Roger Federer zwischen Gott, Greta und Geld: Der ganz normale Wahnsinn

Seit über zwei Monaten hat Roger Federer keinen Ernstkampf mehr bestritten. Und doch verging seither kaum ein Tag, an dem er nicht trotzdem für Schlagzeilen gesorgt hätte. Ein Blick in die Agenda.

Simon Häring, Melbourne
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Roger Federer kennt nur den Ausnahmezustand.

Roger Federer kennt nur den Ausnahmezustand.

Bild: Keystone

Samstag, 16. November 2019: Roger Federers Saison endet mit einer Halbfinal-Niederlage gegen den Griechen Stefanos Tsitsipas beim Final der acht Jahresbesten. In Dubai feierte er den 100. Titel, auch in Miami, Halle und im Herbst zum zehnten Mal in seiner Heimat Basel triumphierte er. Nur die Krönung blieb ihm verwehrt: Im Wimbledon-Final gegen Novak Djokovic konnte er keinen seiner zwei Matchbälle nutzen und verlor mit 6:7 (5:7), 6:2, 6:7 (4:7), 6:4, 12:13 (11:13). Während sich andere in die Ferien verabschieden, sitzt Federer bereits am nächsten Tag wieder im Flugzeug. Sein Ziel: Südamerika, wo er innert sechs Tagen fünf Spiele bestreitet. Auch in der Winterpause vergeht kein Tag, an dem der 38-Jährige nicht irgendwo auf der Welt einen Termin wahrnimmt. Und für Schlagzeilen sorgt. Seit zwei Jahrzehnten führt er ein Leben am Rande des Wahnsinns. Ein Einblick in die Agenda, ohne Anspruch auf Vollständigkeit.

19. November: Federer legt in Argentiniens Hauptstadt Buenos Aires einen ersten Stopp ein. Bei einem exklusiven Gala-Dinner für 1500 Franken pro Person steht er im Mittelpunkt. Wie überall, wo er hinkommt.

20. November: Federer spielt in Chile gegen den Deutschen Alexander Zverev. Das Land befindet sich in der Krise. Was als Studentenrevolte gegen eine Erhöhung der Preise für Metro-Tickets begann, endete mit dem Militär auf den Strassen, 24 Toten, Hunderten von Verletzten und einer neuen Verfassung. Auf die Situation angesprochen, sagte Federer in London, er bereise Lateinamerika nicht in politischer Mission. Am Tag darauf trifft Federer in Buenos Aires eine 107-jährige Anhängerin.

22. November: Soziale Unruhen in Bogotá durchkreuzen Roger Federers Pläne. Teile der Bevölkerung lehnen sich gegen die geplante Arbeitsmarkt- und Rentenreform auf. Kolumbiens Präsident Ivan Duque verhängt eine Ausgangssperre. Das Spiel wird abgesagt. Federer: «Ich fühlte mich nicht wohl dabei. Die Menschen müssen sicher wieder nach Hause kommen.» Bei Federer fliessen Tränen. Das Spiel wird nun am 4. März nachgeholt.

Alexander Zverev tröstet den in Tränen aufgelösten Federer.

Alexander Zverev tröstet den in Tränen aufgelösten Federer.

Bild: ESPN

23. November: Unglaubliche 42'517 Zuschauer wohnen in Mexiko City in einer Stierkampfarena Federers Spiel gegen Zverev bei. Weltrekord. Die beiden Spieler kommen im Helikopter, nur so kann das Spiel pünktlich beginnen. Federer, mit einem Sombrero auf dem Kopf und einem Lachen im Gesicht, erzählt, wie er 1996 erstmals in Mexiko weilte. «Ich verspreche, dass es nicht wieder 23 Jahre dauert, bis ich zurückkomme», sagt Federer.

Vor 42'517 Zuschauern spielt Roger Federer in Mexiko City.

Vor 42'517 Zuschauern spielt Roger Federer in Mexiko City.

