Roger Federer
Roger Federer steht beim Final der Jahresbesten in den Halbfinals – doch richtig glücklich ist er nicht

Mit drei Siegen aus drei Spielen steht Roger Federer beim Final der Jahresbesten in den Halbfinals. Trotz seinem souveränen Halbfinal-Einzug ist er nicht restlos glücklich.

Simon Häring
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Roger Federer strebt bei den ATP Finals seinen siebten Sieg an

Roger Federer strebt bei den ATP Finals seinen siebten Sieg an

KEYSTONE/PPR/KURT SCHORRER

Schon am Dienstag, nach seinem Sieg gegen Alexander Zverev, steht Roger Federer beim Final der acht Jahresbesten als Sieger seiner Gruppe und erster Halbfinalist fest. Mit dem Erfolg gegen Marin Cilic beendet er die Gruppenphase zum 10. Mal bei 15 Teilnahmen ohne Niederlage.

Nur drei Mal – 2002 gegen Hewitt, 2009 gegen Dawidenko und vor vier Jahren gegen Nadal – verlor er danach in den Halbfinals. Sechsmal gewann Federer den Jahresfinal, und es wäre eine Überraschung, wenn er seine Traumsaison, in der er sieben der elf Turniere gewann, die er in diesem Jahr bestritten hat, am Sonntag nicht mit einem neuerlichen Turniersieg beschliessen würde.

Sechsmal gewann Roger Federer den Jahresfinal.

Sechsmal gewann Roger Federer den Jahresfinal.

KEYSTONE/AP/KIRSTY WIGGLESWORTH

Denn mit Novak Djokovic fehlt jener Spieler verletzt, der ihm in London seit 2009 nicht weniger als vier Niederlagen zugefügt hat. Rafael Nadal musste sich nach nur einem Gruppenspiel wegen einer Blessur am Knie zurückziehen. Mit Grigor Dimitrov, Jack Sock und David Goffin sind die drei anderen Halbfinalisten allesamt Debütanten. Zudem hat der Baselbieter die letzten 13 Partien allesamt gewonnen und dabei in Schanghai und Basel die Turniersiege 94 und 95 gefeiert.

Grübelnd und unzufrieden

Roger Federer (36) hätte wahrlich allen Grund, mit sich und der Welt im Reinen zu sein. Und doch mischt sich in die Lust und die Spielfreude, die ihn in diesem Jahr nach langer Pause mehr denn je anzutreiben schien, auch ein wenig Frust. Frust über ungenutzte Breakchancen. Ärger über die eigene Rückhand. Unmut darüber, dass viel zu selten das zu gelingen scheint, was er sich doch so sehr vorgenommen hatte.

Er schüttelt den Kopf, schlägt Bälle hoch in die Luft, sitzt beim Seitenwechsel in Gedanken versunken und mit finsterer Miene auf seinem Stuhl – grübelnd und unzufrieden. Weder gegen Sock noch gegen Zverev und auch nicht gegen Cilic hatte er jenes Niveau erreicht, das er von sich erwartet hatte. Gescheitert war er an einem Massstab, an dem sich jeder andere die Zähne ausbeisst: sich selbst.

Roger Federer erreichte an den ATP-Finals noch nicht das Niveau, das er von sich erwartet hatte.

Roger Federer erreichte an den ATP-Finals noch nicht das Niveau, das er von sich erwartet hatte.

KEYSTONE/GEORGIOS KEFALAS

Die Zuschauer in der Londoner O2-Arena, dieser zweckentfremdeten Konzerthalle, die in diesem Jahr mit dem Fehlen von Djokovic, Andy Murray und Stan Wawrinka teilweise fast schon blutleer wirkt, bekommen einen anderen Federer zu sehen, als jenen, den sie seit 2009, seit die World Tour Finals dort ausgetragen werden, lieben gelernt haben. Es liegt weniger Zauber und Magie im Spiel, dafür mehr Leidenschaft.

Das mag viel damit zu tun haben, dass die Gegner solche sind, die Federer auch an einem weniger guten Tag besiegt – wie Cilic, der alles richtig machte und doch zum achten Mal im neunten Duell mit dem Schweizer den Kürzeren zog. Es scheint fast so, als sei Federer auf der Suche nach einem Referenzpunkt.

Die Grössten des Sports pflegen, an Herausforderungen und Rivalitäten zu wachsen. Weil diese fehlen, beschäftigt Federer sich mit anderen Dingen. Mit den Bällen, die schwerer seien als anderswo und teilweise komisch abspringen würden. Mit der Rückhand, die er deutlich mehr mit Slice spielt als in den vergangenen Monaten, und der Balance in seinem Spiel.

«Jetzt rege ich mich nicht mehr auf»

Trotz seiner drei Siege glaubt Federer, er habe diese noch immer nicht gefunden. Das nervt. «Ich fühlte mich einfach nicht restlos wohl», sagte er nach dem Sieg gegen Zverev. «Es geschieht nicht von alleine, du musst dir alles hart erarbeiten», zog er nach dem Spiel gegen Cilic ein Fazit. Für ihn war es dort nur noch um 200 Weltranglistenpunkte und eine Siegprämie von 191 000 Dollar gegangen.

Im Vordergrund stand, das ungute Gefühl, das ihn nach jedem Fehlschlag zu überkommen schien, abzustreifen. «Es ist mir nicht so gut gelungen, wie ich es mir erhofft hatte», sagte er entwaffnend ehrlich. Auch er wusste, dass Cilic ab Mitte des Spiels stark abgebaut hatte. Stattdessen sah man einen ungewohnt oft hadernden Federer. Nur: Wieso?

Roger Federer fühlte sich nach dem Sieg gegen Zverev nicht restlos wohl.

Roger Federer fühlte sich nach dem Sieg gegen Zverev nicht restlos wohl.

KEYSTONE/AP Keystone/GEORGIOS KEFALAS

Diese Frage stellte er sich; nicht zum ersten Mal in diesem Turnier. Selbst als er gegen Zverev im dritten Satz mit 5:1 vorne lag und nur noch ein Game für den Einzug in die Halbfinals benötigte, vermisste er bei sich die Lockerheit. «Ich war frustriert, weil ich falsche Entscheidungen traf. Aber dann habe ich mich gefragt, wieso ich überhaupt so reagiere.

Ich habe keinen Grund dazu.» Und doch tappte er gegen Cilic wieder in die gleiche Falle, die Falle des Perfektionisten. Erst ab Spielmitte konnte er sich davon befreien. «Ich habe mir gesagt: ‹Jetzt rege ich mich nicht mehr auf und spiele locker. Sonst verpuffst du nur unnötig Energie. Spiele offensiv, locker und geniesse es.›» Danach habe er endlich einmal befreit aufspielen können.

Roger Federer will gewinnen

Doch wer Federer in London spielen sieht, wird das Gefühl nicht los, dass der Genuss in diesem Jahr nur Mittel zum Zweck ist. Letztlich sei ihm nicht wichtig, wie er gewinne. Er wisse, wie schnell sich ein gutes Gefühl einstellen könne. Darum verzichtete er gestern auf Anraten seiner Trainer auf das Training.

Weil es gilt, Kräfte und Nerven zu schonen für das letzte Wochenende. «Ich bin bereit für einen letzten Effort, danach geht es in die Ferien», sagt Federer. Unbedingt möchte er erstmals seit sechs Jahren das letzte Spiel des Jahres siegreich gestalten. Denn allzu oft wich in den letzten Jahren die Lust am Spiel dem Frust des Verlierens. Es ist sein letztes grosses Ziel, das zu verhindern. Egal, wie.

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