Rollstuhlsport
Vierfacher Gold-Gewinner Marcel Hug: Kommt nach einer grandiosen Saison nun der Rücktritt?

Rollstuhlsportler Marcel Hug gewann an den Paralympics vier Mal Gold und hat die beste Saison seiner Karriere hinter sich. Nun weiss der 35-jährige Ostschweizer nicht, ob er weitermachen wird.

Peter Birrer
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«Silver Bullet» Marcel Hug gewann an den Paralympischen Spielen in Tokio 2021 viermal Gold.

«Silver Bullet» Marcel Hug gewann an den Paralympischen Spielen in Tokio 2021 viermal Gold.

Simon Bruty / AP

Abschalten. Den Kopf lüften. Nicht in den Rennrollstuhl steigen. Drei Wochen lang Ruhe geniessen. Und zurückblicken. Was war das nur für ein Jahr! Eine überragende Saison voller Emotionen, geprägt von unzähligen Eindrücken und Bildern. Aber Marcel Hug hatte nie wirklich Zeit, um sie zu verarbeiten. Um zu realisieren, was in diesem 2021 alles passiert ist.

Er sitzt im Foyer des Schweizer Paraplegiker-Zentrums in Nottwil, draussen ist es kalt und grau. Einer dieser Novembertage, an dem es nie richtig hell zu werden scheint. Aber das trübe Wetter kann der Stimmung des 35-Jährigen nichts anhaben. «Was ich erreicht habe, übersteigt eigentlich meine Vorstellungskraft immer noch», sagt er.

Vier besonders prägende Eindrücke aus dem Jahr 2021

Hug, der in Anlehnung an seinen silbernen Helm den Übernamen «Silver Bullet» trägt, hat ganz viele Highlights erlebt. Wenn er sich auf ein paar wenige beschränken soll, nennt er deren vier. Den Anfang macht nicht ein Medaillengewinn, sondern ein Vorlauf an den diesjährigen Paralympics in Tokio. Er startet dort mit einem Rennrollstuhl, der während vier Jahren eigens für ihn entwickelt worden ist. Die Zuversicht ist da, das schon, aber Hug hat mit dem OT FOXX M1 noch kein Rennen bestritten. Darum: Wie fühlt sich es sich im Wettkampf an? Kann er die hohen Erwartungen erfüllen? Mit dem Druck umgehen?

Der erste Einsatz am 27. August wird zum Schlüsselerlebnis. Hug absolviert eben jenen Vorlauf über 5000 m, zieht kurz vor Schluss am grossen Herausforderer Daniel Romanchuk aus den USA vorbei und stellt in 9:53,26 Minuten einen paralympischen Rekord auf. «Da wusste ich endgültig: Es funktioniert», sagt der gebürtige Thurgauer, der seit 2018 Ehrenbürger seiner früheren Wohngemeinde Pfyn ist, seinen Lebensmittelpunkt aber längst nach Nottwil an den Sempachersee verlegt hat.

Die erste Goldmedaille an den Spielen in Tokio nahm Hug die Anspannung.

Die erste Goldmedaille an den Spielen in Tokio nahm Hug die Anspannung.

Ennio Leanza / KEYSTONE

Das zweite Bild, das er erwähnt, ist der Sieg im Final über 5000 m. Die erste Goldmedaille der Spiele sorgt für Erleichterung und gibt zusätzlichen Schub. Hug lässt sich nicht mehr bremsen, holt Gold über 1500 m, im Sprint über 800 m - und im abschliessenden Marathon. Natürlich, ihn berührt jeder dieser triumphalen Momente emotional, aber wenn er einen Wettkampf hervorheben soll, nennt er jenen über 1500 m, als er einen Weltrekord aufstellt.

Und schliesslich hält das Jahr für ihn noch einen intensiven Moment bereit, nicht an den Paralympics, aber ebenfalls an einem Anlass in Japan. Am 21. November gelingt ihm in Oita etwas Spezielles im Marathon, etwas, für das selbst ihm fast die passenden Worte fehlen: In 1:17:47 Stunden stellt er einen Weltrekord auf. 22 Jahre lang hatte die Bestmarke von Heinz Frei Bestand, nun verbesserte Hug die Zeit um nicht weniger als 2:27 Minuten. «Jahrelang haben sich alle die Zähne am Marathon-Weltrekord ausgebissen», sagt er, hält kurz inne und fährt fort: «Es ist noch gar nicht richtig bei mir angekommen, was mir nun gelungen ist.»

