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Interview

Roger Federer: «Als Junior hatte ich Ärger mit meinen Eltern»

Vor 18 Jahren gewann Roger Federer in Mailand seinen ersten Titel. Nun strebt der Baselbieter in Dubai seinen 100. Turniersieg an. Im Interview blickt er zurück auf die «wunderbare Reise», als die er seine Karriere bezeichnet, Ärger mit seinen Eltern und sein Erfolgsrezept.
Jörg Allmeroth, Dubai
Roger Federer peilt in Dubai seinen 100. Titel an. (Bild: EPA / Ali Haider)

Roger Federer peilt in Dubai seinen 100. Titel an. (Bild: EPA / Ali Haider)

Herr Federer, Sie spielen in dieser Woche in Dubai, Sie kämpfen um Ihren 100. Karrieretitel. Es ist Ihre nunmehr 22. Saison im Proficircuit seit den Anfängen 1998. Wie sehr wundert es Sie, noch immer dabei zu sein?

Ich empfinde es als Geschenk, dass ich immer noch am Start bin. Und dass ich nicht etwa nur einfach mitlaufe, sondern noch in der Spitze mitmische und Titel gewinnen kann. Wer hätte das jemals gedacht? Ich jedenfalls nicht. Das war nichts, woran ich glaubte als junger Spieler. Da hat man gedacht, jeder jenseits der Dreissig ist sehr alt. Reif, um aufzuhören.

Gibt es etwas, wo Sie speziell sagen: Das war wirklich entscheidend, um so lange und so erfolgreich zu spielen?

Man braucht vor allem diesen Hunger, immer wieder und immer weiter siegen zu wollen. Du gewinnst ein Turnier ein Mal, zwei Mal, drei Mal. Und du willst mehr. Wenn du irgendwann sehr zufrieden wirst, kannst du diese lange Strecke auch nicht gehen. Als Junior war ich sehr launisch, ich hatte auch Ärger mit meinen Eltern, weil ich manchmal nicht genügend gab fürs Tennis. Aber es änderte sich später komplett. Mehr als 20 Jahre auf der Tour, irgendwie schon verrückt jetzt. Aber ich genieße dieses Leben, die Tage auf der Tour immer noch, auch weil mir meine Familie den nötigen Rückhalt gibt.

Auch wenn nicht jeder Tag ein schöner Tag sein kann. Man verliert, man erlebt Rückschläge.

Das akzeptiert man als Teil dieses Lebens, das gehört dazu, bei jedem Turnier verlieren alle Spieler bis auf den einen Sieger. Man muss grundsätzlich und zuallererst das mögen, was man tut. Und dann muss man schauen, dass man auf seinen Körper achtet, ihn schützt, wo es nur geht. Ich hatte natürlich auch Riesenglück, dass ich von schweren Verletzungen verschont blieb und nicht frustriert an der Außenlinie saß. Aber ich wusste auch rasch: Du musst extrem gut trainieren, dich immer erstklassig vorbereiten, darfst dir keinen Schlendrian erlauben. Du brauchst einfach ein grosses Mass an Selbstdisziplin und Klarheit in deiner Arbeit.

Von vielen erfolgreichen Spielern sagt man gerne, sie hätten sich in Ihrer Laufbahn immer wieder neu erfunden.

Zunächst hatte ich nie in meinem Profileben Mühe, auf den Trainingsplatz zu gehen und mein Programm zu absolvieren. Und zweitens war ich stets bereit, mich auf Neues einzulassen. Diese Offenheit gehört dazu, die Bereitschaft, andere, frische Ideen zu akzeptieren, andere Strategien auszuprobieren, neue Köpfe zum Team dazu zu holen. Ich denke, das war entscheidend, um gerade spät in der Laufbahn weiter erfolgreich zu sein.

Vor 16 Jahren gewannen Sie einen der ersten Profititel hier am Golf. Welche Chancen hätte der Federer von damals gegen den Federer von heute?

Keine grossen Chancen, vermute ich mal. Das Spiel hat sich so stark verändert. Es ist dynamischer, schneller, in gewisser Weise auch unbarmherziger geworden. Die Spieler sind alle athletischer, hervorragend trainiert, das Material produziert noch mehr Geschwindigkeit. Ich bin halt auch besser geworden, ich musste zwangsläufig auch besser werden, weil es immer neue Herausforderungen und neue Gegner gab. Stillstand erlaubt dir das Tennis nicht auf diesem Level.