Bild: Keystone

24. November: Federer verbringt die fünfte Nacht in Folge im Flugzeug. In Ecuadors Hauptstadt Quito spielen er und Zverev auf einem Platz, der auf dem Äquator aufgebaut worden ist. Tennis in zwei Hemisphären also, und Ballwechsel zwischen Nord- und Südhalbkugel. Abends findet der letzte Schaukampf der Lateinamerika-Tour statt. «Es war für mich eine magische Erfahrung», sagt Federer. Sein nächstes Ziel: New York.

25. November: Roger Federer steigt beim Schweizer Laufschuhhersteller On Running ein. Auf einen Betrag zwischen 50 und 100 Millionen Franken soll sich die Beteiligung belaufen. Federer sagt in der «NZZ am Sonntag»: «Der Batzen war gross genug, dass ich mir das gut überlegen musste.» Federer ist nun in New York, rennt für einen Werbespot in On-Schuhen durch den Central Park, spricht bei NBC in der Today Show und steht bei CNBC vor der Kamera. Es folgen Interviews mit der «Vogue», der «New York Times» und «Forbes Japan». Im Schweizer Fernsehen erklärt Federer in der Sendung «10vor10» die Gründe für seinen Einstieg bei On.

Federer rennt in On-Schuhen durch New York

27. November: Das Interview mit Vogue erscheint. Federer sagt darin: «Wir Schweizer vermarkten uns nicht gerne selber. Federer weilt in den Ferien, vermutlich auf den Malediven. «Ich will abschalten, Bilder von mir am Strand wird es nicht geben. Ich will diese privaten Momente mit der Familie geniessen», zitiert ihn die «Schweizer Illustrierte». Es wird die sechste Nacht in Folge, die Federer in der Luft verbringt.

2. Dezember: Als erstem noch lebenden Schweizer wird Roger Federer die Ehre zuteil, auf einer Münze verewigt zu werden. Die Münzpräganstalt Swissmint wird vom Ansturm überrascht. 12 Millionen Aufrufe registriert die Webseite in den ersten drei Tagen. So gross ist die Nachfrage nach der Federer-Münze. Von den 55'000 Exemplaren im Erstverkauf wurden 33'000 verkauft, die restlichen 22'000 kommen am offiziellen Ausgabetag, dem 23. Januar 2020, auf den Markt. Weil es so gut lief, stockt Swissmint im Mai 2020 auf: Dann gibt es noch einmal 40'000 Münzen zu kaufen. Und es kommt eine Goldmünze des Schweizers auf den Markt. Allerdings wird diese wesentlich teurer, zwischen 600 und 700 Franken soll sie kosten.

Roger Federer gibt es bald als Münze

11. Dezember: Nicht in jedem Ranking liegt Roger Federer vorne, auch nicht in der Schweiz. Die Suchmaschine Google verzeichnete im letzten Jahr für Sänger Luca Hänni und Rapperin Loredana mehr Suchanfragen, Federer landet auf Rang 3. Am meisten Suchen entfielen auf den Begriff «Wimbledon». Wir erinnern uns, allerdings ungern: Federer verlor am 14. Juli 2019 den Final gegen Novak Djokovic mit 12:13 im fünften Satz.

14. Dezember: Federer weilt an seinem Zweitwohnsitz Dubai, wo er sich auf die Saison vorbereitet. Dort trifft er Lana Murad Bataineh. «Ein wahr gewordener Traum», schreibt die Frau, die an der Charcot-Krankheit (auch als Neurale Muskelatrophie bekannt) leidet. Sie kann sich nicht bewegen und nur mit den Augen per Computer schreiben.

Roger Federer mit Lana Murad Bataineh.

Roger Federer mit Lana Murad Bataineh.

Bild: Instagram

15. Dezember: Während sich die Schweizer Sportprominenz bei den Sports Awards im Leutschenbach in Zürich die Ehre gibt, empfängt Roger Federer an der Alserkal Avenue im Industriegebiet von Al Quoz Medien aus aller Herren Länder. Er rührt die Werbetrommel für das «Match for Africa» am 6. Februar in Kapstadt, Südafrika, gegen Rafael Nadal. 50'000 Zuschauer werden zugegen sein. Weltrekord. Der Erlös fliesst in Federers Stiftung, die Kindern in Afrika und der Schweiz Zugang zu Bildung verschafft. Bei der Wahl zum Schweizer Sportler des Jahres wird Federer Zweiter, hinter Schwingerkönig Christian Stucki, der mehr Publikumsstimmen erhält.

