraplegiker-Zentrum (SPZ) in Nottwil auftaucht. Die Luzerner Gemeinde am Sempachersee ist seit rund zehn Jahren sein Lebensmittelpunkt, und ein bisschen ist aus dem Thurgauer aus Pfyn ein Einheimischer geworden. Sein Dialekt hat sich leicht abgeschliffen, er sagt «Nottu» statt «Nottwil», aber als er darauf aufmerksam gemacht wird, betont der 33-Jährige eines schnell:

«Ich mag diese Region extrem gut. Aber ich bleibe mit der Ostschweiz verbunden. Das ist meine Heimat, dort habe ich meine Wurzeln.»

Marcel Hug (Bild: Peter M. Birrer)

Marcel Hug (Bild: Peter M. Birrer)

Nottwil ist sein Lebensmittelpunkt geworden, weil er hier Bedingungen vorfindet, die ideal sind für ihn, der 2010 Profi geworden ist. Er hat die Bahn sozusagen vor der Haustür, die Distanz rund um den See entspricht ziemlich genau einem Halbmarathon. Und wenn es um die Optimierung des Renn-Rollstuhls geht, kümmern sich Spezialisten von Orthotec darum. Er hat das, was er «Traumberuf» nennt, verlangt aber von sich selber sehr viel. Er hat den Anspruch, erfolgreich zu sein, und setzt sich unter einen entsprechenden Leistungsdruck. Weil er auch an die Sponsoren denkt und daran, wie er ihnen etwas zurückgeben kann.

Sechs Mal Behindertensportler des Jahres

Hug, der 2008 seine KV-Lehre erfolgreich abschloss, kann ein beeindruckendes Palmarès vorweisen. Er hält den Weltrekord über 10'000 m und im Halbmarathon, zudem ist er mehrfacher Schweizer Meister auf der Bahn und Doppel-Paralympics-Sieger von Rio de Janeiro 2016. Und sechs Mal ist er schon zum Schweizer Behindertensportler des Jahres gewählt worden

Es liessen sich noch eine Menge Erfolge aufzählen. Ein Eintrag fehlt aber noch: der Weltrekord im Marathon. Er sagt:

«Diese Bestmarke ist nach zwanzig Jahren fällig.»

Sein Landsmann Heinz Frei hat sie aufgestellt – in Oita: 1999 bewältigte er die 42,195 Kilometer in 1:20:14 Stunden. Die persönliche Bestzeit von Hug liegt 38 Sekunden über dem Weltrekord.

Natürlich geht Hug in Oita mit Ambitionen an den Start. Aber er redet nicht davon, dass er dieses Jahr den Weltrekord verbessern wird. «Es gibt Faktoren, die ich nicht beeinflussen kann wie zum Beispiel die Wetterbedingungen», sagt er. Zudem fragt er sich: «Bin ich Mitte November, wenn das Rennen stattfindet, noch frisch genug nach dem grossen Pensum?»

Der hartnäckige Konkurrent

Der Thurgauer, dessen optisches Markenzeichen ein Silberhelm ist, versprüht aber sehr wohl Zuversicht und nicht etwa Zweifel. Und er scheut schon gar nicht den Konkurrenzkampf, im Gegenteil. Der erst 21-jährige US-Amerikaner Daniel Romanchuk ist einer seiner hartnäckigsten Rivalen geworden, «aber er hat auch dazu beigetragen, dass ich mich verbessert habe», sagt Hug, «die Herausforderung, gegen ihn zu bestehen, treibt mich extrem an». Er gilt als Sportler, der offen ist für neue Methoden, der sich in Details vertiefen kann und sich intensiv mit seinem Trainer Paul Odermatt austauscht.

Hug schreibt auf seiner Website: «Ich will als Sportler respektiert und nicht als Behinderter bewundert werden.» Dazu der Satz:

«Ich mache Sport, obwohl ich im Rollstuhl bin, und nicht, weil ich im Rollstuhl bin.»

An diesem Herbsttag in Nottwil sagt er: «Für mich ist das, was ich mache, keine Wahnsinnsleistung. Ich meistere mein Leben, wie ich das für gut und richtig halte und unterscheide mich nicht von anderen Menschen.» Zur Welt kam er mit einem offenen Rücken und ist Zeit seines Lebens auf den Rollstuhl angewiesen: «Ich kenne gar nichts anderes.»

Die Gedanken an Tokio 2020

Wenn er aus Japan in die Schweiz zurückkehrt, wird er sich zwei Wochen Ferien gönnen und dabei «die Seele baumeln lassen», so drückt er es aus, «einfach einmal nichts machen». Die Planung der Zukunft aber, die läuft. Hug beschäftigt sich mit den Paralympics in Tokio im kommenden Jahr – und strebt daneben weitere Medaillen an. Und wie lange wird der Sport noch seine Agenda diktieren? «Ich denke vorderhand nicht weiter als bis Tokio 2020.Was danach ist, lasse ich offen.»

Hug verabschiedet sich. Er geht die letzten Aufgaben der Saison mit aller Konsequenz an. Eine Frage noch: Was gönnen Sie sich eigentlich nach einem grossen Erfolg? «Wenn ich mit meiner Leistung zufrieden bin, kann es sein, dass ich am Flughafen bei McDonald’s vorbeischaue.»

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