REKORDTRANSFER: Zauberfuss Neymar, die Ölscheichs und wir

"Das internationale Sport-Business ist verrückt, oft unmoralisch und korrupt, der Faszination tut dies kaum Abbruch", schreibt Chefredaktor Stefan Schmid in seinem Leitartikel zum Rekordtransfer von Neymar zu Paris St-Germain. .

Stefan Schmid
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Neymar ist seit diesem Sommer der teuerste Spieler aller Zeiten. (Bild: Mehdi Taamallah (NurPhoto via ZUMA Press))

Neymar ist seit diesem Sommer der teuerste Spieler aller Zeiten. (Bild: Mehdi Taamallah (NurPhoto via ZUMA Press))

Es ist das Feuilleton des europäischen Sportsommers. Eine Geschichte auch, die weit über den Kreis fussballaffiner Zeitgenossen hinaus für Emotionen sorgt. Der Wechsel des brasilianischen Fussballkünstlers Neymar da Silva Santos vom schillernden FC Barcelona zu Paris St-Germain (PSG), dem Bonzenklub an der Seine, dessen Besitzer nebenbei den Ölstaat Katar am Persischen Golf dirigieren.

Stein des Anstosses ist das hübsche Sümmchen von 222 Millionen Euro – umgerechnet etwa 254 Millionen Schweizer Franken – das über Nacht unter Ausnützung sämtlicher Tricks mutmasslich im Graubereich des internationalen Sportrechts den Besitzer gewechselt hat. Mit diesem Geld könnte sich die Schweizer Armee locker drei nigelnagelneue Kampfjets leisten. Oder es könnten vier Fussballfelder sorgsam mit Hunderter Nötli belegt werden. Wenig überraschend sind daher die Kritiker des Megadeals zahlreich. Von kapitalistischem Wahnsinn ist die Rede, von unbegreiflichen Exzessen, die den Fussball kaputt machen. Sie haben recht – und liegen dennoch falsch, aus dem Fall Moralpredigten abzuleiten.

Das internationale Fussballbusiness, das wir in der Schweiz nur vom Hörensagen kennen, da kein helvetischer Klub nur annähernd in diesen Sphären residiert, ist schon seit geraumer Zeit zur Hochburg des Raubtierkapitalismus und damit zur moralfreien Zone verkommen. Man muss kein Linker sein, um zu dieser Feststellung zu gelangen. Seit Jahren werden Exzesse angeprangert bis hinauf zum Papst, seit Jahren explodieren Löhne und Transfersummen, bis hinunter in unbedeutende Provinzligen – die Begeisterung der Massen für den Fussball, und insbesondere für Zauberfüsse wie jene des 25-jährigen Neymars, hält unvermindert an. Ja, sie bildet gar die felsenfeste Grundlage für diese Millionengeschäfte. Wo keine Nachfrage, da kein Angebot. In dieser Hinsicht ist die Marktwirtschaft ganz simpel.

Was wollen die katarischen Machthaber, für welche die 222 Millionen angesichts ihrer vermuteten Umsätze ein Klacks sind, mit dem Renommierklub PSG?Sie nutzen als tüchtige Geschäftsleute die weltweite Ausstrahlung von Paris, um ihre eigene Geschäftstätigkeit zu optimieren. Und vielleicht – das soll es in diesem testosterongeschwängerten Business ja geben – auch um das eigene Ego ein bisschen zu steigern. Ein Fussballklub ist ein tolles Spielzeug. Zuerst holten sie den schönen David Beckham, dann den exzentrischen Zlatan Ibrahimovic an die Seine. Nun bringt Superstar Neymar noch mehr Glamour in die Stadt der Liebe. «Ici, c’est Paris», heisst übrigens, pariserisch unbescheiden, der Slogan des PSG. Hier ist nicht St. Gallen oder Basel oder Wolfsburg. Hier ist Paris.

Ist die Clique, die hinter Neymars Transfer steht, eine sympathische? Natürlich nicht. Katar ist faktisch eine Familiendiktatur, die Rechte der zahlreichen Arbeitsmigranten werden mit Füssen getreten, die Einkommen sind höchst ungleich verteilt, Rechtsquelle ist die Scharia. Sollen wir deshalb die Spiele von Paris St-Germain boykottieren? Oder die Fussball-Weltmeisterschaft von 2022, die vom Weltfussballverband Fifa bekanntlich in diesen Wüstenstaat vergeben worden ist? Es wird Leute geben, die diese Konsequenz aufbringen. Alle Achtung! So wie es Leute gibt, die den FC St. Gallen meiden, seit er nicht mehr im legendären Espenmoos kugelt. Allein: Das ist eine verschwindende Minderheit.

Die meisten von uns werden sich trotz gemischten Gefühlen am stupenden Spiel Neymars weiterhin ergötzen, werden sich freuen, sollte der PSG dereinst die ebenso von katarischen Scheichs gesponserten Multimillionäre des FC Barcelona aus der Champions-League werfen. Das internationale Sport-Business ist verrückt, oft unmoralisch und korrupt, der Faszination tut dies kaum Abbruch. Der Fussball war nie gerecht. Nur unberechenbar. Was wiederum das Faszinosum erklärt. Wehe, Neymar und sein PSG verlieren einmal gegen Schweizer Meister Basel. Wir werden uns hämisch darüber freuen.