17. Dezember: Der TV-Sender «ESPN» strahlt den Dokumentarfilm «Everywhere is Home» (Überall Zuhause) aus, der Federers Reise durch Lateinamerika zeigt. Federer sagt: «Es war eine unglaubliche Reise. Es gab so viele Höhepunkt, es war ein magisches Abenteuer.»

19. Dezember: Es gibt keinen Tennis-Spieler, der populärer ist als Roger Federer. Bereits zum 17. Mal in Folge (!) gewinnt er die Publikumswahl zum beliebtesten Spieler des Männer-Tennis. Rekord. Natürlich.

20. Dezember: Nicht nur in kurzen Hosen, sondern auch im Anzug macht Federer bekanntlich eine gute Figur. Für einmal sind seine Konkurrenten nicht Rafael Nadal und Novak Djokovic, sondern Ryan Gosling, Justin Bieber oder Harry Styles. Bei der Publikumswahl der Modezeitschrift GQ wird Federer zum «Most Stylish Man of the Decade» gekürt. Er brauche nicht mehr als einen dunklen Anzug, um gut und elegant auszusehen, «keine silbernen oder durchsichtigen Stoffe, keine glitzernden Hoodies, einfach nur einen Anzug.» Federer ist jetzt auch offiziell eine Modeikone.

24. Dezember: Nicht etwa in der Schweiz, sondern in Dubai feiert Roger Federer mit seiner Frau Mirka und den vier Kindern Heilig Abend und Weihnachten. «Ich finde es eine wunderschöne Zeit. Wir guetzlen viel und schmücken gemeinsam den Christbaum.» Nicht etwa einen aus Plastik. Für das Fest besorgt Federer in der Wüste eine wahrhaftige Tanne, die schon beim Aufstellen die ersten Nadeln verliert. «Dann riecht es zu Hause auch immer so schön», wie er dem «Blick» verrät.

27. Dezember: Lange währt die Weihnachtszeit im Hause Federer nicht. Federer fliegt für ein Wochenende nach Hangzhou, Ostchina. Dort spielt er zwei Schaukämpfe gegen Alexander Zverev und dreht einen Werbefilm für die Asienspiele, die 2022 in Hangzhou stattfinden. Sein Sponsor Lindt & Sprüngli lanciert derweil einen neuen Werbespot, in dem Federer an der Seite der chinesischen Schauspielerin Xin Zhilei auftritt und auf Mandarin ein gutes Neujahr wünscht. Später sagt Zhilei, die in China selber ein Star ist: «Ich war so nervös. Ich fühlte mich, als würde ich Gott treffen. Roger ist so nett, so zuvorkommend, einfach süss und lustig.» Neujahr feiert Federer nicht in China, sondern mit seinen Liebsten in der Schweiz.

Federer spricht Mandarin

3. Januar: Auf den neu geschaffenen ATP-Cup verzichtet Federer und gibt sich in Dubai den letzten Schliff für die neue Saison. Dazu lässt er gleich drei Schweizer Junioren einfliegen: die 17-jährigen Leandro Riedi, Dominic Stricker und den 16-jährigen Aargauer Jérôme Kym, der im letzten Jahr zum jüngsten Schweizer Davis-Cup-Spieler aller Zeiten wurde. Das Trio vertritt die Schweiz auch im Junioren-Turnier der Australian Open.

Jérôme Kym mit Roger Federer in Dubai.

Jérôme Kym mit Roger Federer in Dubai.