Wenn man auf die Namen von damals schaut, sind Sie als beinahe einziger übrig geblieben. Rainer Schüttler, einer der damaligen Kollegen und Rivalen, trainiert inzwischen Angelique Kerber. Ivan Ljubicic, den Sie 2003 im Halbfinale schlugen, ist mittlerweile ihr eigener Coach.

Ja, ich bin so etwas wie der Last Man Standing. Es waren andere Zeiten, es war eine andere Tennistour. Ich bin dankbar, so viele Jahre dabei gewesen zu sein, so viele verschiedene Menschen, Typen und Charaktere erlebt zu haben. Es ist eine wunderbare Reise gewesen, mit Erfolgen, die ich niemals für möglich gehalten hätte. Hätten Sie mich damals, als jungen Burschen, gefragt, womit ich zufrieden wäre am Ende meiner Karriere, hätte ich gesagt: Einen Grand-Slam-Titel gewonnen zu haben, wäre fantastisch. Und das war meine ehrliche Überzeugung. Ich erwartete nicht, mal der Beste werden zu können.

Nun sind es 20 Grand-Slam-Titel geworden, viele holten Sie jenseits der Dreissig. Sogar noch einmal nach einem nicht leichten Verletzungs-Comeback.

2017, der Australian-Open-Titel nach gut einem halben Jahr Pause, der längsten Pause in meiner Karriere, das war ein unvergleichlicher Moment. Emotionaler als alles andere. Dieser Sieg hatte auch damit zu tun, sich die nötige Zeit für eine Rückkehr zu lassen, mit den richtigen Leuten die richtigen Entscheidungen zu treffen. Auch darauf kommt es an: Du brauchst ein perfektes Umfeld für dein Leben auf der Tour. Als Tennisprofi sollte man auch eins sein – ein Teamplayer in einer Individualsportart.

Alle 20 Titel in Bildern:

2003 Wimbledon gegen Mark Philippoussis (AUS) 7:6, 6:2, 7:6 (Bild: Gerry Penny / Keystone)
2004 Australian Open gegen Marat Safin (RUS) 7:6, 6:4, 6:2. (Bild: Julian Smith / Keystone)
2004 US Open gegen Lleyton Hewitt (AUS) 6:0, 7:6, 6:0. (Bild: Kathy Willens / Keystone)
2004 Wimbledon gegen Andy Roddick (USA) 4:6, 7:5, 7:6, 6:4 (Bild: ANJA NIEDRINGHAUS)
2005 US Open gegen André Agassi (USA) 6:3, 2:6, 7:6, 6:1 (Bild: Andrew Gombert / Keystone)
2005 Wimbledon gegen Andy Roddick (USA) 6:2, 7:6, 6:4. (Bild: Anja Niedringshaus / Keystone)
2006 Australian Open gegen Marcos Baghdatis (ZYP) 5:7, 7:5, 6:0, 6:2. (Bild: Dennis M. Sabangan / Keystone)
2006 US Open gegen Andy Roddick (USA) 6:2, 4:6, 7:5, 6:1. (Bild: Peter Foley / Keystone)
2006 Wimbledon gegen Rafael Nadal (ESP) 6:0, 7:6, 6:7, 6:3 (Bild: Alastair Grant / Keystone)
2007 Australian Open gegen Fernando Gonzalez (ESP) 7:6, 6:4, 6:4 (Bild: Rob Griffith / Keystone)
2007 Wimbledon gegen Rafael Nadal (ESP) 7:6, 4:6, 7:6, 2:6, 6:2 (Bild: Alastair Grant / Keystone)
2007 US Open gegen Novak Djokovic (SRB) 7:6, 7:6, 6:4. (Bild: Justin Lane / Keystone)
2008 US Open gegen Andy Murray (GBR) 6:2, 7:5, 6:2. (Bild: Charles Krupa / Keystone)
2009 French Open gegen Robin Söderling (SWE) 6:1, 7:6, 6:4 (Bild: BERNAT ARMANGUE)
2009 Wimbledon gegen Andy Roddick (USA) 5:7, 7:6, 7:6, 3:6, 16:14 (Bild: Hugo Philpott / Keystone)
2010 Australian Open gegen Andy Murray (GBR) 6:3, 6:4, 7:6 (Bild: Franck Robichon / Keystone)
2012 Wimbledon Andy Murray (GBR) 4:6, 7:5, 6:3, 6:4 (Bild: Jonathan Brady / Keystone)
2017 Australian Open gegen Rafael Nadal 6:4, 3:6, 6:1, 3:6, 6:3 (Bild: Mark R. Cristiano / Keystone)
2017 Wimbledongegen Marin Cilic 6:3, 6:1, 6:4. (Bild: EPA/FACUNDO ARRIZABALAGA)
2018 Australien Open gegen Marin Cilic 6:2, 6:7, 6:3, 3:6 und 6:1 (Bild: Nicolas Luttiau / Freshfocus)
20 Bilder

Die 20 Grand-Slam-Titel von Roger Federer

In der Branche gibt es viele nur sehr kurzfristige Beziehungen zwischen Spielern und Trainern.