Weitermachen? Aufhören? «Ich ziehe alles in Betracht»

Marcel Hug kam während der intensiven Saison kaum einmal dazu, einen seiner Erfolge auszukosten. Weiter, immer weiter, das ist sein Motto gewesen, das Motto eines Spitzenathleten, der getrieben ist vom Ehrgeiz, höchsten Ansprüchen gerecht zu werden. Er setzt sich gewöhnlich selber am stärksten unter Druck. «Das Programm liess es kaum zu, sich einmal auszuruhen», sagt Hug, «und vielleicht wollte ich es ja auch nicht, weil ich unter keinen Umständen den Fokus verlieren wollte.» Und jetzt, da die Pause angebrochen ist, liegen die Paralympics schon weit zurück: «Die Erinnerungen bleiben, aber die Emotionen sind mit einigen Monaten Abstand nicht mehr dieselben.»

Marcel Hug (rechts): «Die Erinnerungen bleiben, aber die Emotionen sind mit einigen Monaten Abstand nicht mehr dieselben.»

Marcel Hug (rechts): «Die Erinnerungen bleiben, aber die Emotionen sind mit einigen Monaten Abstand nicht mehr dieselben.»

Alexandra Wey / KEYSTONE

In den vergangenen Monaten hat sich Hug in der Form seines Lebens präsentiert, das sagt er selber auch. Aber nach der grandiosen Saison beschäftigt er sich mit einer grossen Frage: Wie sieht die Zukunft aus? Macht er weiter? Oder ist der Moment gekommen, um die Karriere zu beenden? Klar ist für ihn, dass sich ein Jahr wie dieses nicht übertreffen lässt. Klar ist aber auch, dass er immer noch Spass am Alltag als Profi hat. Dass er immer noch gerne bereit ist, bis zu 30 Stunden wöchentlich zu trainieren und daneben die administrativen Dinge eigenhändig zu erledigen. Ein Management hat er nie gehabt. Und doch ist ungewiss, ob er weitermacht.

«Ich ziehe sämtliche Optionen in Betracht», sagt er nun. Das benötigt einiges an Zeit, weil der Entscheid von beträchtlicher Tragweite sein wird. Er will Gespräche führen mit Leuten, die ihn seit langem eng begleiten. Das sind Menschen aus dem familiären Umfeld, das ist sein Trainer Paul Odermatt, das ist auch seine Sportpsychologin. Tendenzen gibt es derzeit noch keine: «Vielleicht war es das. Vielleicht eröffnen sich aber in den nächsten Wochen auch ganz neue Perspektiven mit neuen sportlichen Zielen.»

Für Langeweile ist in seinem Leben kein Platz

Eine Möglichkeit wäre es auch, sich verwehrt auf den Marathon zu konzentrieren. «In meinem Alter ist diese Distanz kein Problem», sagt er, «schwieriger wird es auf der Bahn, wenn es zum Beispiel über 800 Meter geht. Am Start bin ich nicht mehr so explosiv wie früher.»

Marcel Hug am 3000-Meter-Lauf beim «Weltklasse Zürich» 2021 im Letzigrund.

Marcel Hug am 3000-Meter-Lauf beim «Weltklasse Zürich» 2021 im Letzigrund.

Ennio Leanza / KEYSTONE

Hug setzt sich unaufgeregt mit dieser Frage auseinander. So sorgfältig er an der Entwicklung seines Rennrollstuhls mitgewirkt hat, so gezielt bereitet er sich auch auf sein Leben nach der Karriere vor. Für Langeweile wird darin kein Platz sein. Jetzt schon hält Hug Referate, redet vor Publikum über verschiedene Aspekte und Erfahrungen eines Spitzensportlers, und denkbar ist, dass er sein Wissen als Trainer einbringen wird. Für Erste freut er sich auf die Ferien, er spürt nicht primär eine körperliche, sondern eine mentale Müdigkeit. Aber ihn stört das nicht. Weil er eines mit strahlendem Gesicht sagen kann: «Ich bin sehr glücklich.»

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