Bild: zVg/Aargauer Zeitung

7. Januar: Zwar bittet Federer um Privatsphäre, trotzdem wird über jeden noch so kleinen Fortschritt bei seinem Bauvorhaben in der Kempratner Bucht in Rapperswil berichtet. Auf dem 18'000 Quadratmeter grossen Gelände mit einem Wert von 40 bis 50 Millionen, auf dem Federer bis im Frühjahr 2021 ein Mehrgenerationenhaus entstehen lässt, sei früher eine Ziegelei gestanden, berichtet die «Linth-Zeitung». Scharfkantige Abfälle mit Glas- und Metallsplittern seien im Untergrund. Federer habe deshalb ein Baugesuch eingereicht, um eine Altlastensanierung vorzunehmen, bei der eine 90 Zentimeter dicke Schicht Erde abgetragen werde.

In der Kempratner Bucht entsteht Federers neues Zuhause.

In der Kempratner Bucht entsteht Federers neues Zuhause.

Bild: Keystone

8. Januar: Roger Federer wird bald Sport-Milliardär, berichten zahlreiche Medien. Auf 900 Millionen Dollar wird sein Vermögen geschätzt. Und weil er im letzten Jahr 93,8 Millionen Dollar verdient habe, werde er wohl als vierter Sportler nach dem Basketballer Michael Jordan, dem Golfer Tiger Woods und dem Boxer Floyd Mayweather die Milliarden-Marke knacken. Das Wirtschaftsmagazin «Bilanz» kommt auf ein Vermögen von 500 bis 600 Millionen Franken. Schliesslich kostet Federers Lebensstil auch.

9. Januar: Klimaaktivisten nehmen Federer ins Visier. Sie fordern ihn dazu auf, seine Partnerschaft mit der Schweizer Grossbank Credit Suisse zu überdenken. Diese steht in der Kritik, weil sie in Unternehmen investiert, die fossile Energien wie Kohle oder Fracking fördern. Die Schwedin Greta Thunberg, die Ikone der Klimajugend, befeuert die Kritik an Federer auf ihren sozialen Netzwerke, über die sie vier Millionen Menschen erreicht.

Greta Thunberg, die Ikone der Klimajugend.

Greta Thunberg, die Ikone der Klimajugend.

Bild: Keystone

11. Januar: Federer weilt in Melbourne, wo er mit dem Ukrainer Sergei Stachowski ein erstes Mal in der Rod Laver Arena trainiert. Bereits im Dezember war er mit Klimafragen konfrontiert worden und sagte: «Als Tennis-Spieler reise ich viel im Flugzeug. Habe ich deshalb ein schlechtes Gewissen? Ja und nein. Wenn ich Ja sagen würde, müsste ich meine Karriere sofort beenden.» Später versendet er ein Statement, in dem er die Jugendklimabewegung lobt. «Ich nehme die Auswirkungen und die Bedrohungen durch den Klimawandel sehr ernst.» Er sei den Aktivisten dankbar, dass sie uns alle dazu zwingen würden, unser Verhalten zu überprüfen und nach Lösungen zu suchen. «Wir sind es ihnen und uns selbst schuldig, zuzuhören.» Federer verspricht, den Dialog mit seinen Partnern zu suchen. Ganz Meister der Diplomatie, nennt er weder Greta Thunberg noch die Credit Suisse explizit. Die «Sonntags-Zeitung» spricht von einem Tabubruch und fragt: «Wird Federer jetzt Papst?»

Federer sammelt bei der Rally for Relief Geld

15. Januar: Federer sagt im australischen Fernsehen, er habe sich kurz überlegt, nicht nach Australien zu reisen. In den Tagen zuvor nimmt auch die Credit Suisse endlich Stellung. Abends spielt Federer in Melbourne bei der «Rally for Relief» in der Rod Laver Arena. Beim Benefizspiel und den weiteren Aktivitäten werden knapp fünf Millionen Franken für die Opfer der Buschbrände in Australien gesammelt. Federer und sein Rivale Rafael Nadal steuern gemeinsam 250'000 australische Dollar bei. Am Tag darauf findet die Auslosung zu den Australian Open statt. Ab jetzt steht Federer wieder als Tennis-Spieler im Fokus. Und nicht mehr als Bauherr, als Modeikone, Werbeträger, oder Zielscheibe für Klimaaktivisten.

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