Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben jetzt den Aktivierungslink für Ihr Konto per E-Mail erhalten.

Ihr Konto ist aktiviert. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

REITEN: Wie im Western

Ponygespannfahrer werden im Reitsport oft belächelt. An der WM kommende Woche in Deutschland streben fünf Thurgauer deshalb auch nach Anerkennung für ihren Sport.
Matthias Hafen
Die fünf Thurgauer WM-Teilnehmer nach dem Training auf der Frauenfelder Allmend (von links): Linus Berther, Cédric Scherrer, Vera Bütikofer, Yannik Scherrer und Christof König. (Bild: Andrea Stalder)

Die fünf Thurgauer WM-Teilnehmer nach dem Training auf der Frauenfelder Allmend (von links): Linus Berther, Cédric Scherrer, Vera Bütikofer, Yannik Scherrer und Christof König. (Bild: Andrea Stalder)

Matthias Hafen

matthias.hafen@thurgauerzeitung.ch

Vier Pferde stampfen über das aufgeweichte Terrain, als wären sie wild geworden. Im Schlepptau ziehen sie eine Kutsche. Die Richtungswechsel sind abrupt. Die grossen Speichenräder scheinen an ihre Belastungsgrenze zu kommen. Nur dank viel Geschick bleiben sie am Boden. Der Kutscher ist konzentriert, verliert trotz der Anspannung die Nerven nicht. Die Aufmerksamkeit gilt seinen Händen. Zügel loslassen, Zügel anziehen. Jetzt ist sein ganzes Können gefragt. Auf keinen Fall darf die Kutsche kippen.

Es könnte Hollywood sein, eine Szene aus einem spektakulären Western. Doch es ist die Frauenfelder Allmend, wo an diesem Nachmittag die Ponygespannfahrer trainieren. Kommende Woche findet in Minden, Deutschland, die WM statt. Zu den Teilnehmern gehören auch fünf Thurgauer. Sie sind Landschaftsgärtner, Lehrerin, Hufschmied, Kaufmann. Die Pferde sind ihre Leidenschaft, aber nicht in jedem Fall ihr Beruf.

Idealisten mit Napoleon-Syndrom

Beim Trainingsbesuch wird schnell klar, dass hier Idealisten am Werk sind. Leute, die für die Trainings ihre freien Wochenenden hergeben und für die Wettkämpfe ihre Ferien. Die Stimmung ist konzentriert, aber fröhlich. Es wird gemeinsam gelacht. Keine Selbstverständlichkeit für eine Delegation, die sich aus verschiedenen Sprachregionen zusammensetzt. Die Ponygespannfahrer entkräften auch den Eindruck der versnobten Reiter. Zum Zmittag gibt’s eine Pizza aus der Kartonschachtel. Gegessen wird stehend auf dem Parkplatz.

«Ponygespannfahrer haben das Napoleon-Syndrom», sagt Thomas Scherrer, Vater und Coach der WM-Teilnehmer Cédric und Yannik Scherrer. Ihre Thurgauer Delegationskollegen sind Vera Bütikofer, Linus Ber­ther und Christof König. In der Welt des Reitsports würden sie wegen ihrer kleinen Pferde oft belächelt, so Thomas Scherrer. «Umso mehr müssen sie sich behaupten. Und deshalb ist der Zusammenhalt so gross.» Auch scheint bei ihnen alles ein bisschen unkomplizierter zu sein. Equipenchefin Claudia Spitz ist mit ihren zwei Chihuahuas an der Leine auf den ersten Blick nicht von einer normalen Hundehalterin auf der Allmend zu unterscheiden. Die Trainings verfolgt sie aber mit Argusaugen. Sie nimmt ihre Arbeit ernst.

«Der Ponysport hat’s schwer», sagt Spitz. Selbst innerhalb des nationalen Verbandes SVPS müsse er um Anerkennung ringen. Der Hauptgrund: Beim Fahren ist der Ponysport zwar ein Vollsport, doch im Reiten ist es nur ein Nachwuchssport. «Dabei vergisst man gerne, dass das Niveau beim Fahren genau gleich hoch ist wie mit den grossen Pferden», so Spitz. Auch die Ansprüche an die Fahrer seien gleich hoch. «Es braucht Köpfchen und Händchen. Gespannfahren ist in hohem Mass koordinativ.» Auch sei ein guter Reiter noch lange kein guter Fahrer. «Die Fahrer müssen mit ihrer Stimme, der Leine und vor allem ihrer Peitsche auf das Pferd einwirken», sagt die Schweizer Equipenchefin. «Der Reiter kann fast alles mit seinem Körper tun.»

Temperament der Tiere verlangt Massarbeit

Mit ihren Einspännern, Zweispännern und Vierspännern sind die Schweizer im internationalen Vergleich Aussenseiter. Deutschland und die Niederlande geben im Ponysport den Ton an. Auch Ungarn, wo die Fahrer landesweit respektierte Sportler sind. Von einem solchen Status könnten sie in der Schweiz nur träumen, sagt Equipenchefin Spitz.

Im Hintergrund wird es kurz hektisch. Yannik Scherrer hat mit seinem Vierspänner eine Pylone touchiert, worauf der daraufliegende Ball zu Boden fiel. An der WM hätte es dafür Strafpunkte gegeben. Nur zehn Zentimeter beträgt die Marge links und rechts des Wagens zu den Hindernissen. Gespannfahren ist Präzisionsarbeit und Leistungssport. Und es passt zum Bild der Idealisten, dass sie an der WM in Minden nebst Medaillen vor allem auch nach Anerkennung für ihren Sport streben.

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.