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Roglic fliegt jetzt die Berge hinauf

Als Skispringer war Primoz Roglic Junioren-Weltmeister, nach einem schweren Sturz tauschte der Slowene Bretter gegen Reifen. Nun fährt der Quereinsteiger bei der Tour de France um den Gesamtsieg mit.
Christoph Leuchtenberg (SID), Carcassonne
Stark am Berg und im Zeitfahren: Primoz Roglic. (Bild: Kim Ludbrook/EPA (Alpe d’Huez, 23. Juli 2018))

Stark am Berg und im Zeitfahren: Primoz Roglic. (Bild: Kim Ludbrook/EPA (Alpe d’Huez, 23. Juli 2018))

Dass er das mit dem Bergauf womöglich weitaus besser beherrscht als das mit dem Bergab, musste Primoz Roglic schmerzhaft am eigenen Leib erfahren. Im März 2007 war das, lange bevor der Slowene nun die Tour de France aufmischt, in seinem ersten Sportlerleben als Skispringer. Damals nagelte eine Windböe den frischgebackenen Junioren-Weltmeister im Training zum Weltcup-Fliegen in Planica fürchterlich in den Hang.

Wie durch ein Wunder überstand der 17-Jährige dies ohne schwere Verletzungen, jedoch verlor Roglic danach den Anschluss an die Elite. «Ich wollte der beste Skispringer der Welt werden, der Traum hat sich nicht erfüllt», sagt Roglic: «Deshalb habe ich umgedacht und etwas anderes gemacht.» Vor sechs Jahren begann er mit dem Radsport, nach einem Jahr wurde er Profi – und mittlerweile hat er es eben auf dem zweiten Bildungsweg zu einem der Weltbesten gebracht.

Nach einer Karriere wie aus dem Märchenbuch ist der heute 28-Jährige nun Vierter der Tour-Gesamtwertung und damit erster Verfolger der «Big Three» Geraint Thomas, Chris Froome und Tom Dumoulin. Dass es sein Jahr werden könnte, hatte Roglic schon als Sieger der Baskenland-Rundfahrt und der Tour de Romandie angedeutet. Dennoch müssen sich selbst die Verantwortlichen seines LottoNL-­Teams regelmässig kneifen. «Sein Weg als Radsportler ist phänomenal», sagt der Sportliche Leiter Merijn Zeeman: «Für uns ist es traumhaft zu sehen, wie er sich entwickelt.»

Wenn Roglic den Wechsel von den Brettern auf die Reifen schildert, klingt es hingegen wie das Normalste auf der Welt. «Nachdem ich mit dem Skispringen aufgehört hatte, habe ich Duathlons (Laufen, Radfahren, Laufen; die Red.) bestritten. Im Ausdauersport war ich immer gut, ich bin aber vornehmlich gelaufen.» Ein eigenes Rad besass er nicht einmal. «Das habe ich mir von meinem Nachbarn geliehen. Es war kein Renn-, sondern ein normales Strassenrad. Im Wettkampf war das fürchterlich.» Also kaufte sich Primoz Roglic ein Wettkampf-Bike und legte richtig los. So einfach.

Nachvollziehbare Entwicklung

So einfach? Fachleute sehen die Entwicklung des Slowenen als bemerkenswert, aber nachvollziehbar an. «Wenn die körperlichen Grundlagen stimmen, braucht es ein, zwei Jahre, um die Techniken zu lernen», sagt Jean-Jacques Henry, Trainer am World Cycling Centre des Rad-Weltverbandes UCI in der Schweiz: «Das Glück von Roglic war, dass er als Slowene noch mit 22 Jahren ein kleines Profiteam finden konnte. In Frankreich, Spanien oder Italien wäre das viel komplizierter gewesen.»

Und auch Roglic sieht seinen Umstieg nicht als Weltsensation an. «Ich konnte vieles vom Skispringen mitnehmen, Koordination oder Flexibilität – ich probiere, alles Gelernte von damals heute zu nutzen. Es ist alles sehr schnell gegangen, aber ich versuche, keine Lernschritte auszulassen.» Dabei ist Roglic bereits sehr weit, stark im Anstieg wie im Zeitfahren, ein perfekter Rundfahrer. Schon bei der laufenden Tour ist bei gut zweieinhalb Minuten Rückstand auf Gelb vor den Pyrenäen ein ganz grosser Coup nicht unmöglich.

Dazu muss der Skispringer von einst aber diesmal die Berge hinauffliegen.

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