René Higuita – sein Skorpion jährt sich zum 25. Mal, doch er sticht nicht mehr zu

Die wohl berühmteste Torhüterparade in der Fussballgeschichte jährt sich bald zum 25. Mal. Sie erhielt sogar einen Namen: der Skorpion. Um seinen Schöpfer, den einst skandalträchtigen Kolumbianer René Higuita, ist es ruhig geworden.

Andreas Werz
Drucken
Teilen
René Higuita: die wohl spektakulärste Torhüterparade der Geschichte.

René Higuita: die wohl spektakulärste Torhüterparade der Geschichte.

Bild: Keystone

Demnächst fliegt René Higuita wieder durch kolumbianische Fernsehzimmer – so wie er am 6. September 1995 über den Wembley-Rasen von London gesegelt war, vor 25 Jahren also. Der Engländer Jamie Redknapp hatte auf das von Higuita gehütete Tor geschossen. Statt den harmlosen Ball mit den Händen zu fangen, hob der Kolumbianer plötzlich vom Boden ab, flog unter der herannahenden Kugel durch, um sie im nächsten Moment mit zusammengeschlagenen Hacken in hohem Bogen in Richtung Spielfeldmitte zu katapultieren. Nie zuvor hatte die Fussballwelt eine solch spektakuläre Torhüterparade gesehen. Als Ehrerbietung erhielt sie einen eigenen Namen: der Skorpion.

Die tollkühne Abwehraktion eroberte die Welt. Von Grönland bis Samoa rieben sie sich verwundert die Augen. In Kolumbien lief «el escorpión» auch Monate danach täglich im Fernsehen. Dutzende Kinder und Jugendliche wurden mit aufgeschlagenem Kinn oder Brustbeinprellung in Spitäler eingeliefert. Ärzte rieten öffentlich davon ab, Higuitas wahnwitzigen Flug nachzuahmen.

Die Idee zur waghalsigen Parade war dem Goalie bei den Dreharbeiten zu einem Werbespot für einen Getränkehersteller gekommen. In den Jahren danach führte er seine Erfindung mehrfach auf unterschiedlichen Bühnen auf – stets mit Erfolg. Den Spitznamen «el loco», der Verrückte, bekam der Schlussmann allerdings wesentlich früher verpasst.

Besuch beim Drogenbaron

Higuita war mit 175 Zentimetern Körperlänge eigentlich zu klein für ein Fussballgoalie. Gleichwohl brachte es der Lockenkopf zu internationaler Popularität. Das lag weniger an seinen sportlichen Erfolgen (1989 Gewinner der Copa Libertadores – Südamerikas Gegenstück zur Champions League –, 68 Länderspiele, mehrfacher kolumbianischer Meister, Engagements bei 13 Klubs in 6 Ländern, darunter auch ein Gastspiel in Europa, 1991 bei Real Valladolid), sondern daran, dass er den Torhüter neu erfand. Higuita fing als eine Art Libero viele Bälle am oder gar vor seinem Strafraum ab. Gerne machte er den Clown und schob Gegnern den Ball durch die Beine. Higuita steigerte den Showfaktor, indem er Elfmeter und sogar Freistösse verwandelte. 54 Tore erzielte er während seiner Karriere, 43 davon in Wettbewerbsspielen.

Jahrelang verzückte der Paradiesvogel das kolumbianische Volk – bis zur WM 1990 in Italien. Im Achtelfinal wollte er Roger Milla veräppeln. Der Kameruner luchste ihm den Ball ab und schob diesen ins leere Gehäuse. Die Welt lachte über einen Torhüter.

