Roger Federers grosser Sommer-Poker – Die Verlockungen in London, Tokio und New York

Vielleicht führen die lange Pause und der gezielte Aufbau dazu, dass Roger Federer dann in Hochform ist, wenn seine Kontrahenten, Novak Djokovic und Rafael Nadal, sich in der Jagd auf seine Rekorde müde gespielt haben.

Simon Häring
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Federer könnte im Sommer ernten, was er in den kommenden Wochen sät.

Federer könnte im Sommer ernten, was er in den kommenden Wochen sät.

Bild: Keystone

Die Nachricht kam praktisch aus dem Nichts, und sie lässt viel Raum für Spekulationen. Er habe sich einem arthroskopischen Eingriff am rechten Knie unterzogen, meldete Roger Federer, und er verpasse deswegen die Turniere in Dubai, Indian Wells, Miami und die French Open in Paris. Die Ärzte hätten bestätigt, dass es die richtige Entscheidung gewesen sei. Dann bedankte er sich für die Unterstützung seiner Anhänger und sagte, er freue sich auf die Rasensaison. Details zur Verletzung verriet er nicht, wie auch Manager Tony Godsick nicht. Einzig die französisch Sportzeitung «L’Equipe» konnte über Guy Forget, den Turnierdirektor von Roland Garros, Einzelheiten in Erfahrung bringen.

Demnach habe es sich um einen kleinen Eingriff wegen eines Problems am Meniskus gehandelt. Im Januar 2016 hatte Federer sich den Meniskus im linken Knie gerissen, kehrte aber bereits Mitte April wieder zurück. Später kamen Probleme mit dem Rücken hinzu, ehe er sich nach Wimbledon dazu entschlossen hatte, die Saison zu beenden. Es war die grösste Zäsur in seiner Karriere. Federer stürzte in der Weltrangliste von Rang 3 bis auf Platz 17 ab. Den Fehler, zu früh zurückzukehren, will Federer diesmal vermeiden, zumal, wie vor vier Jahren, wieder Olympische Spiele auf dem Programm stehen. In Anbetracht dessen, dass Federer im August seinen 39. Geburtstag feiert, dürften die Titelspiele in Tokio seine letzten sein.

2012 gewann Roger Federer in London Olympia-Silber im Einzel.

2012 gewann Roger Federer in London Olympia-Silber im Einzel.

Bild: Keystone

«Ich zeige nicht gerne Schwäche»

Roger Federer redet gerne und viel, ist zugänglich und bemerkenswert offen. Geht es aber um Verletzungen, gibt selbst der Baselbieter sich gerne zugeknöpft und lässt sich nicht gerne in die Karten schauen. In Australien, wo er Probleme mit den Adduktoren hatte, sagte er, nachdem er sich während eines Spiels in der Kabine hatte behandeln lassen: «Ich mache das nicht gerne, denn es ist ein Zeichen von Schwäche. Und das will man nicht – Schwäche zeigen.» Also setzt er sein Pokergesicht auf. Lässt den Eindruck erwecken, als wäre nichts. Und als wäre ein Ballwechsel im fünften Satz im Final eines Grand-Slam-Turniers nicht bedeutender als der erste der Partie. Courant normal. Implosion statt Eruption der Gefühle.

So intuitiv Roger Federer Tennis spielt, so kalkuliert, pragmatisch und opportunistisch sind viele seiner Entscheidungen neben dem Platz. Die Pause nach der Knieoperation ist einerseits als Vorsichtsmassnahme zu verstehen, andererseits auch als grosser Poker. Federer, im August 39 Jahre alt, setzt in seinem vielleicht letzten Jahr im Tennis-Zirkus alles auf eine Karte. Auf die Periode zwischen Ende Juni und Mitte September, in die Wimbledon (ab 29. Juni), die Olympischen Spiele (ab 25. Juli) und die US Open (ab 31. August) fallen. Es sind 12 Wochen, in denen Federer sich sportliche Denkmäler setzen könnte. Die Pause als kluger Schachzug.

