Reisepass und Doppelpass: «Seit wann ist der 97-fache Nationalspieler Brasiliens ein Paraguayer?»

«Der eine, so hiess es, könne denken, der andere spielen»: Unser Kolumnist Pedro Lenz über die Geschichte von zwei brasilianischen Fussballern. 

Pedro Lenz
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Die Geschichte begann wie ein Märchen. Inzwischen gleicht sie eher einem billigen Groschenroman. Es waren einmal zwei Brüder aus Brasilien, beide verdienten sich den Lebensunterhalt im Fussballsport. Der eine hiess Roberto de Assis Moreira und spielte von 1992 bis 1995 und von 1996 bis 1998 beim FC Sion im Wallis. Er war ein einigermassen begabter Mittelfeldspieler, der es zu einigen Einsätzen bei Sporting Lissabon brachte.

Robertos kleiner Bruder Ronaldo de Assis Moreira hatte bedeutend mehr Talent. Unter seinem Künstlernamen Ronaldinho eroberte er die Welt als Star der brasilianischen Nationalmannschaft, als Spielmacher bei Paris St-Germain und als Liebling der Massen beim FC Barcelona. Ronal­dinho spielte 145-mal für die Katalanen und erzielte 71 Tore.

Den Leuten gefiel das unbeschwerte Lachen, das er unentwegt im Gesicht trug. Ronaldinho lächelte nach Siegen und nach Niederlagen, er lächelte an guten und an schlechten Tagen. Er lächelte im Konditionstraining und in den langen Partynächten, die er feierte. Er lächelte eigentlich immer, selbst dann noch, als ihn Trainer Guardiola nicht mehr wollte, weil der lächelnde Künstler sein Spielsystem nicht im Kopf behalten konnte.

Bruder Roberto spielte da schon nicht mehr. Er amtete als Spielerberater seines talentierteren Bruders und handelte ihm lukrative Verträge in Europa, Brasilien und Indien aus. Ronaldinho, der nie längere Zeit ohne seinen grossen Bruder gelebt hatte, tat immer, was Roberto ihm empfahl. Der eine, so hiess es, könne denken, der andere spielen.

Als die beiden vor einigen Wochen in Paraguay einreisen wollten und paraguayische Ausweise bei sich trugen, wurden die Beamten stutzig. «Seit wann ist der 97-fache Nationalspieler Brasiliens ein Paraguayer?», fragten sie sich? Die Brüder wurden verhaftet und angeklagt, Mitglieder einer internationalen Geldwäscherorganisation zu sein.

Roberto organisiert jetzt Freundschaftsspiele im Untersuchungsgefängnis. Ronaldinho, von dem es heisst, er habe das Pulver nicht erfunden, übt mit seinen Knastkameraden den schnellen Doppelpass und lächelt weiter, als wäre alles wie immer.