Higuita verdribbelte sich fortan auch ausserhalb des Rasens. 1991 bezeichnete er Pablo Escobar als Freund und besuchte einen der mächtigsten und brutalsten Drogenhändler aller Zeiten im Gefängnis. Zwei Jahre danach sass Higuita selber in einer Zelle. «Es waren die schlimmsten neun Monate meines Lebens», sagt er rückblickend. Der Torhüter trug als Vermittler zwar zur Freilassung eines verschleppten Mädchens bei, nach kolumbianischer Rechtsprechung war er jedoch in einen Entführungsfall verwickelt und machte sich somit strafbar. Im Gefängnis La Modelo in der Hauptstadt Bogotá organisierte er Olympische Spiele für Mitgefangene und stellte Souvenirs für Touristen her. Seine Frau Magnolia brachte ihm sonntags jeweils Schokoladenkuchen vorbei.

Mythos und Legende

Früh lernte Higuita Leid und Trauer kennen, seinen Vater hingegen nie. Die Mutter starb wenige Jahre nach der Geburt ihres Sohnes. Auch Higuitas erste Ehefrau segnete früh das Zeitliche. René wuchs bei seiner Grossmutter auf. Als sie vor wenigen Jahren verstarb, weinte er bitterlich: «Ich habe ihr so viel zu verdanken.» Beispielsweise, dass er nicht auf die schiefe Bahn geraten war, wie viele seiner Jugendfreunde in Castilla, eines der schäbigsten Viertel in der ehemaligen Drogenhochburg Medellín. Dort haben sie ihrem berühmtesten Sohn eine Statue errichtet und die zahlreichen Skandale und Eskapaden verziehen, einschliesslich zweier positiver Dopingtests (Kokain), die Ohrfeige für einen kritischen Journalisten, verschiedene Schönheitsoperationen und peinliche Auftritte in Realityshows.

Higuita ist in Kolumbien längst ein Mythos und eine Legende, auch weil er es von weit unten nach weit oben geschafft hat, oft hingefallen und immer wieder aufgestanden ist, stets ein Lächeln im Gesicht trägt und frei von Allüren ist. Er ist ein Mann des Volkes geblieben.

Hommage an den ermordeten Freund

Zuletzt ist es ruhig um ihn geworden. Der 53-Jährige steht derzeit als Torhütertrainer bei seinem Stammverein Atlético Nacional unter Vertrag. Das Trainingszentrum, eines der modernsten in Südamerika, befindet sich ausserhalb der Vier-Millionen-Metropole Medellin und unweit von Higuitas Landsitz. Auf seiner Finca grasen Pferde und andere Tiere. Das Ehepaar Higuita erhält normalerweise öfters Besuch von seinen drei Kindern und drei Enkeln. Wegen der COVID-19-Pandemie ist das aktuell anders.

Andrés Escobar (links) in seinem ersten Spiel für die Berner Young Boys gegen den FC St. Gallen am 25. Februar 1990 im Stadion Wankdorf.

Andrés Escobar (links) in seinem ersten Spiel für die Berner Young Boys gegen den FC St. Gallen am 25. Februar 1990 im Stadion Wankdorf.

Bild: Keystone

Als Goalie wollte dereinst auch sein Sohn den Lebensunterhalt verdienen. Daraus wurde aber nichts. «Ich war ganz einfach zu schlecht für den Profifussball», sagt Andrés Higuita. Er trägt den Vornamen seines Göttis Andrés Escobar. Dieser spielte 1990 während sechs Monaten für die Berner Young Boys, ehe er vom Heimweh geplagt zu Atlético Nacional zurückkehrte. Am 2. Juli 1994 erlangte der Innenverteidiger traurige Berühmtheit: Wegen eines Eigentores bei der WM in den USA, das ihm beim 1:2 gegen das Team des Gastgebers unterlaufen war und das vorzeitige Ausscheiden Kolumbiens zur Folge hatte, wurde er nach seiner Rückkehr nach Medellín erschossen. Durch die Niederlage hatten Mitglieder der Unterwelt bei illegalen Wetten angeblich viel Geld verloren. Als Hommage an den langjährigen Teamkollegen und Freund tauften René und Magnolia ihren Sohn Andrés.