Seit Jahren in New York mit Blessuren

2018 litt Federer bei den US Open unter Hitze unf Luftfeuchtigkeit.

2018 litt Federer bei den US Open unter Hitze unf Luftfeuchtigkeit.

Bild: Keystone

Denn spätestens bei den US Open in New York hatte der fünffache Sieger (2004 bis 2008) seit seinem letzten Final-Vorstoss 2015 immer mit körperlichen Beschwerden zu kämpfen: 2016 liess Federer die US Open ganz aus, 2017 hatte er auf der Jagd nach Rang 1 in der Weltrangliste sein Programm kurzfristig umgestellt, war in Montreal angetreten, und hatte sich dort im Final am Rücken verletzt. Zwar erreichte er bei den US Open die Viertelfinals, sagte danach aber: «Ich bin froh, ist es vorbei.» 2018 machten ihm Hitze und Luftfeuchtigkeit dermassen zu schaffen, dass er kaum atmen konnte, nach der Niederlage in den Achtelfinals in der Kabine fast kollabiert wäre, und sich in ärztliche Obhut begeben musste. Und 2019 behinderte ihn in den Viertelfinals wieder einmal der Rücken.  

Vielleicht führt die Pause und der gezielte Aufbau für die Höhepunkte im Sommer dazu, dass Federer gerade dann zur Höchstform aufläuft, wenn seine Kontrahenten, Novak Djokovic und Rafael Nadal, sich in der Jagd auf seine Rekorde müde gespielt haben, in Indian Wells und Miami, in Monte Carlo und Madrid, in Rom und in Paris. Wie damals, im Sommer 2017, als Federer auf die gesamte Sandsaison verzichtet hatte, und fünf Jahre nach seinem bis dahin letzten Erfolg zum achten Mal in Wimbledon triumphiert hatte. Federer hätte mit Sicherheit lieber in Dubai, Indian Wells und Miami gespielt. Doch gerade mit Blick auf die Verlockungen des Sommers, dürfte ihm der Zeitpunkt des Eingriffs nicht gänzlich ungelegen kommen.

Fitnesstrainer Pierre Paganini in der Schlüsselrolle

Medizinisch ist Federer bei Roland Biedert, dem früheren Davis-Cup-Teamarzt, in besten Händen. Der Berner hat im Sommer 2017 die beiden komplizierten Knieoperationen bei Stan Wawrinka durchgeführt. Biedert war im Winter 2014 auch kurzfristig nach London gereist, als Federer das Endspiel der World Tour Finals wegen einer Verletzung am Rücken nicht hatte bestreiten können. Nur sieben Tag später führte Federer damals die Schweiz in Frankreich zum ersten Davis-Cup-Sieg. Mit Federer ist Biedert freundschaftlich verbunden. Er begleitet ihn inzwischen auch an Turniere. Eine Schlüsselrolle fällt in den nächsten Wochen Fitnesstrainer Pierre Paganini zu, mit dem Federer seit zwei Jahrzehnten zusammenarbeitet, und der als Baumeister des Federer-Comebacks 2017 gilt.

Die Erinnerung an damals dürfte Federer auch Hoffnung und Zuversicht gegen allfällige Zweifel spenden, ob er es wieder an die Spitze schafft. Im Jahr nach seiner ersten Operation am linken Knie gewann er sieben Turniere – darunter die Australian Open, in Indian Wells und Miami, in Halle, Wimbledon, Schanghai und Basel. Federer legte damit auch den Grundstein, um im Jahr darauf, mit 36 Jahren und 195 Tagen und nach fünf Jahren und 106 Tagen Unterbruch, noch einmal die Nummer 1 der Welt zu werden. Am 8. August feiert Roger Federer den 39. Geburtstag. Vielleicht tut er das mit einer Olympia-Medaille um den Hals, oder als neunfacher Wimbledon-Sieger. Oder als Anwärter auf den Sieg bei den US Open. Vielleicht geht sein grosser Poker auf. Es wäre nicht das erste Mal.