Ich war da immer auf Kontinuität eingestellt, es war wichtig für mich, mit einem vertrauten, gut aufeinander abgestimmten Team zu operieren – ob nun Coach, Fitnesstrainer, Physio. Ich hatte grosses Glück mit allen meinen Trainern, mit den Menschen in meinem Umfeld. Es ist wichtig, dass man gemeinsam durch Höhen und Tiefen geht und zusammenhält.

Sie haben beschlossen, in dieser Saison wieder auf Sand zu spielen, auch die French Open zu bestreiten. Warum?

Weil ich einfach das Gefühl habe, dass ich mir das in diesem Jahr körperlich zutrauen kann. Das war 2017 und 2018 anders, da war ich nicht bereit dafür, eben auch für diese Wechsel von Hartplatz auf Sand auf Gras. Wir haben im Team darüber geredet, es war okay für alle. Ich wollte im Frühjahr wieder auf den Platz, darum gings.

Manche haben die Entscheidung so interpretiert: Bevor Federers Karriere endet, will er noch einmal zum größten Sandplatzturnier zurückkehren.

Nein, das steckte überhaupt nicht hinter diesem Plan. Es war die Frage: Will ich in diesem Jahr Sandplatztennis spielen oder nicht. Und die Antwort war: Ja. 2019 in Paris mitzuspielen heisst überhaupt nicht, dass es auch der letzte Start dort gewesen sein muss. Da wird viel zu viel hineininterpretiert.

Novak Djokovic gewann die letzten drei Grand-Slam-Turniere. Vor einem Jahr steckte er noch in einer größeren Krise. Wie sehr erstaunt Sie diese Wendung?

Ich war eigentlich immer davon überzeugt, dass er wieder die Kurve kriegen wird. Und dann hat er die Frage, ob sein bestes Tennis auch ausreichen wird, um wieder die Topturniere zu gewinnen, sehr souverän beantwortet. Wie er die letzten Grand Slams bestritten hat, war mehr als beeindruckend.

Sie vertreten die Meinung, es sei heute einfacher als früher, diese verschiedenen Majors auch in Serie zu gewinnen.

Schauen Sie: Früher hatte jedes Grand-Slam-Turnier einen spezielleren Spielcharakter. Die French Open waren das klassische Sandplatzturnier, wo du dich auf einem langsameren Untergrund durchkämpfen musstest. Wimbledon war ein Fest für die schnellen Aufschläger, für Serve-and-Volley-Tennis. Nun haben sich die Beläge in der Geschwindigkeit sehr angeglichen. Zugegeben: Auch die Spielweise ist einheitlicher. Du kannst, zugespitzt formuliert, in Wimbledon gewinnen, ohne einmal am Netz gewesen zu sein.

Björn Borg, einer ihrer Mitstreiter beim Laver Cup, gewann Paris und Wimbledon in den 70er-Jahren hintereinander.

…und das war sicherlich eine schwierigere Herausforderung als heute. Da bin ich sicher. Aber wenn Novak nun alle vier Titel zugleich hielte oder alle vier in diesem Jahr gewänne, wäre es gleichwohl eine unglaubliche Sache. Da muss man keine Abstriche machen.

Er würde auch näher an Sie heranrücken, an Ihre 20 Grand Slam-Titel.

Aber diese Situation gibt es schon viel länger. Sie rückt nur jetzt wieder neu ins Bewusstsein. Sind all diese Rekorde für die Ewigkeit? Nein. Das muss jeder Spieler da draußen akzeptieren. Früher schrieb man, Sampras` 14 Titel könnten nie überholt werden. Dann brach ich diesen Wert, vielleicht auch, weil man heute bei den verschiedenen Grand Slams leichter zugleich erfolgreich sein kann. Irgendwann wird es vielleicht jemanden geben, der auch uns alle aus dieser Zeit überholt.

Was würde der 100. Karrieretitel bedeuten?

Es wäre ein Beweis, dass ich mich einigermaßen gut angestrengt hätte in den vielen Jahren auf der Tour (lacht). Ich hoffe, dass ich es bald schaffe und man nicht noch ein paar Monate lang immer wieder darüber sprechen muss.

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